Ein Umbau für die Venen der Wirtschaft

Die IEA-Führungsspitze: Chefökonom Fatih Birol (links) und IEA-Chef Nabuo Tanaka
Aus Bangkok NICK REIMER
Die gute Nachricht zuerst: Nach Erhebung der Internationalen Energie-Agentur IEA wird der Treibhausgas-Ausstoß 2009 um 3 Prozent unter dem des Vorjahres liegen. Schuld ist die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise, die zu einer deutlichen Abkühlung des Wirtschaftsmotors und damit zu einem geringeren Energiehunger geführt hat. "Das bietet uns ein kurzes Zeitfenster", erklärte auf der Klimakonferenz in Bangkok IEA-Chefökonom Fatih Birol: Auch im Energiesektor habe es einen Investitions-Zurückhaltung gegeben. "Deshalb ist ein starkes Abkommen in Kopenhagen wichtig", so Birol. Nur dann würden die nachzuholenden Investitionen "nachhaltig" - also klimafreundlich - erfolgen.
Darum nämlich geht es der IEA: den Umbau der Energiewirtschaft. "Investoren investieren nicht nach irgendwelchen politischen Vorgaben. Sie investieren um Geld zu verdienen", sagte Birol. Und so lange sich mit fossilen Energien Geld verdienen lasse, werde dort auch investiert. "Um das 450 ppm-Ziel zu schaffen, müssen aber im Jahr 2020 jährlich 3,6 Gigatonnen Treibhausgase weniger produziert werden", so Birol. Das 450 ppm Ziel bedeutet jene Treibhausgaskonzentration, die vom Weltklimagrad als gerade noch beherrschbar bezeichnet wird. Bei einer solchen Konzentration erwärmt sich die Erde um 2 Grad. Aktuell liegt die Menschheit bei etwa 390 ppm.
Die IEA legte in Bangkok einen "early excerpt" des World Energy Outlook 2009 vor, um die Verhandlungen zu beeinflussen. "Dieser Bericht ist keine Projektion, sondern das, was passieren muss", erklärte Nabuo Tanaka, Chef der Internationalen Energieagentur. 3,6 Gigatonnen weniger bedeutet einen Systemwechsel in vielen Bereichen. Zentral aber bleibt der Energiesektor, "die Vene der Wirtschaft", wie Tanaka erklärte. Um das Ziel zu erreichen seien jährlich 17.000 neue Windräder bis 2020 erforderlich. Oder 180 neue Atomkraftwerke. "2020 muss der Peak der fossilen Energienutzung überschritten werden", so Tanaka. Bedeutet: Ab dann muss die Verbrennungstechnologie schrittweise weichen.
Die IEA schlüsselt auch auf, wer wie die Reduktionen zu erbringen hat. Demnach sollten die Industriestaaten mit 43 Prozent beitragen, die Schwellenländer wie China, Brasilien, Indonesien oder Mexiko 40 Prozent, Indien und der Rest der Welt 16 Prozent. Ob das nicht ungerecht ist angesichts der historischen Schuld der Industriestaaten? "Sie müssen die Potentiale sehen", erklärte Birol: Allein China könnte 2020 eine Gigatonne Treibhausgas einsparen. "China hat schon heute eine engagierte Klimapolitik", sagte Birol, um dann vier Beispiele aufzuzählen: Ambitionierte Ausbauziele der Erneuerbaren Stromtechniken, den Umbau der Chinesischen Schwerindustrie in eine Leichtindustrie, ein Energie-Effizienz-Programm sowie den Ausbau der Wasserkraft.

Insgesamt sieht die Internationalen Energie-Agentur das größte Sparpotential bei der Energienutzung. 65 Prozent der 2020 anvisierten Reduktion sollten durch Effizienzoffensiven erbracht werden. 18 Prozent sollten aufs Konto eines erneuerbaren Energiesektors gehen, der dann ein Drittel des Weltenergiebedarfs deckt (derzeit sind es 16 Prozent). Biofules sollen 1 Prozent beitragen, Atomkraft dann 13 Prozent (von heute 2 Prozent) und der Kohlendioxid-Abscheide-Technologie CCS 3 Prozent.
Was, wenn CCS nicht funktioniert? "Das nächste G8-Treffen wird sich mit dem Thema befassen und Modellprojekte auswählen, um die Technologie voran zu bringen", versprach IEA-Chef Tanaka. Klar sei, dass es ohne Atomkraft und ohne CCS nicht gehen werde: "Klappt CCS nicht, müssen mehr Atomkraftwerke gebaut werden". Die Erneuerbaren jedenfalls werden nur zur Hälfte den Weltenergiebedarf decken können.
Klar ist für die Internationalen Energie-Agentur jedoch, dass ihr Szenario nur durch ein starkes Kopenhagen-Abkommen umgesetzt werden kann. "Kommt das nicht, so heißt das Business as usual", sagte Tanaka. Also weiter in Kohlekraftwerke investieren, so wie in Deutschland.
Bei der Begrenzung des Temperaturanstiegs macht nach Berechnungen der IEA jede Verzögerung um ein Jahr 500 Milliarden Dollar (rund 340 Milliarden Euro) zusätzliche Investitionen im Energiesektor erforderlich. Dabei wäre die ´Welt schon durch ein lächerliches Sümmchen zu retten: "Um diese Energierevolution zu erreichen, sind zwischen 2010 und 2030 Investitionen von zehn Billionen US-Dollar im Energiesektor nötig", so Birol. Gerade einmal 0,5 Prozent der Weltwirtschaftsleistung.
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