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Cancún im Klimasündenpfuhl

Der Weltklimagipfel steht in den Startlöchern. Ausgerechnet in Cancún soll über ein neues Klimaabkommen verhandelt werden: Umweltorganisationen kritisieren die mexikanische Stadt als "ökologischen Schandfleck"

Aus Mexiko-Stadt Emilio Godoy (IPS)

Ihre Schönheit mag der Grund dafür gewesen sein, die mexikanische Stadt Cancún als Tagungsort der nahenden Weltklimakonferenz auszuwählen. Die Bemühungen der Stadt um Klimaanpassung und -schutz können es nach Ansicht lokaler Umweltorganisationen jedenfalls nicht gewesen sein. Die Zerstörung von Mangrovenwäldern, exzessive Müllproduktion und wuchernde Hotelanlagen sind nur ein kleiner Teil der Umweltprobleme in Cancún.


Cancún vom Satteliten aus betrachtet: Lange Strände, Korallenriffe und Mangroven. (Foto: United States Geological Survey)

"Cancún ist ein Schandfleck, und ich kann mir nicht erklären, warum ausgerechnet hier der Gipfel stattfinden soll", meint Guadalupe Álvarez von der Organisation Cielo, Tierra y Mar (Himmel, Erde und Meer). "Cancún ist, was den Klimaschutz angeht, eher ein abschreckendes Beispiel." Vom 29. November bis 10. Dezember werden sich die Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention am südöstlichsten Zipfel des lateinamerikanischen Landes einfinden, um weiter an einem globalen Abkommen zur Verringerung der klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen zu feilen.

Bekannt ist Cancún vor allem als beliebtes Feriendomizil. 900.000 Einwohner hat die Stadt im Bundesstaat Quintana Roo. Von den elf Millionen Touristen, die in diesem Jahr nach Mexiko kamen, verschlug es sechs Millionen nach Cancún. Vier Milliarden US-Dollar ließen die Gäste 2010 in der Stadt - und jede Menge Müll. Nach offiziellen Angaben fallen in Cancún durchschnittlich 800 Tonnen Müll pro Tag an. Die Kapazitäten der einzigen offiziell genehmigten Müllkippe sind schon lange erschöpft.

Mangrovenwälder schrumpfen

Hinzu kommen die Schäden, die der Tourismussektor an Mangroven und Korallen anrichtet. Der Bundesstaat Quintana Roo ist zu 64.755 Hektar mit Mangrovenwäldern bedeckt und hat damit eine der höchsten Mangrovendichten Mexikos. Zu Cancún selbst gehören 11.392 Hektar Mangrovenwald, doch jedes Jahr, das belegen Zahlen des Nationalen Statistikamts, gehen dort 4,8 Prozent der Fläche verloren.

Abgesehen von der Bedeutung, die den Mangrovenwäldern als Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten zukommt, sind sie Filter, Wellenbrecher, Hochwasser- und Erosionsschutz und Kohlendioxidsenken zugleich. Sie sind Teil der mexikanischen Feuchtgebiete, die 2008 dem Global Peatland CO2 Picture von Wetlands International zufolge 1,48 Millionen Tonnen Kohlendioxid absorbierten.

Mexiko ist für 715,3 Millionen Tonnen Kohlendioxidemissionen verantwortlich, davon entfallen nach Angaben des mexikanischen Umweltministeriums fast zehn Prozent auf Entwaldung. Verantwortlich für die Zerstörung der Wälder ist vor allem die Tourismusindustrie. Ihr wirft PROFEPA, eine Kontrollbehörde des mexikanischen Umweltministeriums, unter anderem vor, die zulässige Obergrenze von 30.990 Fremdenzimmern um 5.862 Zimmer überschritten zu haben.

Der PROFEPA-Beauftragte Juan Elvira hatte bereits 2009 das Umweltministerium informiert, dass die Expansion des Tourismus zu einem besorgniserregenden Verlust der Vegetation in Küstennähe geführt und somit Bodenerosion und Sandverlust begünstigt habe. "Die Erosion nimmt parallel zu menschlichen Aktivitäten zu", sagte Elvira damals. "Daran lässt der Blick auf die Hotelanlagen, die in den Dünen errichtet wurden, keinen Zweifel."


Briefing für Behörden und Hoteliers zum "Ansturm" durch die Weltklimakonferenz. (Foto: cancun.gob.mx)

Die Tourismusindustrie ist auch für die Zerstörung der Korallenriffe verantwortlich. Dabei sind auch diese ein natürlicher Schutz vor Sturmfluten. "Ohne die Korallenriffe wären die weißen Sandstrände schon längst verschwunden", meint dazu Roberto Iglesias-Prieto, Wissenschaftler am Institut für Meereswissenschaften und Seenkunde der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko. Von den insgesamt neun Millionen Kubikmetern Sand Cancúns ließen die Wirbelstürme Wilma (2005) und Ina (2009) ganze 700.000 Kubikmeter übrig.

Druck auf die Korallen wächst

Das Mesoamerikanische Riff erstreckt sich über eine Länge von 1.100 Kilometern von der Nordostküste der Halbinsel Yucatán in Quintana Roo über Belize und Guatemala zu den honduranischen Bahía-Inseln. Überfischung. Wasserverschmutzung und Klimawandel setzen dem zweitgrößten Riff der Welt nach dem Great Barrier Reef vor Australien immer weiter zu.

Nach den beiden Hurrikans investierte die Hotelindustrie 80 Millionen US-Dollar, um die Strände von Cancún, Carmen und Cozumel wieder aufzuschütten. Neun Millionen Kubikmeter Sand wurden dafür von anderen Stränden angeliefert. Ein Wahnsinn, wie Umweltaktivistin Álvarez meint. Sie hatte sich im Juli mit einer Beschwerde an das Sekretariat für öffentliche Angelegenheiten, eine Anlaufstelle für besorgte Bürger, gewandt. Weil sie keine Antwort erhielt, schrieb sie im September einen Brief an Staatspräsident Felipe Calderón. Ein direkter Erfolg ist auch hier ausgeblieben.

Das mexikanische Umweltministerium hat inzwischen immerhin neue Normen für die Tourismusbranche angekündigt. So soll diese künftig den Einsatz erneuerbarer Energie fördern. Auch sollen Vorschriften für die Auswahl der Baumaterialien, die Vegetation, und für das Abwassermanagement eingeführt werden. Ferner sollen Mangrovenwälder als Baugrundstücke künftig tabu sein.

 

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