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Bonn wartet auf Russland

Am letzten Tag der Klimakonferenz in Bonn ist die Stimmung gut: Die Delegierten diskutieren einen neuen Verhandlungstext, der zumindest Detailbereiche des künftigen Klima-Regimes in Cancún verbindlich machen könnte. Doch dann legt Russland ein Veto ein.

Aus Bonn NICK REIMER

Was umtreibt Yvo de Boer? Der scheidende UN-Klimachef hatte in seiner Abschiedsrede erklärt, in diesem Jahrzehnt sei der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten. "Keine Ahnung, wie de Boer darauf kommt", erklärt ein Delegierter Indonesiens gegenüber wir-klimaretter.de. Selten habe es auf einer Klimakonferenz so viel Kompromissbereitschaft gegeben, selten so viel Willen, die Interessen auszugleichen.

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Schon wieder ist Sitzfleisch gefragt: Auch die Klimakonferenz in Bonn geht nicht pünktlich zu Ende.

Tatsächlich diskutierten die Delegierten der 190 Staaten am Freitag einen neuen Verhandlungstext für ein Folgeabkommen zur ersten Kyoto-Phase. Das Kyoto-Protokoll schreibt den Industriestaaten vor, ihren Treibhausgas-Ausstoß bis Ende 2012 um 5,2 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu senken. Was nach 2012 kommt, ist damit bislang völlig offen.

Zumindest solange die Delegierten nur diskutieren. "Mit diesem Text haben wir tatsächlich eine Grundlage, die Verhandlungen in Cancun zu einem Ergebnis zu bingen", urteilte die deutsche Verhandlungsführerin Nicole Wilke gegenüber wir-klimaretter.de. Ihr ägyptischer Kollege Ezzat Lewis Hannalla Agaiby sprach von "der richtigen Richtung", Indiens Verhandlungsführer von einer "ausgewogenen Struktur, die es zu entwickeln gilt". Und selbst Klimaschützer sprechen von einer "guten Grundlage", die "verlorenes Vertrauen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zurückgewonnen habe", wie Regine Günther vom WWF erklärt.

Laien werden in diesem Text wenig Konkretes finden. So steht beispielsweise das langfristige Ziel, die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts auf 1,5 oder 2 Grad Celsius zu begrenzen noch in Klammern - also als Option. "Aber so, wie die Optionen aufgebaut sind, können in Cancún zumindest Teilbereiche des künftigen Klimaregimes beschlossen werden", sagt Sven Harmeling von Germanwatch.

Und dann ist da auch noch der Waldschutz, der über einen Fonds vorangetrieben werden könnte. Gelänge es, aus dem Wirtschaftsgut Holz ein Klimagut Wald zu machen, wäre dem Klima viel geholfen: 20 Prozent aller weltweiten Emissionen entstammen der Entwaldung. Auch beim Technologietransfer könnte bis Dezember einiges geklärt werden: Die Entwicklungsländer fordern etwa, dass der Norden ihnen statt Windrädern die Technologie und das Know-How zur Herstellung derselben zur Verfügung stellen soll. Auch hier halten die Delegierten eine Fondslösung für denkbar.

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Copenhagen Accord eingearbeitet: Martin Khor erkennt Fortschritte bei den Klima-Verhandlungen. (Fotos: Reimer)

Ein weiterer großer Fortschritt ist, dass "der unverbindliche Copenhagen Accord jetzt im Text verbindlich eingearbeitet ist", erläutert Martin Khor, Direktor des South Centre, einem Think-tank der Entwicklungsländer. In der Übereinkunft vom Dezember hatten sich die Staaten dazu bekannt, die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen zu wollen. Dazu seien "tiefe Einschnitte" in die globalen Emissionen notwendig, wie es dort heißt, was verbindliche Ziele zur Reduktion der Treibhausgase notwendig macht.

Allerdings war dieser "accord" nur zur Kenntnis gebracht und nicht beschlossen worden. Jetzt soll er verbindlich werden, was bedeuten würde, dass dann alle Industrie- und erstmals auch die Schwellenländer sich Reduktionsziele geben müssten. Das nämlich sei nach wie vor der Knackpunkt, so Khor: "Die Industrieländer kommen ihren Pflichten nicht nach".

Im jetzt diskutierten Entwurf steht, dass der Höhepunkt des globalen und nationalen Treibhausgas-Ausstoßes bis 2020 erreicht werden soll. Die globalen Emissionen sollen gegenüber 1990 bis 2050 um insgesamt mindestens 50 bis 85 Prozent vermindert werden. Die Industrieländer allein sollen eine erhöhte Minderung von mindestens 80 bis 95 Prozent tragen, was eine Reduzierung in den Industrieländern bis 2020 um 25 bis 40 Prozent notwendig macht. Offen allerdings ist noch das Basisjahr.

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Alles wie immer? Der Schlusspunkt wird auch am Freitag in Bonn noch gesucht.

Trotzdem hat die Klimakonferenz in Bonn gezeigt, dass der diplomatische Prozess aus seiner Schockstarre des Kopenhagendesasters erwacht ist. "Es hat sehr intensive Verhandlungen und große Zugeständnisse gegeben", urteilt Khor. Was also umtrieb den scheidenden Klimachef Yvo de Boer? Warum ist er so pessimistisch? "Das haben wir bei ihm schon oft gesehen", sagt Harmeling: "Erstmal richtig düstere Wolken an den Himmel malen, damit die Sehnsucht nach Licht dann auch Bewegung erzeugt. Und Bewegung gabs hier ja einige".

Zumindest bis zum Nachmittag. Da nämlich legte Russland mit einem Veto die Verhandlungen lahm. Lösen will das Klimasekretariat diese mit einem Trick: Die Wiederaufnahme ist auf eine halbe Stunde vor Beginn des Fußball-WM-Eröffnungsspieles angesetzt. Die Hoffnung: Bis zum Anfiff die komplette Zustimmung zu erlangen.

Mehr zur Klimakonferenz in Bonn finden Sie in unserem Dossier

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