Der Einzug nach dem Auszug

Tag 4 der Klimakonferenz in Bonn: Was macht eigentlich die Umweltbewegung? Auf der letzten Klimakonferenz in Warschau waren die Klimaschützer noch protestierend aus dem Saal marschiert. Jetzt sind sie zurückgekehrt, wütender denn je. Trotzdem wird es heute keine "Samstagsdemonstration" geben – wie sonst auf den Klimakonferenzen. 

Aus Bonn Kathrin Henneberger und Nick Reimer

US-Präsident Barack Obama erhält dieser Tage vielerorts Lob für seinen neuen Klimaschutz-Plan. Nicht aber von Umweltschützern, die seit Jahrzehnten mit der Sturheit eines Don Quijote auf den UN-Klimakonferenzen gegen uneinsichtige Industrieländer kämpfen. Alex Rafalowicz von Friends of the Earth ist einer von ihnen. Rafalowicz kocht vor Wut. "Gemessen an den Forderungen der Klimawissenschaftler sind Obamas Pläne ein Witz!"

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"Volveremos!" In Bonn machen Umweltschützer den Regierungsvertretern auf der UN-Klimakonferenz wieder Druck. (Foto: Kathrin Henneberger) 

Aus Empörung und Protest gegen den kontinuierlichen Unwillen von Regierungen hatten auf der letzten Klimakonferenz COP 19 in Warschau die Vertreter der Nichtregierungsorganisationen die Verhandlungen verlassen. Hunderte strömten damals laut demonstrierend aus dem reichlich bizarren Tagungszentrum, dem Warschauer Nationalstadtion. Sie wollten nicht länger mitspielen bei einem "Verhandlungzirkus, der sich von den Interessen der Industrielobbyisten dominieren lässt". 

In Bonn sind die Umweltschützer nun zurück auf dem Verhandlungsparkett. "Volveremos!" skandierten sie beispielsweise am Freitag vor dem Bonner Verhandlungszentrum, dem Tagungshotel Maritim. "Volveremos" bedeutet so viel wie "Hello again" – und das meint: Wir schauen euch jetzt wieder auf die Finger. "Wir sind entschlossener und vereinter als je zuvor", sagt "Erdenfreund" Rafalowicz. Schließlich stünden die entscheidenden Verhandlungen in Lima und Paris bevor.

"Volveremos! – Stand with us or step aside" ist auch der Titel einer Erklärung, die rund hundert Umwelt-, Klimaschutz-, Entwicklungs- oder Wissenschafts-Organisationen unterzeichnet haben. "Wir haben die Konferenz in Warschau ja nicht verlassen, weil wir dem Prozess misstrauen", sagt Greenpeace-Sprecherin Tina Loeffelbein. "Wir glauben sehr wohl daran, dass die Staatengemeinschaft durch die Klimadiplomatie zu einer Lösung kommen kann – wenn die Verhandler mit einem entsprechenden Auftrag von ihrer Heimatregierung ausgestattet sind." In Warschau habe die polnische Regierung aber derartig die Kohlelobby "gebauchpinselt, dass wir uns dagegen wehren mussten".

Aufsichtspflicht und Beratungsleistung

"Warschau war für einen Klimaschützer unerträglich", sagt auch Jan Kowalzig, bei der Entwicklungsorganisation Oxfam zuständig für den Kampf gegen die Erderwärmung. Kowalzig erinnert an einen Kohlegipfel, den die polnische Regierung parallel zu den Klimaverhandlungen abhalten ließ.

"Der Auszug war natürlich nicht unumstritten", erinnert sich Kowalzig: Schließlich hätten die NGOs nicht umsonst einen Beobachterstatus von der UNO zugesprochen bekommen: "Unser Job ist, die Verhandlungen transparent zu machen, auf falsche Einzelinteressen hinzuweisen, Lobbyismus zu enttarnen und die guten Ideen zusammenzufassen und weiter zu tragen." Nicht selten seien es die Nichtregierungsorganisationen, die Regierungsvertreter oder -delegationen auf Verhandlungssackgassen, Denkfehler oder falsche Verheißungen aufmerksam machen.

"Global erstarkt die Bewegung für den Klimaschutz gerade wieder", urteilt die Philippinerin Lidy Nacpil. Die Direktorin des asiatisch-pazifischen Entwicklungsnetzwerks Jubilee South macht deutlich: "Wir, die Nichtregierungsorganisationen, fordern von denen, die beanspruchen, uns zu vertreten: Handelt in unserem Interesse oder tretet zur Seite!" Nicht erst seit dem Taifun Haiyan sei klar: "Erfolg oder Misserfolg der Klimaverhandlungen entscheiden für uns über Leben und Tod." Entsprechend notwendig sei es, die Stimme zu erheben und den Verhandlern notfalls Nadelstiche zu verpassen, wenn die sich nicht bewegen.

Allerdings steht auf der Frühjahrskonferenz in Bonn deutlich stärker das "Beraten" und "Beaufsichtigen" im Vordergrund. Zwar gibt es immer wieder lokale Protestaktionen. So skandierten am Donnerstag auf dem ersten Ministertreffen Klimaaktivisten: "Wo sind die Minister?" Es ging um einen Überprüfungsmechanismus zum Kyoto-Protokoll, die Staaten der EU sollten ihre Ziele nach dem alarmierenden Bericht des Weltklimarates anheben. Gekommen war aus der EU aber niemand außer Maltas Umweltminister Leo Brincat.

Aber neben solchen Nadelstichen wird es kaum zu großen Protestaktionen kommen. Heute beispielsweise, zur Halbzeit der Konferenz, wird es keine der mittlerweile spektakulären Demonstrationen geben, wie etwa in KopenhagenCancúnDurbanDoha. Die sind traditionell den Klimakonferenzen zum Jahresende vorbehalten. Denn im Frühjahr wird in Bonn die Verhandlungsagenda für das Jahr beschlossen. Krach zu schlagen lohnt sich erst, wenn bei der Jahresend-Konferenz entschieden werden soll – und die Klimadiplomaten sich wieder einmal keinen Schritt bewegen. 

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Die NGOs sind offiziell zurück auf der Klimakonferenz und – wie man hier sieht – zuweilen auch für "gute Laune" zuständig. (Foto: Kathrin Henneberger)

"Die Regierungen haben in Bonn die Gelegenheit zu zeigen, dass sie es ernst meinen", sagt Sven Harmeling, zuständig für Klimapolitik bei der Entwicklungsorganisation Care. Die Bonner Verhandlungen seien entscheidend für den 20. Klimagipfel im Dezember in Peru, "und der wiederum muss den Grundstein legen für das globale Klimaabkommen 2015". 

Mehr zur Klimakonferenz in Bonn finden Sie in unserem Dossier

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