"Indien ist nicht schuld an der Klimakrise"

FotoHarjeet Singh, Koordinator für Klimaanpassung bei der Hilfsorganisation ActionAid International, erklärt im klimaretter.info-Interview, welche Rolle Indien beim Kampf gegen den Klimawandel spielt, welche Verantwortung das Land dabei trägt und was die Industrieländer tun sollten.

klimaretter.info: Herr Singh, wie haben Sie die Klimaverhandlungen hier in Bonn bisher erlebt?

Harjeet Singh: Das war ein ganz schön wackeliger Start der Verhandlungen. Sicher ist wichtig, dass bei diesem Thema alle Länder gehört werden müssen. Es ist nun einmal ein multilateraler Prozess, da gehören unterschiedliche Standpunkte dazu. Aber am Ende des Tages wird eine Konferenz wie diese an den Beschlüssen gemessen, die gefasst wurden. Und nicht daran, wie sie zustande gekommen sind.

Was steht aus indischer Sicht inhaltlich ganz oben auf der Agenda?

Das Thema, das uns große Sorgen macht, sind die Finanzen. Da gibt es derzeit keine großen Fortschritte. Wie soll das Geld beschafft werden, um Maßnahmen gegen den fortscheitenden Klimawandel und seine Folgen zu finanzieren? Wie soll das Geld verteilt werden? Dass hier noch keine verbindlichen Zusagen gemacht wurden, bereitet gerade den Entwicklungsländern große Sorgen.

Welche Rolle spielt ein Land wie Indien dabei?

Indien ist eine der größten Wirtschaftsmächte der Welt mit mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern. Dadurch ist die Höhe der CO2-Emissionen pro Kopf sehr niedrig. Gleichzeitig liegt das Einkommen der meisten Menschen unter dem Existenzminimum. Um den Lebensstandard zu verbessern, wird Indien in Zukunft immens in seine Infrastruktur und den Ausbau seiner Industrie investieren. Dadurch werden die CO2-Emissionen volkswirtschaftlich gesehen in den kommenden 20 Jahren eher steigen, während sie sich pro Einwohner gemessen jedoch nicht signifikant erhöhen. Die internationale Staatengemeinschaft könnte beispielsweise zusätzliche Gelder bereitstellen, damit Indien nicht in fossile, sondern in erneuerbare Energiequellen investiert.

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Das Einkommen der meisten Menschen in Indien ist ebenso niedrig wie die von ihnen verursachten CO2-Emissionen. (Foto: N. Reimer)

Wie genau stellen Sie sich das vor?

Ein indischer Finanzminister würde niemals, sagen wir, fünf Prozent seines Budgets in den Ausbau erneuerbarer Energien stecken, wenn die Mehrheit der indischen Bevölkerung noch immer keine Schulausbildung bekommt und ohne Elektrizität oder eine ordentliche Straßenanbindung leben muss. Die zusätzlichen Gelder für den Ausbau der Erneuerbaren könnten zum Beispiel aus dem UN-Klimafonds kommen. Denn Indien ist für die Klimakrise nicht verantwortlich, jedenfalls nicht, was die letzten 20 Jahre angeht. Warum soll das Land also dafür bezahlen? Da gibt es aus politischer Sicht andere Probleme wie beispielsweise auch die hohe Armutsrate, die dringlicher sind.

Sie sehen also die Industrieländer am Zug?

Ich würde gerne wissen, was die Industrieländer und allen voran die USA in den letzten 20 Jahren wirklich gegen den Klimawandel unternommen haben. Die EU zögert, sich auf neue CO2-Reduktionsziele festzulegen, und zeigt lieber mit dem Finger auf Länder wie Indien oder China. Doch die haben mit dem Klimaproblem, das wir heute haben, nur wenig zu tun.

Aber trägt Indien nicht auch eine Verantwortung beim Thema Klimawandel?

Ich sage nicht, dass Indien das Recht hat, CO2 zu produzieren. Indien sollte eher für ein gleichmäßiges Wirtschaftswachstum sorgen, das keine Bevölkerungsgruppe benachteiligt, mit verhältnismäßig geringen Folgen für das Weltklima. Und das tut die indische Regierung bereits: Indien hat mittlerweile 20.000 Megawatt Windkraft-Leistung am Netz, hat massiv in den Ausbau von Wasserkraftwerken und Solaranlagen investiert. Und das alles aus eigenem Antrieb, ohne dazu verpflichtet zu sein. Indien trägt also schon Verantwortung. Wenn Indien einfach nur den Lebensstil von Industrieländern wie den USA kopieren würde, hätte die Welt keine Zukunft. Die Frage ist doch eher, wer die Klimakrise verursacht hat, was dagegen zu tun ist und wer jetzt wie viel dafür zahlen muss. Einem Land wie Indien, das massiv unter den Folgen des Klimawandels leidet, hier zusätzliche Kosten aufzubürden, wäre einfach nur unfair. Hier sehe ich die USA und die EU in der Hauptverantwortung.

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"Wenn Indien einfach nur den Lebensstil der Industrieländer kopieren würde, hätte die Welt keine Zukunft", sagt Harjeet Singh. Im Bild ein Verkäufer von Solarpeneelen in der nordindischen Stadt Leh im Himalaya. (Foto: N. Reimer)

Wie macht sich der Klimawandel in Indien bemerkbar?

Indien hat eine 8.000 Kilometer lange Küste, deren Bewohner durch den steigenden Meeresspiegel direkt betroffen sind. Indien ist in dieser Hinsicht verwundbarer als alle kleinen Inselstaaten der Welt zusammen. Dazu kommt die Erosion und Austrocknung der Böden im Landesinneren. Zusätzlich wird Indien regelmäßig von heftigen Regenfällen während der Monsunzeit getroffen. Das Wasser kann aber in den sich ausbreitenden Trockengebieten nicht mehr gleichmäßig abfließen, weshalb es zu katastrophalen Überschwemmungen kommt. Die stellen auch ein massives Problem für die Versorgungssicherheit der indischen Bevölkerung dar, deren Ernährung überwiegend auf Reis aufbaut. Laut dem letzten IPCC-Bericht wird Indien durch den Klimawandel allein bis 2030 zehn Prozent seiner hierfür genutzten Anbauflächen verlieren. Der Klimawandel beeinflusst direkt den Alltag der Bevölkerung. Und ist jedes Jahr mitverantwortlich für den Tod tausender Menschen in Indien.

Was kann Indien dagegen tun?

Indien muss lernen, nicht nur auf seine Wirtschaftskraft zu bauen, sondern auch auf seine Verletzbarkeit durch den Klimawandel hinzuweisen. Denn mit beidem einen Umgang zu finden wird für die Zukunft des Landes entscheidend sein.

Interview: Daniel Seemann

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