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Kleinbauern rüsten gegen COP

Noch 2 Tage bis Cancún: Vor den Toren Cancúns rüsten Kleinbauern aus dem Süden und indigene Gruppen zu Protesten gegen die Klimaverhandlungen. Deutsche Klimaaktivisten sind dagegen im Moblilisierungstief. 

Von Susanne Götze

Was ist los mit den deutschen Klimaaktivisten? Vor einem Jahr prophezeite die Ikone der Globalisierungskritiker Naomi Klein noch, Kopenhagen werde "das Seattle der neuen Klimabewegung" – ein Jahr später kurz vor dem 16. COP ist es still geworden. Nicht nur die offiziellen Verhandlungen haben ein zähes Jahr hinter sich.

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Protest in der Kälte von Kopenhagen: Dieses Jahr wird es wärmer und auch die Aktivisten sind andere (Foto: C.Reimann)

Auch die junge Klimaaktivistenszene hat sich weitgehend zerstreut. "Die Erwartung, Kopenhagen werde ein Sprungbrett, hat sich leider nicht bewahrheitet", gibt auch Klimaaktivist und Attac-Vertreter Alexis Passadakis unverwunden zu. Es hätte bis auf einige Aktionen bei den Vorverhandlungen schlicht "kein großes Interesse" gegeben, den Kampf gegen die UN-Klimagipfel nach Kopenhagen weiterzuführen. Und so wird es zu Cancún keine einzige Aktion in Deutschland geben. Nach Mexiko fahren nur die eingefleischten "Verhandlungstracker" der Nichtregierungsorganisationen wie Germanwatch, die weiterhin versuchen, Licht in den diplomatischen Dschungel zu bringen.

Protest kommt aus dem Süden

Das heißt aber auch nicht, dass es keinen Protest geben wird. Während in Kopenhagen die europäischen NGOs den Widerstand organisierten, sind es nun vor allem lateinamerikanische und kleine mexikanische Vor-Ort-Netzwerke, die mobil machen. Einer der größten Akteure dabei ist der Kleinbauernverband "Via Campesina": Sie wollen "tausende Männer und Frauen aus der ganzen Welt" nach Cancún bringen, um den "falschen Lösungen" der Verhandlungsführer "tausende alternative Lösungen" zur Bekämpfung des Klimawandels entgegenstellen.

Die Aktivisten von "Via Campesina" kritisieren vor allem die marktbasierten Instrumente zur Reduzierung der Treibhausgase, wie den Emissionshandel, die Wiederaufforstungspolitik des "REDD-Mechanism". Besonders wütend sind die Kleinbauern über den expansiven Anbau von Energiepflanzen für Biokraftstoffe, da in vielen Ländern wertvolle Böden mit Monokulturen zerstört werden, es vermehrt zu Rodungen von Wäldern kommt und in vielen Anbauländern nicht einmal die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln gesichert ist. Der großflächige Intensivanbau von Energiepflanzen steht dem kleinbäuerlichen Konzept für nachhaltige Landwirtschaft und der Produktion für regionale Märkte konträr entgegen. Via Campesina protestierte in Cancún schon vor nunmehr sieben Jahren gegen den 2003 in der Stadt abgehaltenen WTO-Gipfel. Damals beging ein angereister Kleinbauer Selbstmord – aus Protest gegen die Politik der Liberalisierung der Weltmärkte und deren katastrophale Folgen für Kleinbauern in Entwicklungsländern.

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Neben indigenen Gruppen protestieren vor allem Kleinbauern gegen die internationale Klimapolitik (Foto: via campesina)

Die Wut der Kleinbauern ist geblieben, vor allem weil für sie die derzeitige Klimapolitik nur eine Fortsetzung der Liberalisierung des Weltmarktes mit anderen Mitteln ist, mit den gleichen Akteuren und derselben Machtverteilung: Die Konzerne des Nordens streichen auf Kosten der kleinen Produzenten und der Mehrheit der Weltbevölkerung ihre Profite ein. Aus ihrer Sicht werde damit weder das Klima gerettet noch die katastrophalen Folgen des Welthandels entschärft. Die Bauern haben angekündigt zusammen mit indigenen Gruppen ab 3. Dezember ein Protestcamp zu organisieren. Am 7. Dezember soll es einen Aktionstag "Thousands of Cancúns" mit einer großen Demonstration geben.

Deutsche Klimaaktivisten bleiben zu Hause

Die deutschen Aktvisten hingegen werden das Spektakel dieses Mal nur von Ferne beobachten, sie lecken noch ihre Wunden vom letzten Gipfel: Erst vor kurzem gab es zwei Urteile gegen Sprecher des Netzwerkes "Climate Justice Action", die wegen Anstiftung zur Sachbeschädigung zu jeweils vier Monaten auf Bewährung verurteilt wurden. Das Netzwerk hatte für den 16. Dezember 2009 zum "Sturm auf das Bella Center" in Kopenhagen aufgerufen, was allerdings von der Polizei vereitelt wurde.

Doch das ist wohl nicht der Grund für die Protestmüdigkeit in diesem Jahr: Schon im Februar hatten die Sprecher des "Climate Justice Action" Netzwerkes erklärt, dass man sich zukünftig eher auf lokale Widerstandformen zurückziehen werde. Tatsächlich hätten Proteste wie der Castortransport viele Klimaaktivisten "abgezogen", meint Passadkis. Andere Stimmen meinen sogar, Cancún strahle sowenig Aufbruchstimmung aus, dass der Gipfel auch gar nicht stattfinden könnte, ohne das es jemanden auffallen würde. Doch die Idee einer Klimabewegung – oder zumindest eines gemeinsamen, grenzüberschreitenden Widerstands gegen die "verfehlte" internationale Klimapolitik – ist noch nicht ganz aufgegeben. Immerhin sind 2011 gleich zwei Klimacamps in Deutschland geplant. Bleibt abzuwarten, ob das die verstreuten Klimaretter wieder eint.

 

Bislang in unserem Cancún-Countdown:

Noch 2 Tage: Hauptsache ein bisschen Bewegung
Noch 3 Tage:
Haushaltssperre für Klimagelder
Noch 4 Tage:
COP 16 kann Katalysator werden - Debatte
Noch 4 Tage:
"Erneuerbare haben in Japan mächtige Gegner"
Noch 5 Tage:
Europa - 30 Prozent! Jetzt!
Noch 5 Tage:
Im Vorfeld alle Chancen verspielt - Debatte
Noch 6 Tage: Klimafinanzen - wie es um die Zusagen steht
Noch 6 Tage:
Klimadiplomatie bringt nichts - Debatte
Noch 7 Tage:
REDD - die Waldvernichtung soll gestoppt werden
Noch 8 Tage:
"Die Institutionen reformieren" Debatte
Noch 9 Tage:
CDM - Klimaprojekte mit bitterem Nachgeschmack
Noch 10 Tage:
Die Wissenschaft - 2010 steuert auf einen Rekord zu
Noch 11 Tage: Wozu noch Klimakonferenzen? Beginn der Debatten-Serie
Noch 12 Tage: Neuer Anlauf in Mexiko - Worum es in Cancún geht

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