"Den größten Unterschied macht das Auto"

Foto

Geschlechtergerechtigkeit und Klimaschutz gehören zusammen und Umweltstandards müssen gleichzeitig mit sozialen Bedingungen verbessert werden, sagt Gotelind Alber von Gender CC – Women for Climate Justice. Die Physikerin war lange Zeit Geschäftsführerin beim Klima-Bündnis, einem weltweiten Netzwerk von 1.500 Städten und Gemeinden, die sich zum Klimaschutz verpflichtet haben. Heute forscht sie an der TU Berlin in einem Projekt über Genossenschaften und ist als freie Beraterin tätig.

klimaretter.info: Frau Alber, wer ist Gender CC und was sind Ihre Ziele?

Gotelind Alber: Wir sind ein globales Netzwerk von Frauenorganisationen, Forscherinnen und Forschern zum Thema Gender. Angefangen haben wir vor sechs Jahren, damals fast ausschließlich im internationalen Klimaprozess, um das Thema Frauen und Gender dort hineinzutragen. Denn die Klimarahmenkonvention ist eine der wenigen Vereinbarungen im Umweltbereich, die Frauen und Gender überhaupt nicht erwähnen. Aber aufgrund unserer Forschungen wissen wir, dass es auch wichtig ist, die Menschen, um die es geht, einzubeziehen.

Jetzt gibt es ja fast überall auf der Welt Klimaprogramme, auch in Entwicklungsländern. Da versuchen wir, diese Programme zu "gendern", also geschlechtergerechter zu machen. Aktuell sind dort Fragen von Vulnerabilität und Anpassung. Ganz praktisch geht es zum Beispiel um Unterstände bei Wirbelstürmen in Bangladesch. Da stehen die Menschen vollgepackt und es gibt keine extra Toiletten für Frauen. Also gehen die dort nicht hin. Und das kann schon lebensgefährlich sein. Es ist ja auch so, dass bei solchen Katastrophen meistens mehr Frauen umkommen.

Es geht auch um Ernährungssicherheit, wofür die Frauen in der Regel zuständig sind, oder auch Wasserversorgung. Entsprechend müssen die Prioritäten anders gesetzt werden: Baut man Dämme, wo die Reichen wohnen, oder macht man etwas für die Slums, etwa bessere Infrastruktur?

Was kann man denn beispielsweise in Bangladesch machen, damit sich die Situation der Frauen verbessert?

Unser Partner dort hat jetzt gerade über eine Maßnahme zur Verringerung von Emissionen in einer Ziegelei berichtet. In der Produktion von Ziegeln arbeiten in Bangladesch sehr viele Frauen, die schlechter bezahlt werden als die Männer und die seltener gewerkschaftlich organisiert sind, obwohl sie die gleiche harte Arbeit machen. In dem Projekt bekommen die Ziegeleien einen Zuschuss, um bessere Brennöfen zu bauen, die eine Menge CO2-Emissionen und viele andere, giftige Emissionen vermeiden, wenn sie gleichzeitig den Frauen bessere Gehälter zahlen und ihnen Gewerkschaften ermöglichen.

Es werden also gleichzeitig die Umweltstandards und die sozialen Bedingungen verbessert. In diese Richtung soll es gehen.

Was sind Gender-Themen in Europa?

Bei uns sind die Erwartungen von Männern und Frauen an die Klimapolitik unterschiedlich: Wie sehr sorgen wir uns ums Klima und wollen wir eher technische Lösungen oder eher Verhaltensänderungen? Und wenn Technologie, dann welche. Wollen wir risikoarme wie die Erneuerbaren oder risikoreiche wie die Atomkraft?

Dann ist es auch in Deutschland und Europa so, dass Frauen weniger verdienen und weniger besitzen. Wenn die Maßnahmen rein ökonomisch oder fiskalisch sind, also über Steuern oder den Handel mit Emissionszertifikaten die Preise steigen, trifft das die Leute, die wenig haben, mehr, weil sie prozentual mehr für Energie ausgeben.

Wie weit sind Sie gekommen mit dem Anliegen, Geschlechtergerechtigkeit in die Klimakonferenzen zu tragen?

Vor zehn Jahren hieß es noch:"Was hat denn Klima mit Gender zu tun?" Mittlerweile ist Gender ist ein Thema, das dort verankert ist. Auf den großen Klimakonferenzen gibt es jetzt einen "Gender Day" und das letzte Mal in Doha ist eine Gender-Entscheidung getroffen worden. Ursprünglich sollte es dabei um Gender Equality gehen. Leider ist das runtergekocht worden auf Gender Balance. Das bedeutet eine ausreichendere Teilnahme von Frauen in den offiziellen Delegationen. Jetzt sind alle aufgefordert, ihre Gender Balance zu verbessern, und das UNFCCC-Sekretariat ist aufgefordert, hier Monitoring zu betreiben. Gender soll künftig auch ein Tagesordnungspunkt sein und bei der nächsten Klimakonferenz in Warschau soll es auch um gendersensitive Politik, Training und Capacity Building gehen.

