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Endloses Wachstum ist nicht möglich

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von Hanno Böck,

Redakteur bei wir-klimaretter.de

 

 

8,4 Prozent ist der Kohlendioxid-Ausstoß 2009 im Vergleich zum Vorjahr gefallen – bei einem gleichzeitigen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 5 Prozent. Die weltweiten Zahlen weisen eine ähnliche Tendenz auf.

Umweltminister Röttgen äußerte sich daraufhin, das Ziel sei "Wachstum durch Klimaschutz". Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts, schlug in eine ähnliche Kerbe: "Wir müssen bei der wiederanspringenden Wirtschaftsentwicklung den Treibhausgasausstoß noch stärker vom Energieverbrauch entkoppeln." Die eigentlich naheliegende Frage - Ist Wirtschaftswachstum überhaupt zu verantworten, wenn es so deutlich mit dem Ausstoß von Treibhausgasen in Verbindung steht? - die stellt bislang kaum jemand.

Dabei ist diese Frage nicht neu. Bereits 1972 veröffentlichte der Club of Rome seinen Bericht "Grenzen des Wachstums". Darin wurde vorausgesagt, dass eine Wirtschaft, die auf dauerhaftes, exponentielles Wachstum setzt, zwangsweise an ihre natürlichen Ressourcengrenzen stößt. Jüngere Untersuchungen des damaligen Berichts zeigen auf, dass die Modelle, die in "Grenzen des Wachstums" 1972 vorgestellt wurden, erstaunlich nahe an der Realität geblieben sind. Nichtsdestotrotz – die Frage spielt in der offiziellen Klimapolitik bis heute keine Rolle.

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Von offizieller Seite – ob von der Politik, den herrschenden Wirtschaftswissenschaften oder auch von vielen Umweltverbänden – wird lediglich davon gesprochen, man müsse eine "Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch" erreichen. Die Ressourceneffizienz müsse im selben Maße wachsen wie die Wirtschaft. Dabei wird häufig auf Einzelfälle verwiesen, in denen eine Nation über einen kurzen Zeitraum durchaus Wirtschaftswachstum vorweisen konnte, zeitgleich aber seine Treibhausgasemissionen gesenkt hat. Derartige Statistiken haben allerdings alle einen Haken – sie betrachten lediglich die Entwicklung in einem einzelnen Land und berücksichtigen nicht, dass einzelne, besonders schmutzige Industrien gerne in Entwicklungsländer ausgelagert werden. Bei einer globalen Betrachtung ist es bislang eindeutig so, dass das Wirtschaftswachstum sehr deutlich mit dem Ausstoß von Treibhausgasen und dem Verbrauch fossiler Energieträger korrelliert.

Überraschend ist das nicht. Dies kann an einer einfachen Rechnung deutlich gemacht werden. Wenn man nur ein moderates Wachstum von 2 % annimmt, verdoppelt sich die Wirtschaftsleistung nach 36 Jahren. Die Ressourceneffizienz müsste um 100 % steigen. Nach 70 Jahren um 300 %, nach 100 Jahren um 620 %. Die Tatsache, dass schon der momentane Umwelt- und Ressourcenverbrauch nicht dauerhaft möglich ist, ist dabei noch gar nicht berücksichtigt.

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Die französische Zeitschrift "La Décroissance".

Eine Debatte um eine wachstumslose Wirtschaft wäre also dringend von Nöten. Eine einfache Frage ist das nicht. Wirtschaftswachstum ist kein Faktor, den man "einfach so" aus dem bestehenden Wirtschaftssystem herausextrahieren kann, während man alles übrige belässt wie es ist. Es ist vor allem notwendig als Ausgleich für technische Fortschritte, die zum Wegfall von Arbeitsplätzen führen. Etwas, das eigentlich ein Grund zur Freude sein könnte ("weniger Arbeit"), führt unter herrschenden Bedingungen zwangsweise dazu, dass Menschen vom gesellschaftlichen Leben ausgesperrt werden. Ausbleibendes Wachstum bedeutet (unter den gegebenen Voraussetzungen) Wirtschaftskrise, führt zu Massenarbeitslosigkeit und in Folge zu Massenarmut.

Eine wachstumslose Wirtschaft muss grundlegend anders funktionieren. Es gibt hierfür in industrialisierten Gesellschaften keinen historischen Vergleich, keine Vorbilder und Beispiele. Deswegen ist dringend eine große, gesellschaftliche Debatte von Nöten. Sie wird bereits geführt, allerdings bislang kaum im deutschsprachigen Raum. In Frankreich gewinnt eine Bewegung Zulauf, die sich Decroissance nennt (übersetzt etwa "Negativwachstum", "Schrumpfung"). In Barcelona findet Ende März eine internationale Konferenz zum Thema Degrowth statt.

[Erklärung]  
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