Bonn: Verlorene Tage

Klimakonferenz in Bonn, Tag vier: Während Mitteleuropa unter massiver Überflutung leidet, fühlen die Klimaverhandler in Bonn keinen Sinn für Dringlichkeit, über ein neuen Klimavertrag und schnellere Emissionssenkung zu sprechen. Die Verhandlungen stocken noch immer.

Aus Bonn Benjamin von Brackel

Russland stellt sich weiter stur und blockiert die Verhandlungen für einen neuen Klimaschutzvertrag auf der Frühjahreskonferenz in Bonn. "Du kannst nicht fahren, bevor du einen Führerschein hast", sagt der russische Verhandlungsführer Oleg Schamanow gegenüber klimaretter.info. Eine Blockade sei die falsche Wortwahl, er wolle vielmehr das Haus wieder in Ordnung bringen. Russland hatte sich auf der Klimakonferenz in Doha übergangen gefühlt, weil die Konferenz beendet worden war, ohne auf Bedenken Russlands einzugehen.

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Russlands Chefunterhändler Oleg Schamanow: Um ihn herum ist es einsam geworden. (Foto: von Brackel)

Geahnt hatten die Klimaverhandler so etwas schon, aber bei allem Optimismus wollten sie die Zeichen nicht wahrhaben. 2013, so die Botschaft, könnte die Weltgemeinschaft über ihren Schatten springen und einen neuen Weltklimavertrag in Angriff nehmen, angefangen mit der Frühjahrskonferenz in Bonn, dann schließlich im Herbst auf der UN-Klimakonferenz in Warschau. Die Vorzeichen standen eigentlich nicht schlecht.

Mit Durban 2011 und Doha 2012 hatten die Mitgliedsstaaten den Weg frei gemacht für Verhandlungen für ein Post-Kyoto-Abkommen. Im Frühjahr sei die Stimmung gut gewesen, berichten mehrere Konferenzteilnehmer. Selbst die USA hätten angedeutet, Klimaschutzziele zu unterstützen, wenn auch nicht unbedingt innerhalb eines Vertrages, sagt Ria Voorhaar vom Climate Action Network (CAN). Die Einsicht, dass sich alle Staaten am Klimaschutz beteiligen müssen, war zum Konsens geworden.

In Bonn wollten die Teilnehmer die gute Stimmung mit in die Verhandlungen nehmen. Und, statt auf die "Alles-oder-gar-nichts-Karte" zu setzen, pragmatisch in kleinen Schritten vorangehen. Die Diskussionen in den Workshops sind stärker wissenschaftlich geprägt und drehen sich oft um technische Fragen. Eine davon wurde am Donnerstagnachmittag im mit opulenten Kronleuchtern ausgestatteten "Saal Beethoven" diskutiert: Wie lässt sich sinnvoll überprüfen, ob die Ziele zur Emissionsminderung eingehalten worden sind?

Ein Problem: Die einzelnen Angaben, die die Länder schicken, lassen sich oft nur schwer vergleichen. Je nachdem, welches Basisjahr, welcher Referenzzeitraum oder welche Messmethode angewandt wird, kommen oft völlig unterschiedliche Ergebnisse heraus. "Wir haben unvollständige Informationen", gibt Kelly Levin vom World Resource Institute, zu. "Und wir haben uns noch nicht auf eine Richtschnur geeinigt, wie wir die Emissionsminderung nachvollziehen können."

Veranstaltung abgesagt

Doch nicht solche Detailfragen halten den Gipfel auf, sondern eine gekränkte russische Delegation, die einen der drei Verhandlungsstränge, den SBI (Subsidiary Body for Implementation), aufhält. Dort geht es etwa darum, den in die Kritik geratenen Clean Developement Mechanism (CDM) und die Joint Implementations (JI) zu überprüfen, oder um nationale Anpassungspläne für die ärmsten Länder, die unter dem Klimawandel leiden. "Niemand weiß genau, was Russland eigentlich will", sagt Ria Voorhaar. Geht es um die angegriffene Ehre oder um das Prozedere, wie Schamanow betont?

Nun staut sich die anstehende Arbeit auf, und das drückt auf die Stimmung in Bonn. "Während Mitteleuropa unter massiver Überflutung leidet, fühlen die Klimaverhandler in Bonn keinen Sinn für Dringlichkeit, über einen neuen Klimavertrag und schnellere Emissionssenkung zu sprechen", sagt Kaisa Kosonen, Klimaexpertin bei Greenpeace.

Am Mittwoch wurde eine SBI-Veranstaltung ganz abgesagt. Am Donnerstag wurde erst spät am Nachmittag bekannt, dass sich die "Parties" um 18 Uhr noch einmal zusammensetzen, um nach einer Lösung zu suchen – vorerst ohne Erfolg. Manche halten es schon für möglich, dass es dazu überhaupt nicht mehr kommt. Auf die Frage, ob er noch an eine Lösung glaube, sagt Schamanow: "Selbstverständlich, eine Lösung ist so einfach." Bevor darüber diskutiert werden könne, müsse der Punkt allerdings erst auf die Agenda. Das könnte weiteren Änderungsanträgen Tür und Tor öffnen. Anderenfalls könnte eine Ablehnung Russland veranlassen, sich weiter stur zu stellen.

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Miese Stimmung: Eines der Verhandlungspanels in Bonn. (Foto: von Brackel)

In jedem Fall sind aber Tage verloren, die nur schwer über Nacht- oder Wochenendschichten wieder aufzuholen sind – sondern wohl erst in Warschau im Herbst. Als ob das Vorhaben, dort erstmals einen wirklichen Weltklimavertrag zu schaffen, der für alle gilt, nicht ambitioniert genug ist. 

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