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Waldschutz soll zu REDD werden

Noch 7 Tage bis Cancún: 20 Prozent der globlalen Treibhausgas-Emissionen werden durch die Rodung der letzten Regenwälder verursacht. REDD soll diesen Wahnsinn beenden - und in Mexiko endlich verabschiedet werden.

Von Nick Reimer

Summiert man die Brandrodungen in Asien, Afrika und Südamerika, verschwindet im Sekundentakt ein Fußballfeld Wald. Jetzt - Und jetzt - Und jetzt das nächste. Der im Wald gespeicherte Kohlenstoff wird auf einen Schlag wieder als Kohlendioxid freigesetzt, und langfristig fehlt der Erde wieder ein Stück ihrer grünen Lunge.


Wird nicht bald wirksam Regenwald-Schutz betrieben, wird es bald keinen Regenwald mehr zu schützen geben. (Fotos: Reimer)

Pro Jahr wird so eine Fläche Wald vernichtet, die viermal so groß wie Belgien ist. Und es werden mehr als zwei Milliarden Tonnen Kohlendioxid frei - mehr als die im Emissionshandel zusammengefasste Wirtschaft der 27 EU-Staaten 2009 zu verantworten hatte.

Die Brandrodung ist damit nach der Energiewirtschaft die zweitgrößte Treibhausgasquelle überhaupt weltweit. Und obwohl das Problem seit zwei Jahrzehnten bekannt ist, geht es Jahr für Jahr weiter. Jetzt. Und jetzt. Und jetzt schon wieder ein Fußballfeld weniger Wald auf der Erde.

Erstmals zum Thema machte die ungehemmte Waldrodung Gastgeber Indonesien auf der Klimakonferenz 2006. Auf der Insel Bali wurde der Mechanismus "Reducing Emissions from Deforestation and Degradation" (REDD) entwickelt, der diese Entwicklung stoppen könnte. Die Idee dahinter: Dem im Holz gespeicherten Kohlenstoff wird ein ökonomischer Gegenwert gegeben. Ein Preis also, der die Waldrodung mit dem Verbrennen von Geldscheinen vergleichbar macht.

Der Plan schien der Klimadiplomatie einleuchtend und auch die Ökonomen waren begeistert. Lord Nicholas Stern beispielsweise, ehedem Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau, hatte sich mit dem Problem in seinem Bericht an die britische Regierung befasst. Der so genannte "Stern-Report" führte 2006 aus, dass die Drosselung der weltweiten Entwaldung der kostengünstigste Weg ist, die Kohlendioxid-Emissionen zu senken.

Was definiert den Wald?

Aber bereits die Frage, wie man eigentlich Wald definiert, führte zu Komplikationen. Palmölplantagen sollten nicht als Wald klassifiziert werden, lautete eine Forderung der Industriestaaten. Denn dort, wo heute Palmölpflanzen gedeihen, war früher Regenwald, der für die Ölproduktion abgeholzt worden war. Die Entwicklungsländer konterten: Kiefernschläge in Brandenburg seien ja auch kein Urwald mehr – sondern Nutzholzplantagen an Stelle der einstigen Urwälder.

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Wieviel Bäume sind das? Sind das überhaupt Bäume? Palmölplantage auf Borneo. (Foto: Reimer)

In Kopenhagen schien es, als sei bei REDD ein Durchbruch möglich: Die Vertragsstaaten hatten sich auf eine Methodik geeinigt, wie die Buchhaltung für Wälder funktionieren soll. Ein wichtiger Schritt, denn nur wenn klar ist, wie die Bäume gezählt werden, kann man dem darin enthaltenen Kohlenstoff anschließend einen ökonomischen Preis geben.

Das Holz einen ökonomischen Wert besitzt, belegt eine Erhebung der Umweltorganisation WWF. Demnach importiert Deutschland allein aus Indonesien jedes Jahr Holz aus illegalen Quellen im Wert von 150 Millionen. Illegal bedeutet: bei Ernte, Transport oder Verkauf des Holzes wurde gegen nationale oder internationale Gesetze verstoßen. Legt man einen Handelspreis von 100 Euro je Festmeter zu Grunde, sind deutsche Verbraucher damit in Indonesien für die Vernichtung einer Waldfläche etwa der Größe Schleswig-Holsteins verantwortlich – und zwar jedes Jahr.

Was ist Wald wert?

