Der Klima-Kommissar

Chris Wright ist Verhandlungs-Tracker. Was andere mühselig, zäh und kompliziert finden, ist für den Aktivisten spannend wie ein Krimi. Er ist den Klimadiplomaten immer auf den Fersen. Das Paris-Abkommen ist ein besonders schwieriger Fall.

Ein Porträt von Susanne Götze

BildChris Wright macht es nichts aus, im Mittelpunkt zu stehen. Am vorletzten Tag der Bonner Klimaverhandlungen steht er wild gestikulierend im Foyer des Konferenzzentrums und hat eine Reihe von Zuschauern um sich geschart. Hinter ihm stehen stumm rund 15 junge Leute und halten Schilder mit der Frage hoch: "Glaubst du immer noch, dass das 2-Grad-Ziel reicht?" Der aufgeweckte 25-Jährige gibt den Animator: "Wer hat eine Idee, wie wir den nächsten Tornado nennen können? Kommt her, macht Vorschläge!"

Auch wenn er dabei freudig in die Runde lächelt und einen Scherz reißt: Chris Wright meint es bitterernst. Im Leben des Australiers dreht sich gerade alles um den Klimawandel. Weil er seit 2011 kaum eine Klimakonferenz auslässt, ist Wright zu einem echten Experten geworden. Er verfolgt die Delegierten auf Schritt und Tritt.

Der Australier ist Mitglied der Organisation Tcktcktck, die 2009 vor der Klimakonferenz in Kopenhagen gegründet wurde – in Hoffnung auf ein ambitioniertes Abkommen. Das war noch vor seiner Zeit als "Negotiator Tracker", als Verhandlungsbeobachter. Aber von der Niederlage und dem kläglichen Scheitern eines Kyoto-Nachfolgeabkommens hat er damals alles mitbekommen.

Im Gegensatz zu vielen anderen hat das den damals 19-Jährigen motiviert sich zu engagieren. Seit der Konferenz in Durban – zwei Jahre nach dem Kopenhagen-Desaster – ist er regelmäßig als Climate Tracker dabei – egal, ob große COP oder kleine Vorverhandlung wie die vergangenen zwei Wochen in Bonn. Er verfolgt die Verhandlungen und "übersetzt" die schwierige Materie für die Öffentlichkeit – jedenfalls für alle, die darüber etwas wissen wollen.

Mit dem Klimawandel aufgewachsen

Mit Begriffen wie ADP, SBI oder SBSTA jongliert Wright so selbstsicher wie andere in seinem Alter mit Schauspielern oder Popstars. Er folgt den zähen Verhandlungen, als wären sie ein Krimi. Gerade hat er sich zusammen mit seinen Kollegen zwei Wochen an die Fersen der Delegierten in Bonn geheftet und jeden Tag darüber gebloggt.

Das Interesse für den schwierigen "Klima-Fall" kommt nicht von irgendwoher. In seiner australischen Heimat hat Chris Wright den Klimawandel hautnah erlebt. "Wir haben lange in Central Australia auf dem Land gewohnt – die Sommer wurden immer heißer." Wassermangel, Hautkrebs oder Hitzetote – die Auswirkungen des extremen Wetters sind fatal, erzählt er. "Ich denke oft an diese Zeit zurück und das motiviert mich sehr weiterzumachen."

Die letzten Jahre hat Wright in Malaysia bei indigenen Völkern gelebt. Kein Wunder also, dass er sich auf dem Verhandlungsparkett vor allem für die Verringerung der Emissionen aus Entwaldung und Waldschädigung beschäftigt, dem sogenannten REDD-Mechanismus. Nun ist er erstmal in Europa und "reist von einer Konferenz zur nächsten". Beim Paris-Gipfel wird er natürlich auch dabei sein und nach dem Rechten sehen.

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Kohlemine Hunter Valley bei Sydney: Australiens aktuelle Regierung gilt als einer der größten Bremser im Klimaschutz. (Foto: Rising Tide Australia)

"Oh nein! Wir bekommen keinen neuen Text", ruft er enttäuscht vier Stunden vor Konferenzende. "Sie haben es nicht geschafft", schiebt er leise nach. Doch auch wenn die Zeit knapp ist, hat Chris Wright die Hoffnung auf ein starkes Klimaabkommen noch lange nicht aufgegeben. Und wenn ihn mal der Mut verlässt, denkt er an den australischen Präsidenten Tony Abbott, das kranke Great Barrier Reef, die Kohleminen und die unerbittliche Sonne des Outback. Dann weiß er wieder, wofür er sich das alles antut.

Alle BildTexte zur Frühjahrskonferenz
der Klimadiplomaten finden
Sie in unserem Dossier "Bonn 2015"

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