Konferenz ohne Koch in der Küche

Tag 10 der Klimakonferenz in Bonn: Bis zum Klimagipfel in Paris sind es nur noch 548 Tage, mahnen die Nichtregierungsorganisationen. Doch ein Verhandlungstext existiert bislang nicht. Schlimmer noch, in Bonn haben sich die Delegierten auch zwei Tage vor Konferenzende noch nicht einmal darauf einigen können, wie der Text zustande kommen soll.

Aus Bonn Verena Kern

"Der Verhandlungsprozess läuft nicht zufriedenstellend", sagt Albert Butare. Der Delegierte aus Ruanda sieht müde aus. Der heutige Freitag ist für den Ingenieur nicht erst der zehnte Konferenztag. Die Delegationen der Staaten der Afrikanischen Union und der Least Developed Countries sind schon Ende Mai nach Bonn gereist, für einwöchige Vorverhandlungen. Zweieinhalb Wochen Verhandlungsmarathon liegen deshalb schon hinter Butare. "Man könnte schneller zu Ergebnissen kommen", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Aber zu viele haben ein Interesse daran, dass es nur langsam vorangeht."

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Protest: Klimaaktivisten lassen Team "Carbon" gegen Team "Net Zero" antreten. (Foto: iisd.ca)

Zeit ist das alles beherrschende Thema in Bonn. Zeit, die knapp wird. Zeit, die drängt. In 18 Monaten soll in Paris ein neuer Weltklimavertrag beschlossen werden – und 2020 in Kraft treten. Wenn er bis dahin von genügend vielen Staaten ratifiziert wurde. Bei "Kyoto I" dauerte dieser Prozess sieben Jahre. Kein Wunder, dass viele den Zeitplan für reichlich knapp bemessen halten.

Vor allem die Nichtregierungsorganisationen. Sie haben mit einem Countdown begonnen: Nur noch 548 Tage bis Paris! Und morgen dann: Nur noch 547 Tage bis Paris! Da die Regierungsdelegationen nach ihrem Eindruck viel zu langsam machen, versuchen die NGOs als Antreiber aufzutreten. "Es muss schneller gehen!" – Diese Botschaft ist auf jeder der täglichen Pressekonferenzen des Climate Action Network (CAN) zu hören, einem Zusammenschluss von mehr als 900 NGOs aus 100 Ländern. "Und wir haben immer noch keinen Verhandlungstext", klagt Mohamed Adow von der CAN-Organisation Christian Aid

Spätestens sechs Monate vor Paris muss der Text stehen. Aufgabe der Frühjahrskonferenz in Bonn war und ist, "erste Bausteine" dafür zusammenzutragen, wie es in der vorsichtigen Diplomatensprache der Klimarahmenkonvention UNFCCC heißt. Genau das ist nach zehn Verhandlungstagen immer noch nicht geschehen. Schlimmer noch, es gibt Streit darüber, wie dieses Zusammentragen vonstatten gehen soll.

Verworrenes Verfahren?

Artur Runge-Metzger von der EU und Kishan Kumarsingh aus Trinidad und Tobago haben zu Beginn der Bonner Konferenz einen Entwurf vorgelegt. Die beiden sind die Vorsitzenden der ADP – der 2011 beim Gipfel im südafrikanischen Durban beschlossenenen Ad Hoc Working Group on the Durban Platform for Enhanced Action, die den Weg nach Paris ebnen soll. Um niemand vor den Kopf zu stoßen, war das Papier als Non-Paper deklariert. Allein, es nützte nichts.

Der Ärger kam doch. Etliche Entwicklungsländer verwahrten sich dagegen, dass ein Entwurf von den Vorsitzenden vorgelegt wird. Das Vorgehen solle ein anderes sein, nämlich dass die Delegationen Vorschläge einbringen, die Vorsitzenden diese aufgreifen und dann zu einem Text kompilieren. "Wer kocht?", lautete plötzlich die Frage. "Wer steuert die Zutaten bei?" Und: "Was ist überhaupt los in der Küche?" Einige Länder beschwerten sich zudem, die Vorsitzenden würden die Meetings zu "konfus" und "verworren" führen, so als sitze man in einem Workshop und nicht bei ernsten, wichtigen Verhandlungen. Dieser fuzzy process erlaube es allen Beteiligten, sich zu verstecken, anstatt beherzt und konstruktiv zu arbeiten.

Die Nichtregierungsorganisationen sähen es gar nicht ungern, wenn, um in der Koch-Metapher zu bleiben, die ADP-Vorsitzenden von allen Ländern die "besten Zutaten" nehmen würden, um daraus "ein gutes Menü zu kochen". Man könne doch, argumentieren sie, einen kurzen zusammenfassenden Text erstellen und zusätzlich eine lange, mehrere hundert Seiten starke Version dazugeben, in der sämtliche Optionen und Vorschläge dokumentiert sind – was vor allem den Entwicklungsländern wichtig ist.

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Kondition ist gefragt: Das ADP-Meeting im großen Saal im Hotel Maritim in Bonn wird heute Mittag für eine Lunchpause unterbrochen. (Foto: Verena Kern)

Nachmittags am Kaffeestand war aus der Schweizer Delegation zu hören, dass für morgen ein neuer Entwurf angekündigt ist. "Aber heute passiert nichts mehr." Die Konferenz, nur zur Erinnerung, geht nur bis übermorgen.

Kleines PS: Die Fußball-Weltmeisterschaft, die gestern Abend in Brasilien begonnen hat, spielt auf der Konferenz keine Rolle. Genauer gesagt, nur als Protestidee. Am Nachmittag ließen Klimaaktivisten ein Team namens "Carbon" gegen Team "Net Zero" antreten – "fossile Abhängigkeit" gegen "eine saubere und gerechte Zukunft". Guess who won.

Mehr zur Klimakonferenz in Bonn finden Sie in unserem Dossier

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