Umwelt-Medienpreis 2008 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

"Keine Stromlücke - eine Handlungslücke!"

bund_garzweiler.jpg

 
 
Ein Aufruf von SPD-Politikern, Wissenschaftlern, Klimaschützern und  Josef Göppel von der CSU

 

   

Die künftige Stromnutzung steht heute im Zentrum der politischen und wirtschaftlichen Aufmerksamkeit. Sie muss klimaverträglich und Ressourcen schonend sein. Angesichts der enormen Herausforderungen geht es um nicht weniger als eine grundlegende Neuorientierung zu höherer Energieeffizienz und mehr Solarenergie. 

Der Klimawandel, die Verknappung der Ressourcen und die nachholende Industrialisierung großer Regionen der Welt machen es notwendig, noch entschiedener die Weichen in Richtung Effizienzrevolution und erneuerbare Energien zu stellen. Eine Fortschreibung der traditionellen Stromversorgung hat keine Zukunft. 

Doch statt den Umbauprozess durch eine effizientere Stromnutzung, Kraft-Wärme-Kopplung und erneuerbare Energien voranzutreiben, warnen vor allem EnBW, E.on, RWE und Vattenfall vor einer drohenden Stromlücke in Deutschland. Dahinter steht die Verteidigung marktbeherrschender Stellungen auf dem Strommarkt und von Eigeninteressen. Angeblich sei künftig Versorgungssicherheit nur zu erreichen, wenn weit mehr Kohlekraftwerke gebaut werden als bisher vorgesehen ist und die Atomkraftwerke länger am Netz bleiben. 

Die Behauptung einer Stromlücke bezieht sich auch auf eine Studie der Deutschen Energieagentur (dena), die weder alle Kabinettsbeschlüsse zum Klimaschutz noch die wirtschaftlich realisierbaren Potentialstudien hinreichend berücksichtigt. Zuletzt hat das Umweltbundesamt die Vereinbarkeit von Klimaschutz, Atomausstieg und Versorgungssicherheit deutlich gemacht. 

Eine Stromlücke entstünde nur dann, wenn es zu keiner Neuorientierung in der Stromversorgung kommt. Dann wäre allerdings auch die von der Bundesregierung angestrebte Minderung der nationalen Treibhausgase um 40 Prozent bis zum Jahr 2020 nicht zu erreichen. Sie verlangt einen energischen Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung und der erneuerbaren Energien sowie eine effizientere Nutzung von Strom. 

Hinter der Kontroverse über die Stromlücke stehen nicht nur unterschiedliche Interessen, sondern auch zwei unterschiedliche Konzepte über die Zukunft der Stromversorgung: 

-  Zum einen der konservative Pfad, der die bisherige Strombereitstellung fortschreibt und weiter vorrangig auf die großtechnische Nutzung von Kohle, Gas, Erdöl und Atomkraft setzt. Da er auf die Angebotstechniken verengt bleibt, wird die Verfügbarkeit fossiler und nuklearer Energien als unverzichtbare Voraussetzung für Wachstum und Beschäftigung hingestellt. Damit sind weder der Klimaschutz noch eine kostengünstige Versorgung und auch kein die Beschäftigung sicherndes Energiesystem erreichbar.

- Zum anderen das Konzept einer nachhaltigen Entwicklung, dass die Weichen in Richtung auf eine grundlegende Neuorientierung in Wirtschaft und Gesellschaft stellt. Er verbindet Wirtschafts-, Energie- und Umweltpolitik, baut die Brücke in die Solarwirtschaft und verwirklicht mehr Verteilungsgerechtigkeit. 

Wir kritisieren den Versuch, der Politik und der Umweltbewegung die Schuld für künftige Engpässe zuzuweisen. Tatsächlich gibt es eine Handlungslücke, weil Teile der Energiewirtschaft und der Industrie versuchen, überholte Angebotsstrukturen zu erhalten. Sie fordern, den von ihnen vereinbarten Atomausstieg – und mit ihm eine Triebfeder des Strukturwandels - rückgängig zu machen. Und sie versuchen, von den eigenen Versäumnissen auf den ökologischen Märkten abzulenken. Dies ist mit einer nachhaltigen Energieversorgung nicht vereinbar. 

Die Neuorientierung ist ein Gebot der Vernunft. Sie ist volkswirtschaftlich zukunftsweisend, denn sie erschließt die Märkte der Zukunft und eröffnet neue Wettbewerbsvorteile. Versorgungssicherheit, Klimaschutz und eine preisgünstige Strombereitstellung werden möglich, wenn bis zum Jahr 2020 

-  der Stromverbrauch durch Effizienztechnologien um mindestens 11 Prozent gesenkt wird, wie das vom Bundeskabinett im April 2007 beschlossen wurde. Allein durch die Nutzung der effizientesten Haushaltsgeräte können in Deutschland sieben Großkraftwerke „weggespart“ werden;

- der Anteil der Kraft-Wärme-Kopplung von heute 10,5 auf 25 Prozent gesteigert wird. In den skandinavischen Ländern und Niederlanden liegt der Anteil von Strom aus Kraft-Wärme-Kopplung heute schon deutlich höher;

- die erneuerbaren Energien mit 30 Prozent an der Stromversorgung beitragen und über moderne Methoden des Lastmanagements ihr Beitrag zu einer gesicherten Leistung deutlich gesteigert wird. Im Februar 2008 erreichte der Anteil bereits 18 Prozent gegenüber 6 Prozent noch im Jahr 2000.

