"Die EU muss wieder führen"

Am Mittwoch beginnt in Bonn die Frühjahrskonferenz der Weltklimadiplomatie. Der Fünfte Sachstandsbericht des IPCC hat unmissverständlich klargemacht: Nur mit drastischen Einschnitten bei den globalen Treibhausgasemissionen wird der Klimawandel noch zu bremsen sein. Die Europäische Union muss ihre Rolle als Vorreiter und Schrittmacher zurückgewinnen.

Ein Standpunkt von Maria Theresa Nera-Lauron

BildDer Fünfte Sachstandbericht des Weltklimarats IPCC entzieht allen Argumenten von "Klimaskeptikern" den Boden. Umfassender und fundierter als jemals zuvor weisen die Wissenschaftler nach, dass die Erde sich erwärmt und dass dies schneller vonstatten geht als bisher prognostiziert. Der Bericht bestätigt zudem, dass die Erderwärmung zum größten Teil von Menschen verursacht ist und dass sie nur rückgängig zu machen ist, wenn es über einen lang anhaltenden Zeitraum zu einer einschneidenden Reduktion beim Ausstoß von Treibhausgasen kommt.

Laut der Klimarahmenkonvention UNFCCC umfassen die gegenwärtigen Reduktionszusagen der Länder rund 80 Prozent der gesamten globalen Emissionen, bleiben aber hinter dem zurück, was nötig wäre, um das Zwei-Grad-Limit einzuhalten – um also die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Tatsächlich wäre eine Begrenzung auf 1,5 Grad sicherer, damit auch die verletzlichsten Länder vor weiteren Katastrophen und Zerstörungen verschont bleiben können. Gerade der globale Süden leidet schon heute besonders unter den Folgen des Klimawandels – durch den Anstieg des Meeresspiegels, durch Wüstenbildung, durch Dürren, durch Extremwetterereignisse.

Im Juni treffen sich die Vertreter von Industriestaaten und Entwicklungsländern in Bonn zu einer neuen Verhandlungsrunde, um weitere Detailfragen abzuklären, damit der Weg frei wird für einen neuen Klimavertrag, der 2015 in Paris vereinbart werden soll. Doch kleine Fortschritte sind nicht genug. Was wirklich nötig wäre, sind visionäre Ideen, die von Gerechtigkeit und dem Willen zum Wandel getragen sind. Nur dann kann ein internationaler Klimavertrag sinnvoll und wirksam sein. Nichts führt an der Einsicht vorbei, dass die Fähigkeit der Atmosphäre, Treibhausgase aufzunehmen, nahezu erschöpft ist und dass der Ausstoß von Treibhausgasen strikt unterbunden werden muss.


Der Taifun Haiyan, der im November 2013 über die Philippinen hereinbrach, war einer der schlimmsten, die je auf Land trafen. (Foto: ASB/Flickr)

Die Reduktionsziele, zu denen sich die Regierungen bislang freiwillig bekannt haben, lassen die Welt auf einen bedrohlichen Temperaturanstieg von vier Grad zusteuern. In diesem Szenario ist ein massenhaftes Artensterben bei Flora und Fauna so gut wie sicher. Das Überleben der Menschheit steht auf dem Spiel.

Die internationale Antwort, die notwendig und als einzige logisch ist, besteht in einer radikalen Verringerung der Emissionen. Ausgehend von den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die der jüngste Sachstandsbericht des IPCC aufgezeigt hat, muss es eine gemeinsame und aufeinander abgestimmte Anstrengung geben, um den globalen Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren.

"Mit großer Macht geht große Verantwortung einher"

Das erinnert mich an einen Satz von Peter Parkers Onkel Ben in "Spider-Man": "Mit großer Macht geht große Verantwortung einher." Ich bin keine Theologin, doch ich muss auch an den Bibelvers denken, wonach "von jedem, dem viel gegeben ist, auch viel verlangt wird; und von jenem, dem viel anvertraut wurde, man umso mehr erwartet".

Die Europäische Union hat bei den internationalen Klimaverhandlungen lange Zeit die Rolle eines Schrittmachers gespielt. Mit ihren verbindlichen Klimazielen für 2050 war sie einflussreiches Vorbild und Vorreiter. Doch seit Ausbruch der Wirtschaftskrise verliert die EU ihre eigenen klimapolitischen Ambitionen aus dem Blick. Die Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie, um schwache Wachstumsraten, zunehmende Arbeitslosigkeit und steigende Energiepreise bestimmen nun die Agenda. Führende Wirtschaftsvertreter setzen die Europäische Kommission unter Druck, um ein Aufweichen der Reduktionsziele zu erreichen. Strengere Klimaschutzbestimmungen, so lautet ihre Drohung, würden energieintensive Industrien aus Europa vertreiben und damit dem gesamten Wirtschaftsraum schaden.

Dass die Europäische Union ihre Vorreiterrolle aufgibt, ist besorgniserregend. Die Erderwärmung ist ein globales Problem, doch ihre Ursachen und Folgen gehen nicht gleichermaßen auf das Konto von allen. Der Klimawandel ist real, er findet längst statt. Millionen von Menschen sind davon betroffen. Vor einem halben Jahr hat der Supertaifun Haiyan die Philippinen verwüstet, bis heute sind noch nicht alle Opfer gezählt.

Kann Deutschland seinen Einfluss geltend machen und die Europäische Union zu ehrgeizigeren Klimazielen bewegen? Es ist zu wünschen. Erinnern wir uns: Wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel verlangt.


Zerstörungen durch Haiyan auf den Philippinen. (Foto: Liam Kennedy/Wikimedia Commons)

Maria-Theresa Nera-Lauron, 45, leitet das Climate Justice Programme der Nichtregierungsorganisation IBON International in Quezon City (Philippinen). Sie gehörte als Vertreterin der Zivilgesellschaft der Regierungsdelegation ihres Landes bei den letzten drei Klimagipfeln in Durban, Doha und Warschau an.

Mehr zur Klimakonferenz in Bonn finden Sie in unserem Dossier

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