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Der Wald ist nicht genug

Sie gilt als Lieblingsabkürzung der Diplomaten: Unter LULUCF werden in den Klimaverhandlungen Emissionen aus Wald-, Land- und Bodennutzung in Industrieländern verhandelt. Mit LULUCF lassen sich Emissionen aber auch hervorragend "verstecken", kritisieren Umweltschützer. Blockadepotenzial hat das Thema auch, weil Entwicklungsländer kaum Zugeständnisse beim eigenen Waldschutz machen werden, während LULUCF immer weiter aufgeweicht wird

Aus Bonn Johanna Treblin

Die Klimakonferenz in Bonn ist vorbei, aber das Versteckspiel geht weiter: Wer schafft es besser, seine Kohlendioxid-Emissionen zu verstecken – Industrie- oder Entwicklungsländer? Auf dem Spiel steht der Wald. Das war auf der jüngsten Klimakonferenz endlich ein großes Thema, insbesondere ging es dabei um Forstwirtschaft und Bodennutzung in den reichen Ländern. In Diplomatenkreisen spricht man von LULUCF – Land Use Land Use Change and Forestry. Das Thema hat enormes Blockade-Potential, fürchten Umweltschützer.

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Wälder, Feuchtgebiete & Co spielen für Kohlenstoff-Kreisläufe eine große Rolle, werden bei den Emissionszielen der Industrieländer jedoch bislang nicht einberechnet. (Foto: UN)

"Die Industrieländer wollen ihre Kohlendioxid-Emissionen im Wald verstecken", sagt Greenpeace-Wald-Experte Christoph Thies. Und das sieht so aus: Wälder, Feuchtgebiete und andere Böden gelten als große Kohlendioxid-Speicher. Bei LULUCF geht es deshalb um die genaue Anrechnung der gespeicherten Tonnen Kohlenstoff auf nationale Emissionen in den Industrieländern. Denn noch wird deren Kapazität zum Speichern und Freisetzen von Emissionen nicht in den nationalen Emissionsminderungszielen berücksichtigt.

Wenn vermehrte Emissionen hinter einem strategisch klugen Basisjahr "versteckt" werden

Verstecken lassen sich Emissionen so zum Beispiel durch die Wahl des Basisjahres zur LULUCF-Berechnung. In der Regel gilt in den internationalen Klimaverhandlungen 1990 als Basisjahr. Einige Industrieländer wollen nun für LULUCF das Basisjahr in die Zukunft verlegen. Ein Vorschlag ist, sich an der noch zu bestimmenden zweiten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls zu orientieren. "Wenn beispielsweise die zweite Verpflichtunsperiode 2013 beginnt, sollen die Emissionen der Zukunft orientiert an 2013 vermindert werden", erklärt Thies.

Je später das Basisjahr gewählt wird, desto mehr Holz kann geschlagen werden, bevor die dadurch freigesetzten Emissionen bei den Reduktionszielen beachtet werden müssen. Und je mehr Holz geschlagen wird oder je mehr Torfmoorfläche zerstört wird, desto geringer werden die Kohlendioxid-Senken – die Ökosysteme nehmen weniger Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf. "Das kann dazu führen, dass die Wälder von Kohlendioxid-Senken zu Kohlendioxid-Quellen werden", sagte Thies. Was wiederum bedeutet: Sie stoßen netto mehr CO2 aus als sie aufnehmen.

"Jedes Jahr verschwindet durch das Schlupfloch LULUCF eine halbe Gigatonne Kohlendioxid ", sagt Greenpeace-Experte Thies. In der Europäischen Union werde etwa seit rund zehn Jahren der Holzeinschlag immer weiter hochgefahren und der Trend halte an. "Damit wird schon bald mehr abgeholzt als nachwachsen kann."

LULUCF ist eines der größten "Schlupflöcher" für die reichen Länder

Auf der Klimakonferenz in Bonn hatten Stockholm Environment Institute und Third World Network (TWN) eine Studie vorgelegt, die die Macht von solchen Schlupflöchern in Zahlen fasst: Durch LULUCF und andere Hintertürchen wird aus bis zu 18 Prozent Emissionsreduktion bis 2020 - sovielo der besser so wenig ist nach derzeitigem Stand überhaupt nur möglich - eine am Basisjahr 1990 orientierte Emissionserhöhung um neun Prozent.

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Gerodeter Wald in Indonesien. (Foto: Greenpeace)

"LULUCF kann den gesamten Prozess aufhalten", sagt Thies. Das haben dem Waldexperte zufolge zwar auch die Industrieländer erkannt, große Fortschritte gab es in Bonn allerdings nicht. Die erhofft sich Thies aber für Cancún - und zwar aus gutem Grund.

REDD versus LULUCF, Entwicklungsländer versus Industrieländer

Das Problem: "Von den Entwicklungsländern kann man nichts fordern, was man selbst nicht bereit ist zu tun", erklärt Thies. Wenn die Industrieländer nicht bereit seien, im Land- und Waldmanangement Zugeständnisse zu machen, dann könne das auch nicht von den Entwicklungsländernfordern. Hier wird unter der Abkürzung REDD – Reducing Emissions from Deforestation and Degradation of Forests – ein Mechanismus diskutiert, der explizit auf Wälder in Entwicklungsländern zugeschnitten ist. Auf der Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen hatten sich die Vertragsstaaten etwa schon geeinigt, wie die Bäume gezählt werden sollen und eine Methodologie verabschiedet, wie die "Buchhaltung für Wälder" funktionieren soll und die Rechte an Bäumen gehandelt werden sollen.

Wie es mit REDD weitergehen soll, ist auch nach der Bonn-Konferenz unklar. Auf zwei Treffen in Paris und in Oslo in diesem Jahr haben einige Länder immerhin finanzielle Mittel für den Waldschutz zugesagt. Doch die Konferenzen sind unabhängig vom UN-Prozess und haben auf diesen bisher kaum Einfluss. Hier fehlt etwa die Einigung, wie der Mechanismus tatsächlich ausgestaltet werden soll. Und das größte Problem: "Bisher war man eigentlich auf einem guten Weg, aber in Bonn wurde der grundlegende Text wieder merklich in die Länge gezogen", kritisiert WWF-Klimaexpertin Barbara Lueg: "Das ist ein deutlicher Rückschritt".

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