Klimakonferenz debattiert Atomkraft

Nach der Atomkatastrophe in Japan überdenken viele Länder ihre Ausbaupläne für Atomstrom. Dies birgt die Gefahr, dass vermehrt Kohlestrom zum Einsatz kommt. Umweltorganisationen verlangen derweil, dass die Stromversorgung zu 100 Prozent auf erneuerbare Quellen umgestellt wird.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

"Fukushima wird sicherlich einen Einfluss auf die Klimaverhandlungen haben", sagt Artur Runge-Metzger, der Leiter der EU-Delegation, zu Beginn der Klimaverhandlungen in Bangkok diese Woche. Welchen Einfluss die nukleare Katastrophe in Japan haben wird, ist aber noch unklar. Die Internationale Energieagentur IEA warnt davor, dass weniger Atomstrom zu höheren Kohlendioxid-Emissionen führen könnte.


In Thailands Hauptstadt Bangkok treffen sich zurzeit die internationalen Klimaverhandler. (Foto: Adopt a Negotiator)

 Bisher war die IEA davon ausgegangen, dass in den nächsten 25 Jahren die Kapazität der Atomkraftwerke weltweit fast verdoppelt wird. Nun hat die IEA ausgerechnet, was passiert, wenn nur halb so viele Atomkraftwerke neu gebaut werden wie erwartet: In diesem Fall liegt der globale Kohlendioxid-Ausstoß im Jahr 2035 um 500 Millionen Tonnen über der bisherigen Schätzung. "Das ist eine schlechte Nachricht für das Klima", sagt Fatih Birol, der IEA Chefökonom.

Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Japan und Deutschland. Der japanische Premierminister Naoto Kan hat zwar gesagt, dass Japan an seinem Ziel zur Reduktion der CO2-Emissionen festhalten wird. In Bangkok hat nun aber der japanische Vizeumweltminister eine Überprüfung des Ziels in Aussicht gestellt, bis 2020 ein Viertel weniger Kohlendioxid als 1990 zu emittieren. Und für Deutschland hat der Nachrichtendienst Point Carbon sogar schon ausgerechnet, um wieviel die Emissionen durch die Abschaltung der Altreaktoren steigen: In den nächsten zehn Jahren werden insgesamt 436 Millionen Tonnen CO2 mehr emittiert als bei einem Weiterbetrieb der Altreaktoren.

EU-Roadmap mit weniger Atomstrom

Dennoch glaubt Runge-Metzger nicht, dass die EU deshalb weniger Ehrgeiz beim Kampf gegen den Klimawandel zeigen werde. Wie das gelingen soll, dürfte im Herbst klarer sein: Bis dann will die EU eine detaillierte "Roadmap 2050" zur Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen um 80 bis 95 Prozent vorlegen. Und nach Fukushima soll diese Roadmap nun auch ein Szenario mit sehr wenig Atomstrom berücksichtigen.


Aktivisten von Greenpeace, WWF und Oxfam demonstrieren vor dem Konferenzgebäude. (Foto: Oxfam GB East Asia)

Aus Sicht von Umweltorganisationen muss die Welt aber nicht zwischen "Atomdesastern und einem Klimadesaster" wählen. Die Lösung sei eine Zukunft, in der 100 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen gedeckt werde, sagt Tove Ryding von Greenpeace International. Dennoch können auch Umweltorganisationen nicht ausschließen, dass weniger Atomstrom zunächst zu höheren CO2-Emissionen führt: "Kurzfristig" würden die beschädigten Reaktoren von Fukushima durch einen vermehrten Einsatz von Kohle, Öl und Gas ersetzt werden, sagt Naoyuki Yamagishi vom WWF Japan. "Dass Japan jetzt Kohlekraftwerke hochfahren muss, zeigt aber wie unzuverlässig Atomenergie ist", sagt Yamagishi weiter und erinnert daran, dass kein einziges Windrad dem Erdbeben zum Opfer gefallen ist.

Ob die Welt schließlich sowohl auf Atom- als auch auf Kohlestrom verzichten kann, hängt für Runge-Metzger derweil von einem ganz anderen Kraftstoff ab: Geld. "Es könnte halt ein bisschen teurer werden, aber wir wollen die Leben unserer Kinder retten und Länder können dafür eine Menge Geld ausgeben."

Alle Berichte zur Klimakonferenz vom 3. bis 8. April in Bangkok im Dossier

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