Anzeige

Europa! 30 Prozent! Jetzt!

Noch 5 Tage bis Cancún: Läuft der Ausbau der Erneuerbaren in den Staaten der EU so weiter, dann werden allein die regenerativen Kraftwerke im Jahr 2020 das Klimaziel der EU erfüllen. Branchenvertreter fordern deshalb, bei den Verhandlungen in Cancún das Angebot auf 30-prozentige Reduktion zu erhöhen.

Aus Berlin Nick Reimer

20-20-20 - so hat die Europäische Union ihre Klimastrategie überschrieben: Um bis zum Jahr 2020 die Treibhausgase 20 Prozent unter das Niveau von 1990 - dem Kyoto-Basisjahr zu drücken, soll Energie 20 Prozent effizienter eingesetzt, also 20 Prozent gespart werden. Und die Erneuerbaren sollen im Jahr 2020 im EU-Durchschnitt 20 Prozent des Energieverbrauches decken.


Das ist der spezielle Wunsch von Klimaschützern im Vattenfall-geplagten Brandenburg. (Foto: Reimer)

In Berlin hat der Bundesverband Erneuerbare Energie am heutigen Mittwoch eine Studie vorgestellt, die zeigt, wie wenig ambitioniert dieses Szenario ist. "20 Prozent Emissionsminderung - das schaffen die Erneuerbaren ganz alleine", sagt Rainer Hinrichs-Rahlwes, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Erneuerbare Energie.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass bei einem fortgeschriebenem Ausbau der Erneuerbaren im Jahr 2020 3.500 Terawattstunden Energie aus regenerativen Quellen erzeugt werden - 23,2 Prozent des Bruttoenergieverbrauchs aller Mitgliedstaaten.

Anders ausgedrückt: Um ihr Klimaziel schaffen zu können, müssen die Staaten der EU bis 2020 absolut 1,07 Milliarden Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente weniger produzieren, als 1990. Setzt sich der Ausbau der Erneuerbaren weiterhin so rasant fort, würden aber die Erneuerbaren 2020 bereits 1,103 Milliarden Tonnen einsparen helfen."Der Studie liegen Daten der Universität Wien und des Fraunhofer Institutes ISET zu Grunde", erläuterte Studien-Co-Autor Norbert Kortlüke von der Unternehmensberatung Emissionshandel.

Im Einzelnen würden in der Stromwirtschaft durch eine Substitution fossiler durch regenerative Kraftwerke 797 Million Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente eingespart werden, durch regenerativ erzeugte Wärme wären es 186 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente, durch den Einsatz von biogenen Kraftstoffen 120 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente.

windkraft-reihe_bmu
Windkraft an Land... (Foto: BMU)

Hinrichs-Rahlwes schlussfolgert: "Die EU muss in Cancún ihre Reduktions-Verpflichtungen auf 30 Prozent erhöhen." Erstens sei ohnehin klar, dass ohne ein europäisches Vorpreschen kein Verhandlungsfortschritt zu erreichen sei. Zweitens wären auch die 30 Prozent relativ einfach zu schaffen. "Bei einem solchen Minderungsziel würden die Erneuerbaren immer noch 68 Prozent der Emissionsminderung übernehmen", so Hinrichs-Rahlwes. Den Löwenanteil - denn die Energieeffizienz sollte ja ebenfalls deutlich zur Reduktion von Treibhausgasen beitragen.

Allerdings hat die Studie einen Haken: "Wir sind in unseren Annahmen davon ausgegangen, dass der Zubau die gleiche Dynamik wie derzeit erlebt", so Autor Kortlüke. Wer aber sagt, dass dieses Tempo zu halten sein wird?

Zum Beispiel Spanien und Portugal: Wegen fehlender Leitungskapazität kann Spanien gerade einmal drei Prozent seines produzierten Stromes exportieren. Jahrelang gab es etwa auf der iberischen Halbinsel einen Zubauboom bei den Wind- und Solarkaftwerken. Die Planungen für neue Leitungen über die Pyrenäen ziehen sich aber seit 30 Jahren hin, weshalb es bereits heute Momente gibt, bei denen spanische Solarkraftwerke und Windanlagen vom Netz getrennt werden müssen, weil es einfach für den produzierten Strom keine Abnehmer gibt.

EU-Kommissar Günther Oettinger hat solche Probleme gesammelt und jüngst seine Energie-Strategie veröffentlicht: 1.000 Milliarden Euro sollen demnach bis zum Jahr 2020 in neue Netzverbindungen investiert werden. Denn wie in Deutschland im Kleinen so spielt auch der Netzausbau in Europa im Großen eine zentrale Rolle, sollen sich die regenerativen Kraftwerkstechniken ungehindert entfalten können.

vattenfall-WindparkGB
... und Windkraft zu Wasser - hier vor der britischen Küste. (Foto: Vattenvall)

Das Problem: Energiepolitik ist Nationalpolitik - Oettinger kann also viel fordern, hat aber nichts zu sagen. Das Beispiel in den Pyrenäen belegt das ganz gut: Atomstrom-Weltmeister Frankreich hat überhaupt kein Interesse daran, in seine unflexiblen Netze flexibel Ökostrom aufzunehmen. In Frankreich, wo der Energiekonzern EdF noch in Staatsbesitz ist, wird sich daran solange auch nichts ändern, wie die Grande Nation dem Atomreaktor huldigt.


Bislang in unserem Cancún-Countdown:

Noch 5 Tage: Die Apo gewinnt an Bedeutung - Debatte
Noch 6 Tage:
Klimafinanzen - wie es um die Zusagen steht
Noch 6 Tage:
Klimadiplomatie bringt nichts - Debatte
Noch 7 Tage:
REDD - die Waldvernichtung soll gestoppt werden
Noch 8 Tage:
"Die Institutionen reformieren" Debatte
Noch 9 Tage:
CDM - Klimaprojekte mit bitterem Nachgeschmack
Noch 10 Tage:
Die Wissenschaft - 2010 steuert auf einen Rekord zu
Noch 11 Tage: Wozu noch Klimakonferenzen? Debatten-Serie
Noch 12 Tage: Neuer Anlauf in Mexiko - Worum es in Cancún geht


[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen