Nicht ganz grün: REDD
Tropische Regenwälder sollen wieder einmal die Welt retten: Nicht genug, dass die Ökosysteme einen Großteil der globalen Arten beheimaten, sie speichern auch noch ein Viertel des gesamten Kohlenstoffs der weltweiten Landbiosphäre. Tatsächlich stammen etwa 20 Prozent der menschengemachten Kohlendioxidemissionen weltweit aus Entwaldungsprozessen, nur geringfügig weniger als aus der Erzeugung von Energie.
Daher ist
man sich in der Klimadiplomatie auch einig, dass Wälder,
insbesondere die tropischen, geschützt werden sollten. Mit dem
sogenannten REDD-Mechanismus
- „Reducing Emissions from Deforestation and Degradation" - will die UN
Wälder als Kohlendioxidspeicher vor Abholzung schützen und dafür Geld in den Industriestaaten locker machen, möglichst im
Rahmen des geplanten Kyoto-Folgeabkommens.
Grundsätzliche Idee hinter REDD ist die eines Kohlenstoffmarkts: Intakter Wald soll einen Preis bekommen, damit er nicht um des kurzfristigen Profits willen abgeholzt wird. Ökologisch wertvolle Güter werden so auch ökonomisch wertvoll gemacht. Die Idee wird von führenden Wirtschaftswissenschaftlern unterstützt: Der Chefökonom der britischen Regierung, Nicolas Stern, etwa hatte in seinem aufsehenerregenden Klima-Bericht von 2006 die Verhinderung von Abholzung als billigste Art des Klimaschutzes gepriesen.
Gigantische Chance für nachhaltige Entwicklung
Ausgehend von dieser Grundidee werden verschiedene Varianten von REDD diskutiert, die unterschiedlich weit gehen:
Die engste Option erfasst ausschließlich die Abholzung von Wäldern
und nennt sich schlicht RED. Spricht man dagegen mit zwei "D" von REDD, wird nicht nur die
vollständige Entwaldung, sondern auch die Schädigung
("Degradation") von Böden oder Waldökosystemen, also beispielsweise die Abholzung
einzelner Bäume, einbezogen.
Das umfassendste Konzept, genannt REDD+, soll darüberhinaus die Möglichkeit geben, Wälder zu renaturieren und dadurch den Kohlenstoffspeicher Wald sogar noch zu vergrößern. Insbesondere in diesem letzten Konzept könnte eine riesige Chance für nachhaltige und umweltfreundliche Entwicklung stecken: Mit Geld aus dem globalen Kohlenstoffmarkt könnten möglicherweise nicht nur Klimaschutzprojekte, sondern gleichzeitig auch Projekte zur Verringerung der Armut, zur Unterstützung indigener Bevölkerungsgruppen, zum Schutz der globalen Artenvielfalt und zum Erhalt der natürlichen Ökosystemfunktionen finanziert werden.
Doch für viele Umwelt- und Entwicklungsorganisationen ist das Kürzel REDD geradezu ein rotes Tuch. Auch die Diplomaten bei der UN sind sich, abgesehen von der puren Notwendigkeit, Wälder als Kohlenstoffspeicher zu schützen, überhaupt nicht einig.
Der Dissens beginnt bei der Frage, was "intakter" Wald ist. Soll man darunter nur völlig unangetastete Gebiete mit altem Waldbestand verstehen? Oder fallen darunter auch jüngere, wiederaufgeforstete Wälder? Manche Länder wollen gar Plantagen zur Holzgewinnung zu diesen Flächen zählen. Bei den Debatten geht es um viel Geld - denn die Einbeziehung oder Nichteinbeziehung von Waldflächen in REDD-Mechanismen könnte den betroffenen Staaten den Zugang zu Milliardensummen eröffnen - oder eben verschließen. Erschwert wird die Debatte durch die generell dünne Datenbasis in der Wissenschaft, die gar nicht für jeden Wald präzise Aussagen über die Menge des darin gebundenen Kohlenstoffes machen kann.
