Beschleunigung auf den letzten Metern

Tag 11 der Klimakonferenz in Bonn: Am vorletzten Tag der Frühjahrskonferenz scheint der Verhandlungsprozess doch etwas Fahrt aufzunehmen. Selbst Kritiker sehen "gute Zeichen", einen "guten Spirit", einen "gesunden Prozess". Unklar bleibt, ob es sich nur um Zweckoptimismus handelt.

Aus Bonn Verena Kern

Salon Haydn, ein Uhr Mittags. In dem mittelgroßen Saal im ersten Stock des Bonner Maritim-Hotels informieren die Konferenzbeobachter vom Climate Action Network (CAN) jeden Tag über den Stand der Verhandlungen. Die Raumbelegung auf Klimakonferenzen ist strikt getaktet, alle halbe Stunde ist jemand anderes dran. Doch am heutigen Samstag, dem vorletzten Konferenztag, klappt es nicht wie geplant. Der Saal Haydn ist nicht frei. Das Meeting zum Thema Loss and Damage, das längst hätte beendet sein sollen, zieht und zieht sich hin.

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Die ADP-Gruppe soll in Bonn den Weg zu einem neuen Klimavertrag ebnen: Die beiden Vorsitzenden, Artur Runge-Metzger von der EU (im weißen Hemd) und Kishan Kumarsingh aus Trinidad und Tobago (links daneben). Ganz rechts: UN-Klima-Chefin Christiana Figueres. (Foto: iisd.ca)

CAN-Koordinatorin Ria Voorhaar ist genervt. Die Suche nach einem anderen Raum verläuft ergebnislos, und auf Voorhaars höfliche Bitte, sich doch nun endlich zu sputen, reagieren die Loss-and-Damage-Leute nicht. Die Delegierten machen einfach weiter. Voorhaar unterdrückt ein Fluchen.

Es geht um ein Detail. Am Vortag hatte die EU-Vertreterin eine kleine Änderung am Loss-and-Damage-Text verlangt, einen Halbsatz betreffend. Bei dem Meeting am Samstag präsentiert die Vorsitzende eine neue Formulierung. Allen Delegierten liegt der neue Text vor, und er wird an die Wand projiziert, die veränderte Formulierung ist blau unterlegt. Nun könnte man die Frage stellen, ob es Einwände gibt oder ob alle zustimmen, und damit alles sehr beschleunigen.

Demokratie kostet Zeit und Mühe

Doch so läuft es nicht. Jeder darf sich äußern, jeder hat Rederecht, und das kann manchmal auch nur der Austausch von diplomatischen Höflichkeiten sein. "Wir finden, die Vorsitzende hat sehr gute Arbeit geleistet", sagt der Vertreter von Bangladesch. "Wir haben alle gut gearbeitet, der neue Vorschlag ist für uns akzeptabel", sagt die Vertreterin der USA. "Wir entschuldigen uns, dass wir für Umstände gesorgt haben", sagt die EU-Vertreterin, "aber bei 28 Mitgliedsstaaten brauchen wir Zeit für Rücksprachen."

Als CAN schließlich um 13.15 Uhr beginnen kann, wahrt auch Ria Voorhaar formvollendete Höflichkeit. Sie entschuldigt sich für die Verspätung, "aber der Verhandlungsprozess ist nun mal wichtig". Dann werde man selbst sich eben möglichst kurz fassen und auf viele einleitende Worte verzichten.

Der UN-Verhandlungsprozess ist kompliziert und langwierig, weil er so demokratisch wie möglich gestaltet ist. Eben deshalb ist die Sorge so groß, ob die Zeit bis Paris wirklich reichen wird. 18 Monate bleiben noch bis zum entscheidenden Gipfel 2015. "Das klingt viel, aber das ist es nicht", sagte Connie Hedegaard, die Klimakommissarin der EU, zu Beginn der Bonner Konferenz, und ähnlich wie sie äußerten sich in den vergangenen zehn Tagen viele. Bislang liegt kein Verhandlungstext vor, und welche "Bausteine" der Text enthalten soll, steht auch noch nicht fest – das soll in Bonn wenigstens vorbereitet werden.

Was legen die großen Emittenten auf den Tisch – und wann?

"Inzwischen nimmt der Prozess an Fahrt auf", sagt Li Shuo von Greenpeace China. "Der Konsens nimmt zu." Das sei "ein sehr gutes Zeichen". Es herrsche mittlerweile ein "guter Spirit". Auch Rixa Schwarz von Germanwatch sieht einen "gesunden" Verhandlungsprozess. Optimismus pur. Oder vielleicht nur Zweckoptimismus. Schließlich bleibt nur noch ein Verhandlungstag.

Schon in der ersten Bonner Woche kündigte China an, in der ersten Jahreshälfte 2015 seine Reduktionsverpflichtungen bekannt zu geben, seine sogenannten INDCs. Die Abkürzung wird man sich merken müssen, sie wird in den nächsten 18 Monaten noch häufig zu hören sein. INDC steht für "Intended Nationally Determined Contributions". Und damit für die Klimaschutzverpflichtungen, die von den Staaten in Paris in den neuen Klimavertrag eingebracht werden (sollen).

Die USA und die EU kündigten an, bis März 2015 ihre INDCs bekannt zu geben. Andere große Emittenten wie Japan haben dagegen mitgeteilt, dass sie es bis zum ersten Quartal des kommenden Jahres nicht schaffen werden. Saudi-Arabien forderte sogar, von Reduktionspflichten ganz befreit zu werden, da das Land weniger als ein Prozent der weltweiten Emissionen zu verantworten habe. Nur die 20 größten Emittenten sollten mit Verpflichtungen belegt werden.

Nun muss aber sechs Monate vor Paris feststehen, was in den Vertrag hineingeschrieben werden soll beziehungsweise kann. Und es sollte eine Möglichkeit geben, zu überprüfen, ob das, was die Staaten anbieten, ausreicht, um das Zwei-Grad-Limit einhalten zu können. Die Frage der Überprüfung ist denn auch noch offen: Soll es ein Assessment geben, und wenn ja, wann soll es durchgeführt werden – vor Paris oder danach?

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Zähe Arbeit am Fahrplan nach Paris: ADP-Treffen im großen Saal Maritim im Bonn. (Foto: Verena Kern)

Für den Abend war die Abschlusssitzung der ADP, der Ad Hoc Working Group on the Durban Platform for Enhanced Action, anberaumt, die das Mandat hat, die Texte für den neuen Klimavertrag zu schreiben.

Mehr zur Klimakonferenz in Bonn finden Sie in unserem Dossier

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