Leere Tabellen gegen den Klimawandel

Seit Dienstagnacht gibt es einen Verhandlungstext für ein Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls. Bereits am Freitag hatte das UN-Klimasekretariat UNFCCC mit Sitz in Bonn zwei weitere Dokumente als Basis für die weiteren Gespräche veröffentlicht. Zusammengenommen stehen nun 121 Seiten bereit - aus dieser Textsammlung soll bis Ende des Jahres ein internationales Klimaschutzabkommen werden.
"Das Dokument markiert eine wichtige Marke auf dem Weg nach Kopenhagen", sagt UN-Klimasekretariatsleiter Yvo de Boer. Denn bei der nächsten UN-Klimakonferenz in Bonn vom 1. bis 12. Juni kann die Weltklimadiplomatie nun erstmals über einen konkreten Textentwurf diskutieren. Was vorher nur abstrakt im Raum stand, soll nun genaue Formen annehmen.
Schon im Dezember diesen Jahres will die Staatengemeinschaft in Dänemark ein internationales Klimaschutzabkommen beschließen, um an das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll anzuschließen. Den Verhandlungsentwurf "konkret" zu nennen, wäre aber geradezu kühn: Denn aufgelistet sind in den Texten des UN-Klimasekretariats vor allem Möglichkeiten, Optionen, Varianten. Und das gleich zigfach.
Das bisherige Kyoto-Protokoll mit seinen 21 Seiten scheint daneben geradezu simpel gestrickt. Dessen "Annex B" enthielt eine zweispaltige Tabelle, in der die einzelnen Industriestaaten aufgeführt waren und deren jeweilige Ziele zur Reduktion ihres Treibhausgasausstoßes. Klar ist, dass es auch nach 2012 konkrete Reduktionsziele der Industrienationen geben soll. Unklar ist allerdings alles weitere: Bis zu fünf neue Spalten sieht die Textwerkstatt des Klimasekretariats in den verschiedenen Optionen für eine mögliche Änderungen oder Erweiterungen des Kyoto-Protokolls um eine zweite Reduktionsperiode vor: Abhängig unter anderem vom Zeitraum, auf den sich die im Kopenhagen-Abkommen zu vereinbarenden Minderungsziele beziehen. Selbst dies ist noch ungeklärt. Ganz zu schweigen von der Art und Weise, wie die Reduktionen und Emissionen gemessen werden sollen - als Gesamtsumme der Staaten oder umgerechnet auf Pro-Kopf-Werte. Das alles hat sich das Klimasekretariat nicht selbst ausgedacht - es ist zusammengefasst aus den schier unüberschaubaren Vorschlägen der Teilnehmerländer.
Das wichtigste: Die Tabellen sind noch leer. Wie bei allen konkreten Zahlen geben sich die Staaten äußerst widerwillig, sich "schon" zu diesem Zeitpunkt festzulegen. Die einzigen (ambitionierten) Zahlen im Papier zu den Verpflichtungen der Industrieländer sind einem Vorschlag der Phillippinen und Südafrikas entnommen. Und auch wenn es noch keine offizielle Liste der Reduktionsziele gibt: Die derzeit von den reichen Ländern ins Spiel gebrachten Zahlen sind alles andere als ehrgeizig. Gerade einmal vier bis 14 Prozent Reduktion bis 2020 sind derzeit zugesagt.
"Mit nur noch 200 Tagen bis Kopenhagen wird der Zeitrahmen immer knapper"
Ähnlich, aber wortreicher sieht es im Hauptdokument aus: Der 53-seitige Text bildet das Herzstück der kommenden Verhandlungen und umfasst alle wesentlichen Bereiche eines künftigen Klimaschutzabkommens. Im Gegensatz zum Verhandlungsstrang unter dem Kyoto-Protokoll geht es in den Gesprächen unter der Klimarahmenkonvention sowohl um die Treibhausgasreduktion der Industrenationen als auch um die Beteiligung der Entwicklungsländer durch eigene Vorgaben, Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen.
Knackpunkte sind allerdings nach wie vor die Finanzierung und das gegenseitige Aufeinanderzugehen von Industrie- und Schwellenländern: Dass die reichen Nationen arme unterstützen, ist klar. Unklar ist alles weitere: Der Verhandlungstext bietet Möglichkeiten über Möglichkeiten zur genauen Ausgestaltung und Einbindung verschiedener Mechanismen, der Anrechnung von Entwaldungsmaßnahmen , dem Technologietransfer und Finanzierungsfonds.
Für Yvo de Boer ist der Verhandlungstext trotz offener Fragen ein positiver Impuls für die UN-Klimaverhandlungen. Auch das Major Economies Meeting im April in Washington, wo sich die größten Treibhausgasverursacher trafen, sowie die wachsende Beteiligung der USA hätten die Gespräche weiter gebracht, so de Boer: "Die Industrieländer rechnen den Entwicklungsländern zudem hoch an, dass sie bereits jetzt Klimaschutzstrategien auf den Weg gebracht haben."
In Bonn werden zur nächsten Verhandlungsrunde vom 1. bis 12. Juni 3.000 Delegierte sowie Vertreter aus Wirtschaft, Forschung, Umwelt- und Entwicklungsorganisationen erwartet. Im Zuge der Gespräche wird der Verhandlungstext voraussichtlich nicht kürzer, sondern länger werden und weitere Optionen aufnehmen. Auch mit einer kompletten Liste der Reduktionsziele der Industrieländer ist offenbar nicht vor der Klimakonferenz in Bangkok vom 28. September bis zum 9.Oktober zu rechnen - und auch dann nur inoffiziell. "Mit nur noch 200 Tagen bis Kopenhagen wird der Zeitrahmen immer knapper", warnt de Boer. Der Textentwurf, fristgerecht sechs Monate vor der finalen Klimakonferenz in Kopenhagen veröffentlicht, zeige jedoch, dass die Welt sich angesichts des Klimawandels eben doch bewegt.
Nun ja: Bewegung ist relativ.
SARAH MESSINA
Den Hauptverhandlungstext finden Sie in englischer Sprache HIER
Die Änderungsvorschläge zum Kyoto-Protokoll finden Sie HIER
Ein ergänzendes Dokument dazu finden Sie HIER
Und falls Sie einen vergleichenden Blick auf das Kyoto-Protokoll selbst werfen wollen: Das finden Sie HIER
FOTOS: UNFCCC, REIMER
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