Eine Gefahr für Artenvielfalt und indigene Völker?
Viele Umweltorganisationen fürchten, dass bei einer einseitigen Betrachtung der Wälder als Kohlenstoffspeicher deren Wert für den Erhalt der globalen Artenvielfalt unter den Tisch fallen könnte. So könnten beispielsweise sehr junge, wieder aufgeforstete Wälder, die für den Artenschutz nicht annähernd so wertvoll sind wie sehr alte, im Kohlenstoffmarkt einen ähnlichen Wert wie diese erhalten.
Waldexperte Christoph Thies von Greenpeace forderte daher bei
der Vorstellung einer in seinem Auftrag erstellten REDD-Studie am Rande
der UN-Klimakonferenzen in Bonn, dass der Erhalt der Biodiversität
nicht bloßer Nebeneffekt beim Waldschutz sein dürfe. Plantagen seien
unbedingt aus dem Konzept auszuschließen, außerdem müsse sich der
Prozess prioritär dem Schutz und Erhalt der großen, noch vorhandenen
tropischen Regenwälder zuwenden. Eine zusätzliche
Kohlenstoffspeicherung durch Renaturierungsprojekte könne erst in einer
späteren Phase von REDD diskutiert werden.

Laut Friends of the Earth International sind mehr als
eine Milliarde Menschen weltweit direkt von Produkten des
Regenwaldes (etwa Nahrung, Holz und Medikamente) abhängig. Und ganz besonderes
Augenmerk sei in der REDD-Diskussion auf die Rechte von 60
Millionen Mitgliedern indigener Völker zu richten.
Befürchtet wird, dass durch einen steigenden ökonomischen Wert der Wälder lokale und indigene Gruppen vertrieben werden könnten. Besonders bedroht sind sicherlich diejenigen, die formal keinen Landbesitz haben - und das sind meist eben indigene Völker, denen westliche Vorstellungen von Privatbesitz an Land oder Wald traditionell oft fremd sind. Umwelt- und Entwicklungsorganisationen fordern deshalb eine Übereinstimmung von REDD-Projekten mit der UN-Deklaration zu den Rechten indigener Völker - oder lehnen REDD gleich ganz ab.
Kapitalistischer Kohlenstoffmarkt oder zahnloser Tiger
Schließlich ist die konkrete Umsetzung völlig offen. Hier werden zwar Ideen diskutiert, aber von einer Einigung sind sowohl die Arbeitsgruppen der Klimarahmenkonvention untereinander als auch die Nichtregierungsorganisationen weit entfernt. Eine Möglichkeit wäre der Erhalt des Waldes über einen internationalen Fonds. In diesen könnten Industriestaaten oder auch Unternehmen von dort einzahlen. Allerdings lehnen insbesondere Entwicklungsländer dieses Modell ab, weil sie den Zugriff auf die Wälder oder das Geld verlieren könnten.
Am weitesten verbreitet ist die Idee, unter REDD anerkannte Wälder in den globalen Handel mit CO2-Zertifikaten einzubeziehen. Doch zur Debatte, welche Wälder als „intakt" und damit als wertvolle Kohlendixid-Speicher gelten, dürfte dann noch eine weitere hinzukommen: Ob die Waldzertifikate nicht den mühsam aufgebauten Kohlenstoffmarkt überschwemmen und damit den Preis für Verschmutzungszertifikate drücken würden. Ein möglicher Effekt wäre etwa, dass deutsche Kohlekonzerne wie RWE oder Vattenfall im Ausland in vergleichsweise billige Waldschutzprojekte investieren - und damit um Emissionsminderungen hierzulande herumkommen könnten.
Luise Neumann-Cosel
Die Greenpeace-Studie "REDD from the Conservation Perspective" finden Sie hier
Fotos: Greenpeace
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