Wie könnte das bei uns in Deutschland aussehen?

Zwei Beispiele habe ich eben in meinem Vortrag dargestellt. Erstens: Die EEG-Umlage. Wir alle zahlen sie über den Strompreis.

... rund ein Fünftel des Endverbraucherpreises von 25 Cent pro Kilowattstunde ...

Ja. Aber wer profitiert davon? Vor allem Männer. Drei Viertel aller Jobs in der Branche der Erneuerbaren haben Männer, ein Viertel Frauen. Das Problem ist, dass fast keines dieser Unternehmen Frauenförderung betreibt, weil sie denken, sie sind sowieso die Guten. Da müssen wir mehr tun.

Und außerdem: Wer investiert denn in Erneuerbare? Wer kann investieren? Das sind eher Leute, die schon Kapital haben und von den hohen garantierten Renditen profitieren. Man weiß von den Umweltbanken, dass Frauen dort deutlich weniger investieren, weil sie weniger Geld haben. Da wäre ein Ausweg, dass Städte, wenn sie öffentliche Dachflächen für Photovoltaik bereitstellen, Gemeinschaftsprojekte bevorzugen, wo man mit einem Anteil von 500 Euro einsteigen kann. Und nicht mit 5.000 oder 50.000.

Und noch ein Beispiel: Die Caritas hat ein großes Beratungsprogramm fürs Energiesparen aufgelegt. Die Energieberater, die dort ausgebildet werden, waren, zumindest in der ersten Phase, fast alles Männer; die Menschen, die sich beraten lassen, sind fast alles Frauen. Da fehlen flankierende Maßnahmen, die Frauen in die Beraterposition bringen, denn das ist ein Zukunftsfeld, das den Frauen Chancen eröffnen würde. Gleichzeitig sollten die Männer stärker angesprochen werden, ebenfalls Beratung anzufordern.

Wie sieht der ökologische Fußabdruck von Männern und Frauen beim CO2-Ausstoß aus?

Frauen essen weniger Fleisch, Männer haben öfter ein energieintensives Freizeitverhalten. Was den Unterschied im ökologischen Fußabdruck aber meisten beeinflusst, ist das Auto und wie es benutzt wird. Frauen sind eher bereit, das Auto stehen zu lassen und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Wir müssen aber schauen, Stereotype zu vermeiden. Es sind ja nicht alle Männer so und alle Frauen so. Das wird moduliert durch andere soziale Faktoren wie Alter oder Einkommen. Dieser Komplexität muss man sich stellen, wenn man eine Klimapolitik betreiben will, die auf soziale Faktoren Rücksicht nimmt.

Wenn wir über Gender sprechen, sprechen wir nicht nur über arme Frauen in den Entwicklungsländern. Sondern auch über arme und reiche Frauen in den Industrieländern. Und über Männer jeglicher Couleur. Gender heißt auch zu fragen, wie man den Männern ein umweltfreundlicheres Leben ermöglichen kann.

Was wünschen Sie sich für die nächste Klimakonferenz im November in Warschau?

Der erste Wunsch ist natürlich immer, dass dieser Prozess vorangeht. Wenn nur wir Fortschritte machen, nützt es uns gar nichts, wenn es kein Ergebnis gibt. Insofern wünsche ich mir für Warschau also das, was hier Ambition genannt wird, ehrgeizige Ziele. Auch dass der Green Climate Fund nicht nur als Struktur existiert, sondern auch mit Geld gefüllt wird. Das wünschen wir uns als allererstes, dann aber auch mit dem Bezug auf Gender und soziale Gerechtigkeit.

Foto
Eine Ziegelei in Bangladesch. (Foto: Soman/Wikimedia Commons)

Im Green Climate Fund ist vorgesehen, dass er gender-responsive ist. Da ist natürlich immer die Frage, wie das aussieht. Es kann so geregelt werden, dass nicht nur die Regierungen Zugriff auf diesen Fonds haben, sondern auch Nichtregierungsorganisationen und dabei Frauenorganisationen. Die haben ein riesiges Potenzial.

Meine Organisation arbeitet mit der All India Women's Conference zusammen. Sie haben Programme wie Zugang zu Energie für benachteiligten Frauen und versuchen, Einfluss auf politische Entscheidungen zu gewinnen. Dass zum Beispiel der öffentliche Nahverkehr ausgebaut wird und nicht eine Schnellstraße. Da gibt es gute Beispiele, aber leider noch zu wenige.

Interview: Susanne Ehlerding

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen