Bonn schafft ein kleines Happy-End

Tag 12 der Klimakonferenz in Bonn: Nein, ein großer Erfolg waren die Verhandlungen in Bonn nun wirklich nicht. Zum Schluss hat man sich einfach vertagt. Dann muss auf der nächsten Sitzung im Oktober wenigstens nicht wieder lang und breit über die Tagesordnung gestritten werden. Der Zeitplan für Paris ist damit erstmal gesichert.

Aus Bonn Verena Kern

Lange Zeit sah es so aus, als würde die UN-Frühjahrskonferenz der Klimadiplomaten, die vom 4. bis zum 15. Juni in Bonn stattfand, ohne greifbare Ergebnisse enden. Noch am zehnten Verhandlungstag lag kein Textentwurf vor. Schlimmer noch, auch zwei Tage vor Konferenzende hatten sich die Delegierten nicht einmal darauf einigen können, wie die "ersten Bausteine" für den Weg nach Paris, so der UN-Sprech, zusammengetragen werden sollen.

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Hotel Maritim, von außen. Hier – am Rand des ehemaligen Regierungsviertels – finden die Bonner Klimaverhandlungen statt. Dass die UN-Flagge, links im Bild, reichlich schlapp aussieht, hat keinerlei Symbolcharakter. (Foto: Verena Kern)

"Es geht viel zu langsam!", schimpften die Beobachter der Nichtregierungsorganisationen. "Es fehlt der Koch in der Küche", hieß es aus Delegiertenkreisen. Zwar betonte das UN-Klimasekretariat immer wieder, die Stimmung sei gut, es herrsche ein konstruktiver Geist. Doch das waren, natürlich, diplomatische Floskeln.

Dabei hatte die Konferenz, an der 1.900 Diplomaten aus 182 Ländern teilnahmen, vielversprechend begonnen. Erstmals gab es in Bonn ein sogenanntes "Ministerial", ein Treffen der für den Klimaschutz zuständigen Landesminister. Die Ministerrunde sollte – nach der Veröffentlichung des neuen Sachstandsberichts des Weltklimarates IPCC – überprüfen, ob die für die zweite Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls zugesagten Treibhausgas-Reduktionsziele "ausreichend" sind, um das Zwei-Grad-Limit einzuhalten. Falls sie es nicht sind, so die Idee vor allem der Entwicklungsländer, sollte dann auf einer Ministerrunde "nachgebessert" werden.

Das Ministerial bedeutete für Bonn eine Aufwertung. Doch zum einen reiste nur ein gutes Dutzend Minister an, und zum anderen hatten sie nur "Lippenbekenntnisse" im Gepäck, wie Jan Kowalzig, Klimaexperte von Oxfam, klagte. "Das Klima sollen wohl die anderen retten!" Falls die Ministerrunde überhaupt für einen Schub sorgte, verpuffte er über das anschließende lange Pfingstwochenende. Die zweite Bonner Woche stand dann ganz im Zeichen der Schnecke: langsam, langsam, langsam. Die Delegierten hatten die Ruhe weg. Weder das schwere Unwetter, das am späten Pfingstmontag ganz Nordrhein-Westfalen erschütterte, konnte daran etwas ändern noch die unmittelbar bevorstehende Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. Klimadiplomaten scheinen keine Fußballfans zu sein.

Noch viel Arbeit und nur noch wenig Zeit

Nur noch 18 Monate sind es bis Paris. Auf dem Klimagipfel Ende 2015 soll ein neuer Klimavertrag beschlossen werden, bei dem nicht nur wie bislang die Industriestaaten mit Reduktionsverpflichtungen belegt sind, sondern alle Länder der Welt. "18 Monate, das klingt viel, aber das ist es nicht", sagte Connie Hedegaard, die Klimakommissarin der EU. Sechs Monate zuvor muss bereits feststehen, was in den Vertrag hineingeschrieben werden soll beziehungsweise kann, damit man zeitlich hinkommt.

Auf der Klimakonferenz in Warschau war Ende 2013 beschlossen worden, dass alle Staaten, "die dazu in der Lage sind", im März 2015 Vorschläge präsentieren sollen, was sie in den neuen Klimavertrag einbringen. In Bonn kündigte nun China an, seine sogenannten INDCs in der ersten Jahreshälfte 2015 bekannt zu geben. Die Abkürzung wird in den nächsten 18 Monaten noch häufig zu hören sein. INDC steht für "Intended Nationally Determined Contributions", also für die Klimaschutzverpflichtungen, zu denen sich die Staaten bereit erklären.

Auch die USA und die EU wollen pünktlich liefern. Andere große Emittenten wie Japan haben dagegen mitgeteilt, dass sie es bis zum ersten Quartal 2015 nicht schaffen werden. Saudi-Arabien forderte sogar, von Reduktionspflichten ganz befreit zu werden, da das Land weniger als ein Prozent der weltweiten Emissionen zu verantworten habe. Nur die 20 größten Emittenten sollten überhaupt mit Verpflichtungen belegt werden. Viel Arbeit bleibt also für die kommenden 18 Monate.

Umweltorgansationen sind erleichtert

Bis zum 15. Juli soll nun, so der Bonner Beschluss, ein neuer informeller Text vorliegen, in dem die in Bonn vorgeschlagenen Optionen aufgeführt werden. Ein nächstes Treffen ist für Oktober anberaumt. Das bedeutet: Die Verhandler der in Bonn tagenden Durban Platform ADP haben sich einfach vertagt (Konferenzjargon: "friendly suspended"). Damit muss bei der nächsten Sitzung wenigstens nicht wieder – zeit- und kräfteraubend – über die Tagesordnung gestritten werden.

Kein großartiges Ergebnis, aber doch nicht nichts. Die Nichtregierungsorganisationen – die nach ihrem Auszug unter Protest beim Klimagipfel in Warschau in Bonn zurückgekehrt waren, um weiter Druck zu machen – zeigten sich jedenfalls erleichtert. "Es gibt erstmals Anzeichen, dass der Klimaschutz international aus der Defensive kommt", sagte Christoph Bals von Germanwatch. "Die Bonner Klimakonferenz zeigt, dass die wichtigsten Länder Paris 2015 zum Erfolg führen wollen." 

Martin Kaiser von Greenpeace nannte es "einen echten Durchbruch", dass sich 60 Länder am Rande der Konferenz zu der Vision einer fossil-freien Welt bis zur Jahrhundertwende bekannt haben: sämtliche 48 Least Developed Countries, die sechs Länder der lateinamerikanischen Allianz AILAC, Mexiko, die Marshallinseln, Grenada sowie Norwegen, die Schweiz, Deutschland und weitere europäische Staaten.

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Bonn, Hotel Maritim, von innen. In der Lobby zeigt die UNO, wie sie sich ihre klimaneutrale Zukunft vorstellt. (Foto: iisd.ca)

Sven Harmeling von Care International sprach von "Anzeichen dafür, dass die Regierungen beginnen, ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen". Auf den Tag genau seien es heute nur noch 100 Tage bis zum Ban-Ki-Moon-Gipfel im September in New York, bei dem die Staatschefs ihre Reduktions-Beiträge auf den Tisch legen sollen. Nun sei "echte politische Führung ist unerlässlich, um den Klimaschutz ausreichend und schnell genug auszubauen." Kanzlerin Merkel solle ihre Entscheidung, nicht an dem Gipfel teilzunehmen, noch einmal überdenken, forderte Bals. "Sie muss nach New York fahren und den Klimaschutz zur Chefsache machen."

Mehr zur Klimakonferenz in Bonn finden Sie in unserem Dossier

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