Mahner der nächsten Generation

"Wir wollen die Delegierten auf den Boden der Realität zurückholen", haben sich die Youngos, die Jugend-Nichtregierungsorganisationen, bei der Bonner Klimakonferenz vorgenommen. Gegen die Parallelwelten eingefahrener Verhandlungsrituale setzen sie Aktionen und Ideen. Und fordern die Anzug tragenden Klimadiplomaten auf, doch mal den Limbo zu machen.

Aus Bonn Benjamin von Brackel

Die Verhandlungen und Workshops während der UN-Klimakonferenz in Bonn sind oft eine ebenso technische wie anstrengende Angelegenheit. Insofern mag der ein oder andere Anzugträger auf dem Weg ins Martitim-Hotel am Freitagmorgen um neun Uhr leicht irritiert sein, als er mit "Limbo!"-Rufen zur morgendlichen Gymnastikeinlage aufgefordert wird. Zwei Jugendliche halten eine Stange, die an einer Leiste mit den Kennzahlen "300", "350" und "400" angebracht ist – unter der die Teilnehmer hindurchkriechen sollen. "How low can you go?", rufen die Jugendlichen und spielen auf den 400-ppm-Wert an, der kürzlich überschritten worden war (klimaretter.info berichtete).

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How low can you go? Nur ein paar Konferenzteilnehmer lassen sich in Bonn zum Limbo überreden. Der Herr rechts wohl eher nicht. (Foto: Benjamin v. Brackel)

"Wir wollen die Delegierten auf den Boden der Realität zurückholen", sagt Dorothea Epperlein vom Jugendbündnis Zukunftsenergie. Jene hätten sich oft schon in ihrer Parallelwelt eingerichtet und angesichts all der theoretischen Debatten den eigentlichen Zweck der Klimaschutzkonferenzen manchmal aus dem Auge verloren. Zu viele Themen, zu viel Intransparenz. "Wenn vier Delegierte den Limbo machen, ist das vielleicht ein minikleines Rädchen, aber wenn sich nichts dreht, passiert auch nichts", sagt die 22-jährige Forstwissenschaftsstudentin aus Dresden.

Neben ihr feuert Christian Schwarzer die Passanten an, unter der Stange hindurchzutanzen: "How low can you go!?", ruft er. Für den 25-Jährigen sind die Bonner Konferenzen Routine, es ist sein siebtes Jahr hier. Anfangs traf er auf nur zwei, drei weitere Jugendliche. Das wollte er ändern: Schwarzer gründete 2007 einen Arbeitskreis, seitdem kommen jedes Jahr fünf bis 15 Jugendliche aus Deutschland – sieben in diesem Jahr allein vom Jugendbündnis Zukunftsenergie, dem Schwarzer genauso angehört wie der Naturschutzjugend und Germanwatch.

Es hat sich viel getan, zumindest aus der Innenpersektive

Dem Marburger geht es darum, anderen Jugendlichen zu vermitteln, was bei den Klimaschutzkonferenzen überhaupt passiert. Leicht fiel ihm das nicht immer, besonders 2009 nach dem gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen – da fing er an, selbst zu zweifeln. "Das war so frustrierend." Zwei Wochen grübelte er, dann sagte er sich, dass sich in Kopenhagen immerhin alle Länder auf Klimaschutz verständigt hätten. Man müsse in langen Zeiträumen denken, meint der Politologiestudent und klingt dabei schon sehr erwachsen. "Aus der Innenperspektive hat sich viel getan."

Auch Dorothea Epperlein, die zum zweiten Mal in Bonn ist, hat eines gelernt: "Es ist nicht so, dass hier irgendjemand was Böses will", sagt sie. "Jedes Land vertritt seine Interessen."

Das ändert aber nichts am Grundauftrag der Youngos, der Jugend-Nichtregierungsorganisationen: "Wir wollen Mahner sein", sagt Epperlein. Sie seien die nächste Generation, sie müssten ausbaden, was jetzt nicht beschlossen werde.

Deshalb wollen die Jungen jetzt schon eingebunden werden: Mit der deutschen Delegation haben sie sich schon getroffen, als nächstes folgt die polnische, und auch die Chefin des UN-Klimasekretariats Christiana Figueres wollen sie nächste Woche noch besuchen. Ihr Ziel: in der Präambel eines Klimavertrags festschreiben, dass Jugendliche sich auf den Klimakonferenzen beteiligen dürfen. "Perfekt wäre, wenn alle Delegationen zwei Jugendvertreter aufnähmen", sagt Christian Schwarzer.

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"Be ambitious": Christian Schwarzer, Dorothea Epperlein (von links) und die anderen Youngos fordern mehr Ehrgeiz von den Verhandlern in Bonn. (Foto: Benjamin v. Brackel)

Nur ein paar Konferenzteilnehmer lassen sich am Freitagmorgen unter den Stab lotsen, die meisten gehen mit ihren Rollkoffern an den Jugendlichen vorbei Richtung Maritim-Hotel und werfen nur einen kurzen Blick zur Seite. Später, während der Tross der Klimadiplomaten zum Lunch zieht, lässt sich jedoch wiederholt ein Wort aus den Grüppchen aufschnappen: "Limbo". Vielleicht blieb ja doch etwas hängen.

Dorothea Epperlein bloggt täglich auf blogs.klimaretter.info/bonn-2013 

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