Es ist die Pflicht der Energieversorger, politisch gesetzte Rahmenbedingungen und Ziele zu akzeptieren und ihre Geschäftspolitik danach auszurichten. Und es ist die Pflicht der Politik, ihre Ziele durch energiepolitische Maßnahmen zu unterlegen, die geeignet sind, die Ziele auch wirklich zu erreichen. 

Fazit: Für eine sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche Stromnutzung und Stromversorgung in Deutschland fehlen nicht die technischen Möglichkeiten. Sie sind seit vielen Jahren bekannt. Was fehlt, sind der Mut und die Bereitschaft, sie auch im Interesse von Wirtschaft, Beschäftigung und Klimaschutz zu nutzen. 

unterzeichnet von

 

Rainer Baake, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe
Dirk Becker MdB
Dr. Axel Berg MdB
Gerd Bollmann MdB
Marco Bülow MdB
Uwe Fritsche, Öko-Institut Darmstadt
Josef Göppel MdB, Präsidium Deutscher Naturschutzring (DNR)
Prof. Dr. Peter Hennicke, Wuppertal-Instituts für Klima, Energie, Umwelt
Prof. Dr. Eberhard Jochem, Fraunhofer Gesellschaft ISI
Prof. Dr. Uwe Leprich, Hochschule für Wirtschaft und Technik Saarbrücken
Damian Ludewig, Sprecher der Jugendverbände im Deutschen Naturschutzring
Dr. Felix Matthes, Öko-Institut Berlin
Dr. Lutz Mez, FU Berlin
Dr. Eberhard Moths
Michael Müller MdB, Bundesvorsitzender der Naturfreunde / DNR
Prof. Dr. Joachim Nitsch, DLR
Henrik Paulitz, IPPNW
Christoph Pries MdB
Dr. Helmut Röscheisen, Generalsekretär des DNR
Dr. Gerd Rosenkranz, Deutsche Umwelthilfe
Dr. Hermann Scheer MdB, Präsident Eurosolar
Heinz Schmitt MdB
Dietmar Schütz, Präsident des Bundesverbands erneuerbare Energie
Frank Schwabe MdB
Dieter Seifried, Ö-quadrat
Prof. Dr. Ernst Udo Simonis, Wissenschaftszentrum Berlin
Michael Spielmann, Vorstand Heinz Sielmann Stiftung
Prof. Dr. Klaus Traube
Hubert Weinzierl, Präsident DNR
Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker
Dr. Hans-Joachim Ziesing, ehe. Leiter der Energieabteilung des DIW 

Außerdem haben Dr. Ottmar Edenhofer (PIK), Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich und Prof. Dr. Klaus Töpfer ihre grundsätzliche Unterstützung bekundet, aber deshalb noch nicht unterschrieben, da sie auf Auslandsreise sind.

Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]

Werbung

Aus der Redaktion

Was, bitte, sollen denn diese Aufkleber?

germanyIm Redaktionsalltag gibt es immer wieder Themen und Texte, die uns besonders auffallen. Die brisanter sind als andere. Oder spannender. Oder bewegender. Mit bunten Aufklebern werden unsere Redakteurinnen und Redakteure (und gelegentlich auch Gäste) Sie künftig auf solche Texte hinweisen
Aktion des Monats

Raus aus der Tiefsee!

Seit drei Monaten sprudelt Öl aus der havarierten Bohrinsel von BP. Nehmen Sie an der Petition von Greenpeace teil, um neue Tiefseebohrungen zu verhindern! [mehr...]
Aktuelles Dossier 

Von Kopenhagen nach Cancun

Im August trifft sich die Weltklimadiplomatie zum dritten Mal in diesem Jahr um den nächsten großen Klimagipfel in Mexiko vorzubereiten. Mehr zur Bonner Konferenz hier  [mehr...]
herne_gp_ulrichbaatz_teas
Serie

Wie Klimakiller kippen

Reihenweise planten Stromkonzerne in Deutschland neue Kohlekraftwerke - doch rund ein Dutzend davon ist bereits verhindert worden. Gibt es Erfolgsrezepte für den Widerstand? [mehr...]
logo-afrika
Serie

Die Welt schaut nach Afrika

Der etwas andere Blick zur Fußball-WM: Klimaretter.info beleuchtet verschiedene Aspekte der Erderwärmung, die in Afrika sichtbar sind wie auf keinem zweiten Kontinent [mehr...]

Werbung

Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Mitte Juli haben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte[…] [mehr...]