Allerdings entspricht dieser Gegenwert des Holzes in Geld nicht seinem Nutzen für den Klimaschutz – sondern vielmehr als Rohstoff  für die Baumarktbranche (Hölzer, Holzwerkstoffe und Holzprodukte verschiedenster Art, Holzkohle), den Bürofachhandel (Büromöbel, Papier verschiedenster Art), den Lebensmittelhandel (Hygienepapiere, Schreibpapiere, Haushaltspapiere, Holzkohle etc.) der Spielzeug- und Geschenkartikel-Industrie.

Wie also berechnet man den Klimaschutzeffekt von Wald? Und wie will man eigentlich das Geld einsammeln und verteilen?

Die erste - weil naheliegendste - Idee war eine Einbeziehung von Wald in den Emissionshandel. Den Wert des Kohlenstoffs, der in bestimmten Waldformationen gespeichert ist, kan man methodisch ermitteln: Pro Hektar Fläche enthält deutscher Kiefernwald etwa 300 Kubikmeter Holz. Getrocknetes Holz enthält pro Kubikmeter wiederum eine halbe Tonne Kohlenstoff - bei seiner Verbrennung würden 1,85 Tonnen Kohlendioxid frei.

So könnte man für Savannenwald ebenso wie für Mischwald, Bergwald oder Regenwald Kohlendioxid-Mengen feststellen und mit Zertifikaten belegen. Aktuell kostet ein solches Zertifikat 15 Euro an den Börsen.

Allerdings befürchteten vor allem die Europäer, dass in einer solchen Lösung der Markt mit Zertifikaten überschwemmt wird: Eben weil es speziell in Kanada und Russland gigantische Waldflächen gibt, würden schnell die "Wald-Zertifikate" die "Kraftwerkszertifikate" dominieren: Vattenfall könnte dadurch seelenruhig weiter Braunkohle verfeuern - und sich mit Waldzertifikaten eindecken.

Emissionshandel versus Fonds

Deshalb wurde eine zweite Variante in den Vordergrund gerückt: das Fondsmodell. Eine norwegische Studie zeigt, dass in einer ersten Phase zwei Milliarden Dollar und später zehn Milliarden Dollar pro Jahr erforderlich sind, um den Waldverlust bis 2020 zu halbieren. In der ersten Phase wird das Geld vor allem in Kontrollsysteme und Demonstrationsprojekte investiert und in der zweiten Phase werden Länder sowie Waldbewohner und –anrainer dann für messbare Erfolge im Kampf gegen die Entwaldung entlohnt.

Auf einer Konferenz von 52 Ländern in Oslo, wurde beschlossen eine Partnerschaft für den Schutz der Wälder zu gründen. Bis 2012 wollen Länder wie die USA, Großbritannien, Norwegen, Japan, Frankreich und Australien rund vier Milliarden US-Dollar für Maßnahmen gegen die Entwaldung zur Verfügung stellen. Deutschland will den internationalen Waldschutz nach Angaben des Bundesumweltministeriums mit 350 Millionen Euro unterstützen.

Damit das Programm arbeiten kann, müssen jetzt in Cancún also noch jene Richtlinien beschlossen werden, über die sich die Klimadiplomaten in Kopenhagen vermeintlich schon einig waren. 

"Ich bin mir sicher, dass in Cancún die Spielregeln für den Waldschutz-Mechanismus REDD beschlossen werden", urteilt Christoph Bals, politischer Geschäftsführer von Germanwatch und einer der kenntnisreichsten Beobachter der Klimadiplomatie. Tatsächlich nämlich stehe die Klimadiplomaten schwer unter Druck. "Sie müssen Erfolge präsentieren", so Bals. Und bei REDD sei man eben schon relativ weit.

Auch wenn das Bals so nicht sagt: Vergeht die 16. Weltklimakonferenz wieder ohne Resultate, wird der UN-Klimaprozess wohl restlos seine Legitimität verlieren.

Bislang in unserem Cancún-Countdown:

Noch 8 Tage: "Die Institutionen reformieren" Debatte
Noch 9 Tage:
CDM - Klimaprojekte mit bitterem Nachgeschmack
Noch 10 Tage:
Die Wissenschaft - 2010 steuert auf einen Rekord zu
Noch 11 Tage: Wozu noch Klimakonferenzen? Beginn der Debatten-Serie
Noch 12 Tage: Neuer Anlauf in Mexiko - Worum es in Cancún geht

 

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