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Wie funktioniert Emissionshandel?

Der Emissionshandel (eigentlich: Handel mit Zertifikaten, die zum Ausstoß einer bestimmten Menge eines Schadstoffes berechtigen, hier: von einer Tonne Kohlendioxid) ist ein Instrument der Klimapolitik, das staatliche Eingriffe (also die Festlegung einer Gesamtmenge von CO2, die von allen Teilnehmern des Handelssystem gemeinsam ausgestoßen werden darf) und marktwirtschaftliche Instrumente (die einzelnen Teilnehmer, in der Regel Unternehmen, können die Zertifikate untereinander kaufen und verkaufen) vereinigt. Seit 2005 existiert mit dem Emissionshandel der Europäischen Union für Energie- und Industrieunternehmen das weltweit erste, multinationale derartige System.

Das Grundprinzip ist relativ einfach: Wenn ein Unternehmen Kohlendioxid in der Atmosphäre ablagern will, musste es das Recht dazu besitzen. Diese „Emissionsrechte“ werden in Form von Zertifikaten verteilt – für jede Tonne erlaubtes Kohlendioxid gibt es ein Zertifikat. In Gedanken wurde also die Erdatmosphäre in kleine Stückchen aufgeteilt, und man brauchte eine Urkunde, damit man auf jeweils einem Stückchen seinen Kohlendioxid-Müll abladen durfte. 

Die EU-Kommission, so die Idee, legt fortan Jahr für Jahr fest, wie viel Treibhausgas in die Atmosphäre geleitet werden darf. Und Jahr für Jahr wird die Gesamtmenge der ausgegebenen Zertifikate verringert und damit die Atmosphäre entlastet. Der marktwirtschaftliche Clou am System: Die Unternehmen dürfen ihre Zertifikate untereinander tauschen. Wenn ein Unternehmen mehr Kohlendioxid ausstoßen will, als es Zertifikate abbekommen hat, kann es die Emissionsrechte von anderen Firmen abkaufen. 

Das System geht zurück auf Ideen des Chicagoer Ökonomen Ronald Coase: Wenn schon externe Kosten (für die Nutzung der Atmosphäre als Müllkippe für Kohlendioxid) in den Wirtschaftskreislauf internalisiert werden müssen, dann sei das effizienteste Instrument dafür ein eigener Marktplatz. Der Staat solle zwar den Rahmen des Handelssystems vorgeben, den Rest dann aber wieder der Wirtschaft überlassen. In der Praxis heißt das, dass die EU Zertifikate verteilt für das bislang freie Umweltgut. Den Wert dieser Zertifikate aber, den bestimmt der Markt. Somit legt nicht der Staat fest (wie etwa bei einer Kohlendioxidsteuer), wie viel Geld ein Unternehmen für das Recht auf Verschmutzung der Atmosphäre letztlich zu zahlen hat. Das erledigt das Spiel von Angebot und Nachfrage an den Börsen, wo die Zertifikate gehandelt werden. Erstmals in der Menschheitsgeschichte bekam Kohlendioxid durch den EU-Emissionshandel einen Preis.   

Die konkrete Ausgestaltung - vor allem der ersten Phase 2005 bis 2007 - war aber höchst mangelhaft. Zum Start des Emissionshandels 2005 hatte sich der Staat von den Lobbyisten der Wirtschaft überreden lassen, sehr viele Zertifikate zu verteilen – viel zu viele, die deutsche Wirtschaft zum Beispiel bekam mehr Verschmutzungsrechte, als sie überhaupt Kohlendioxid erzeugt. Deshalb rauschte der Börsenpreis für diese Zertifikate auch bald in den Keller - sie sind an der Leipziger Strombörse z.B. schon für wenige Cent zu haben. 

Ganz nebenbei geriet der Emissionshandel so zur größten Gelddruckmaschine für die Wirtschaft in Europas jüngerer Geschichte. Der Staat nämlich – man mag es kaum glauben, wenn man es das erste Mal hört – verschenkte die Zertifikate beim Start des Handelssystem an die Industrie. Experten und Umweltschützer hatten davor gewarnt, aber die Wirtschaftslobbyisten, die wie immer vor neuen finanziellen Belastungen der Unternehmen warnten, waren stärker gewesen. Umgehend preiste die Industrie die Zertifikate in ihre Produkte ein: Strom, Glas, Rohaluminium – alles wurde um den rechnerischen Preis der für die Herstellung notwendigen Kohlendioxidmenge teurer. Ohne auch nur eine Kilowattstunde Strom, eine Tonne Glas, ein Kilogramm Aluminium mehr zu produzieren, konnten die Konzerne so stolze Gewinnsprünge verbuchen. Zur Freude der Aktionäre. 

Vieles spricht dafür, dass mit Beginn der zweiten Phase im Januar 2008 der Handel besser funktioniert. Denn die EU hat die Obergrenzen stärker gesenkt (die teilnehmenden deutschen Unternehmen dürfen künftig jährlich nicht mehr 482 Millionen Tonnen, sondern nur noch 453 Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstoßen). Und die Bundesregierung wird künftig knapp zehn Prozent der Zertifikate nicht mehr verschenken, sondern versteigern. Der Erlös von ca. 400 Millionen Euro soll in den Klimaschutz fließen. 

Weitere Informationen gibt es z.B. auf der Wikipedia-Seite zum Thema.  

Einen guten Kommentar bietet le monde diplomatique

Im Buch "Wir Klimaretter" wird in Kapitel 4 das Modell eines Emissionshandels für Privatleute (und nicht nur für Unternehmen) konkret vorgestellt.  

Auch auf der Seite des WWF Deutschland gibt es einen Erklärungstext zum Emissionshandel.  

Die schwedische Dag Hammarskjöld Foundation hat mit "Carbon Trading. A critical conversatin on climate change, privatisation and power" einen sehr kritischen Reader zum Thema veröffentlicht (englisch, kostenlos als pdf-Dokument herunterladbar).

Und hier gehts zum Lexikon.

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