Aktuelle Blogs

Klimaretter-Dossiers

Bonn III - Die Sommerkonferenz der Klimadiplomaten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
1. Klimakonferenz 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel Cochbamba - Kopenhagen von unten
Kopenhagen 2009 - Wie der Mega-Gipfel scheiterte
Bundestagswahl - Das Klima war nur Nebensache
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung?

Werbung


Ressorts

Politik

merkel-kabinett

Regierung beschließt Sparpaket

Kürzen, kürzen, kürzen - jetzt gibt es über das Wie und Wo einen Regierungsbeschluss. Vor allem die sozial Schwachen müssen Einschnitte verkraften. Mehreinnahmen will die Regierung aber auch durch das Streichen von umweltschädlichen Subventionen erreichen. Zudem wurde die Luftverkehrs-Steuer beschlossen. Nur die Brennelementesteuer bleibt weiter offen - und wird erst mit dem Energiekonzept verhandelt. Von Johanna Treblin
[mehr...]
Energie

strommasten-nick

Bürgernetz Nordhessen will kommunale Stromnetze

In Grebenstein hat sich die Bürgernetz Nordhessen KG gegründet. Die Firma strebt eine Rekommunalisierung der Energieversorgung an und bietet Bürgern die Möglichkeit finanzieller Beteiligung [mehr...]
Protest

facebook-datacenter

Greepeace fordert Öko-Facebook

Facebook richtet ein neues Rechenzentrum ein, welches mit Kohlestrom versorgt wird - Greenpeace und 280.000 andere Facebook-Mitglieder protestieren [mehr...]
Wirtschaft

agrosprit-madera-pacificethanol

Kalifornien unterstützt Agrotreibstoffe

Der US-Bundesstaat Kalifornien will die angeschlagene Agrospritfirma Pacific Ethanol mit mehreren Millionen Dollar unterstützen. Der Gründer ist politischer Verbündeter des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger [mehr...]
Mobilität

landnahme-foe

Illegale Landnahme für Agrosprit

In Afrika nimmt die illegale Landnahme zu. Genutzt wird das Land vor allem von ausländischen Firmen, die Agrotreibstoffe für den europäischen Markt herstellen. Einer neuen Studie zufolge sind mindestens fünf Millionen Hektar Land betroffen [mehr...]
Forschung

Korallen-Konstanzestaud

Massives Korallensterben in Indonesien

Die dramatische Erwärmung der Oberflächentemperatur in den Gewässern um Indonesien hat für eine massive Korallenbleiche und das Absterben vieler Korallenriffe gesorgt   [mehr...]
Umwelt

wolken-indo

Millionenschäden durch Extremwetter in Hessen

Tornado auf Usedom, Tornado in Mittelhessen: An gleich zwei Orten in Deutschland wütete am Montagabend starker Sturm [mehr...]
Konsum

kuhlschrank_innen_sima

100 Euro für einen neuen Kühlschrank

Aktionsmonat zur Internationalen Funkausstellung: Kampagne "Energieeffizienz - jetzt" fordert das Aus für stromfressende Kühlschränke und bietet für den Kauf von A++ Geräten Zuschuss-Gutscheine [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar

tagebau-lausitz-470_boeck

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]
Standpunkte

atom-traktor-campact

Energiekonzept: Die Trickserei der schwarz-gelben Bundesregierung

Heute übergeben die Bietergemeinschaft Prognos, das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) und die Gesellschaft für Strukturforschung (GWS) der Bundesregierung die Energieszenarien, die als Grundlage für das angekündigte nationale Energiekonzept dienen sollen. Es geht nicht darum, den Umstieg in eine solare Zukunft aufzuzeigen, sondern die Vorteile einer Laufzeitverlängerung deutlich zu machen, sagt Michael Müller, Staatssekretär a.D. und Mitherausgeber von klimaretter.info in seinem Standpunkt.
[mehr...]
Rezension

MKG_Klimakapseln_HausRucker_EnvironmentTransformer_cr
Klimakapseln: Überleben in der Katastrophe

Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der es längst nicht mehr um Klimaschutz geht, sondern vor allem um die Anpassung an das Unvermeidliche? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet heute die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe". Ein Rundgang
Von SARAH MESSINA
[mehr...]
Kolumnen

etscheid

Sehnsucht nach dem Hochglanzmorgen

Nur ein dünner Strahl warmes Wasser, Hände werden kalt gewaschen, die Dusche dauert zwei Minuten - beim Einseifen wird das Wasser ausgeschaltet. Der Morgenritus ist für einen sich umweltbewusst dünkenden Menschen nicht einfach. [mehr...]
Überraschung der Woche

Matthias-Willenbacher-klein-juwi

Erdgas, Merkels Gegenbewegung und Oliver Bierhoff

Kalenderwoche 34: Erdgas ist nicht Brückentechnologie, sondern eine Ergänzung des Strommixes auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren, sagt Matthias Willenbacher, Gründer von juwi und Mit-Herausgeber von Klimaretter.info. Und Oliver Bierhoffs Vater war im Vorstand von RWE – wie überraschend.
[mehr...]