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Von Notwendigkeiten und Möglichkeiten

Bleiben die Klimaverhandlungen weiter auf gegenwärtigen Kurs, steuert die Weltgemeinschaft mit einem neuen Klimaabkommen auf eine Erhöhung ihres Emissionsstands von 1990 um neun Prozent zu. Im Climate Action Network wird deshalb bereits über "Kompromissbereitschaft" für das diskutiert, was möglich statt notwendig ist

Aus Bonn Sarah Messina und Johanna Treblin

Umweltschützer haben bei den UN-Klimaverhandlungen in Bonn am Mittwoch wieder einmal ernüchternde Zahlen vorgelegt: Die Weltgemeinschaft ist auf dem besten Weg, ihre Treibhausgasemissionen mit einem neuen Klimaabkommen um neun Prozent zu erhöhen.

debattieren

Stockholm Environment Institute und Third World Network (TWN) haben unter den Delegierten die bittere Wahrheit der Klima-Mathematik verteilt: Mit den bislang vorgeschlagenen Reduktionszielen der einzelnen Länder ist bis 2020 eine Emissionssenkung von zwölf bis 18 Prozent gegenüber 1990 möglich. Viel zu wenig: Die Marke des Weltklimarats ist bei einer Reduktion von 25 bis 40 Prozent gesetzt, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern.

Viel zu wenig, und es kommt noch besser: Rechnet man alle Schlupflöcher und Hintertürchen mit ein, steuert die Welt mit den gegenwärtigen Reduktionszielen sogar auf eine Emissionserhöhung um neun Prozent gegenüber 1990 zu.

Schlupflöcher drohen Klimaziele ad absurdum zu führen

Möglich macht das zum Beispiel LULUCF. Unter der Abkürzung für Land use Land use change and Forestry werden Emissionen aus Landnutzung und Forstwirtschaft zusammengefasst – die exakte Berechnung dieser Emissionen sorgt derzeit jedoch auf den Klimaverhandlungen noch für reichlich Diskussionsstoff. Ein weiteres Schlupfloch sind die so genannten Carbon Offsets, also Emissionrechte, die durch den Clean Development Mechanismus "erkauft" werden können um Klimaschutzbemühungen im eigenen Land zu ersetzen.Auch die Emissionen aus Flugverkehr und Schifffahrt werden bei den Reduktionszielen derzeit zumeist nicht einbezogen. Und ein ebenfalls nicht zu verachtender Faktor sind demnach die immensen Überschüsse an Emissionsrechten der ehemaligen Ostblock-Staaten, heißt es in der Studie.

riesen-berger

Bolivien: Die Industrieländer besetzen die Atmosphäre

Viel zu wenig liegt auf dem Tisch: Am Dienstag hatte bereits BoliviensUN-Botschafter Pablo Solon den Industriestaaten angesichts der Zahlenlage vorgeworfen, die Atmosphäre mit ihren Kohlendioxid-Emissionen "zu besetzen". Für ein besseres "Haushalten" mit Emissionsrechten plädierten auch zahlreiche kleine Inselstaaten, für die bereits die Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze fatale Folgen haben kann: Die AOSIS fordern deshalb, die Temperaturgrenze auf maximal 1,5 Grad zu verschärfen und die angepeilte Kohlendioxid-Reduktion nicht auf 25 bis 40 Prozent, sondern auf 45 Prozent zu erhöhen.

1,5 Grad Celsius sind das neue zwei Grad Celsius

Zwei Grad Erderwärmung ist auch für das Climate Action Network passé. "1,5 ist das neue Zwei Grad", sagte CAN-Direktor David Turnbull am Mittwoch bei der Vorstellung eines "ausbalancierten, ambitiösen und erreichbaren Cancún-Pakets", wie es sich die NGOs vorstellen. Über die "offizielle" Position zur Grad-Frage diskutiert man jedoch auch bei CAN noch: Das Netzwerk wolle lediglich einen Anstoß zur Diskussion geben, so Turnbull.

Die kam nach Vorstellung des Pakets am Mittwoch in Bonn jedoch nur kläglich zustande – die Forderungen riefen bei vielen Zuhörern kaum mehr als ein Gähnen hervor. Ja, das Vertrauen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern herzustellen ist essentiell. Ja, sowohl bei den langfristigen als auch den kurzfristigen Klimageldern für Entwicklungsländern besteht Handlungsbedarf. Ein neuer Klimafonds, ein Finanzkommittee, mehr Transparenz, alles schon gehört.

Kompromissbereitschaft für das was möglich statt nowendig ist?

Die Herausforderung sei, so Turnbull, dass es noch keine gemeinsame Vision gebe, wie ein Abkommen nach Ende der ersten Verpflichtungsperiode aussehen solle. Und deshalb, da waren sich die Podiumsteilnehmer von CAN einig, müsse man sich in Cancún darauf einigen, was möglich, nicht was notwendig sei.

"Die Feinde des Prozesses sind die, die sagen: nichts ist vereinbart, wenn nicht alles vereinbart ist", stimmte aus dem Publikum Artur Runge-Metzger von der Europäischen Komission zu. "Wir brauchen hier in Bonn, in Teijin und in Südafrika den Geist der Kompromissbereitschaft."

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