Recht haben allein reicht nicht

Das Ziel der UN-Klimaverhandlungen ist, die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Wie diese Ziel erreicht werden soll, ist aber umstritten. Die Entwicklungsländer riskieren dabei, mit einer theoretisch richtigen Forderung mögliche Fortschritte zu verhindern.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

Ohne das Abkommen von Cancún hätten viele Länder die Hoffnung verloren, das Klimaproblem mit multilateralen Verhandlungen lösen zu können. "Aber obwohl Cancún einen Durchbruch für den Verhandlungsprozess gebracht hat, steht der Durchbruch zur Rettung des Klimas immer noch aus." sagt Christiana Figueres, die Chefin des UN-Klimasekretariats. Und so steht die Rettung des Klimas in diesem Jahr erneut auf der Agenda.


UN-Klimachefin Christiana Figueres: Die Klimarettung steht noch aus. (Fotos: UNFCCC)

Doch schon jetzt ist diese Agenda heftig umstritten: Die Industrieländer wollen sich auf die Umsetzung des Cancún-Abkommens konzentrieren und den Klimafonds, den Mechanismus für den Technologietransfer sowie das Büro zur Koordination von Maßnahmen zur Anpassung an die Klimaerwärmung aufbauen. Den Entwicklungsländern ist das jedoch zu wenig. Sie verlangen zweierlei: Zum einen soll das Ende 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll verlängert werden. Zum anderen sollen die Industriestaaten ihre CO2-Emissionen schneller senken als bislang vorgesehen.

Bottom-up oder Top-down: Der Weg definiert das Ziel

Dem Konflikt liegen unterschiedliche Ansätze zur Lösung des Klimaproblems zugrunde. Die Entwicklungsländer wollen einen Top-down-Ansatz: Dabei wird erst eine Obergrenze für den weltweiten Kohlendioxid-Ausstoß festgelegt und anschließend jedem Land ein Anteil an der noch zulässigen Verschmutzung zugeteilt. Die Industrieländer wiederum wollen zumindest vorläufig am bestehenden System festhalten und individuell und intern festlegen, in welcher Höhe sie ihre CO2-Emissionen senken wollen. Die einzelnen Länderziele werden dann Bottom-up aggregiert.

Dass dieser Ansatz nicht unbedingt funktioniert, zeigen die bislang gemachten Zusagen, die nicht ausreichen, um die Klimaerwärmung auf maximal zwei Grad bis Ende des Jahrhunderts zu begrenzen. Doch die Industrieländer hoffen, dass die Ziele anspruchsvoller gesetzt werden, wenn sichtbar ist, dass die in Cancún beschlossenen Institutionen auch funktionieren. Und so lässt sich der Streit um die Agenda auf den UN-Klimaverhandlungen auf ein Henne-Ei-Problem reduzieren: Was kommt zuerst, anspruchsvollere CO2-Reduktionsziele oder der Aufbau von Institutionen zur Koordination internationaler Klimapolitik?


Die Industrieländer haben bei den armen Ländern Klimaschulden: Auf diese Rechnung mögen sich jedoch nicht alle Länder einlassen.

Die Entwicklungsländer haben bei dieser Frage theoretisch mit der Forderung recht, dass die Senkung der Emissionen im Zentrum der Debatte stehen sollte. Praktisch können sie aber kein Industrieland dazu zwingen, sich anspruchsvollere Reduktionsziele zu setzen. Seit der Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 sind die Reduktionsziele der Industrieländer denn auch unverändert geblieben.

Ohne die USA werden sich die Industrieländer kaum weiter nach vorn bewegen

Hinzu kommt, dass die USA als größter Kohlendioxid-Emittent der Industrieländer immer Schwierigkeiten hat, im eigenen Land selbst bescheidene Klimaschutzmaßnahmen durchzusetzen. Und so stellt sich die Frage, ob sich die Entwicklungsländer nicht besser an ein anderes geflügeltes Wort halten sollten: "Besser der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach."

Vielleicht werden die USA nach der nächsten Präsidentenwahl 2012 in der Lage sein, angemessene Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen. Den Entwicklungsländern, die historisch gesehen kaum etwas zum Klimawandel beigetragen haben, aber am meisten unter dessen Folgen leiden, wäre es zu wünschen.

Alle Berichte zur Klimakonferenz vom 3. bis 8. April in Bangkok im Dossier

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