Umwelt-Medienpreis 2008 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Milliardengeschenk für die Stromversorger

Bis zu 71 Milliarden Euro werden Europas Stromkonzerne bis 2012 zusätzlich einnehmen - ohne irgend etwas zu tun. "Schuld" ist der Handel mit Verschmutzungs- Rechten, den so genannten Kohlendioxid-Zertifikaten: Die werden den Unternehmen kostenlos zugeteilt und trotzdem in den Strompreis eingerechnet. Die Zeche zahlen die  Verbraucher, für den Klimaschutz wird eine Chance vertan

Aus Berlin SARAH MESSINA

Die kostenlose Zuteilung der Zertifikate im Emissionshandel entwickelt sich für die europäischen Stromversorger zum Milliardengeschäft. Auch in der zweiten Phase des EU-Emissionshandels bis 2012 streichen die Energiekonzerne Zusatzgewinne ein, weil sie die Kosten für die Verschmutzungszertifikate an ihre Kunden weiterreichen, obwohl sie den Großteil der Emissionsrechte kostenlos erhalten. 

stromwolken-wwf.jpgEine Studie des WWF zeigt: Allein in Deutschland erzielen die Stromversorger so zusätzliche Gewinne in Höhe zwischen 14 und 34 Milliarden Euro in der zweiten Handelsperiode. "Es ist nicht hinnehmbar, dass die Verbraucher die Zeche für eine klimaschädliche Energieproduktion zahlen, während sich die Energiekonzerne eine goldene Nase verdienen", ärgert sich Juliette de Grandpré vom WWF Deutschland. "Nur wenn möglichst schnell alle Emissionszertifikate versteigert werden, können die Klimaschutzziele der Europäischen Union erreicht werden", so die Expertin.

Die WWF-Studie, durchgeführt von Point Carbon - der weltweit führenden Informationsplattform zu Kohlenstoffmärkten - analysiert die Mitnahmeeffekte in Deutschland, Großbritannien, Italien, Polen und Spanien. Der Report zeigt, dass die Gesamterlöse der Stromversorger in den untersuchten Ländern bis 2012 bis zu 71 Milliarden Euro umfassen können. Das entspricht in etwa dem doppelten Bruttoinlandsprodukt von Slowenien.

Kein Wunder, dass die Gewinne in Deutschland am größten sind, denn dort treffen alle drei Voraussetzungen zu. In der ersten Phase des Emissionshandels 2003 bis 2007 wurden die Zertifikate an die deutschen Stromkonzerne verschenkt - trotzdem erhöhten die Unternehmen den Strompreis mit der Begründung, das neue System treibe die Kosten in die Höhe. Ab 2008 sollen jährlich 9 Prozent der Verschmutzungsrechte versteigert werden. Nach Schätzungen des Umwelt-ministeriums wird das die Stromerzeuger etwa 400 Millionen Euro pro Jahr kosten. Diese Einnahmen sollen in Klimaprojekte in Deutschland und in Drittländern fließen.

einbahn.jpg
Zertifikatehandel: Ein gigantisches Umverteilungsprogramm - aus der Tasche der Verbraucher in die Kassen der Aktionäre

Mehrere Politiker warnten die Konzerne davor, die Strompreise in der zweiten Phase des Emissionshandels erneut zu erhöhen. Die Kosten seien bereits "eingepreist", sagte SPD-Bundestagsfraktionsvize Ulrich Kelber. Die Unternehmen hätten bereits Milliardenbeiträge von den Verbrauchern eingestrichen. Würden die Preise nun weiter erhöht, wäre dies eindeutig "Missbrauch der Marktmacht" und könne zur Zerschlagung der Energiekonzerne führen. Kaum anzunehmen, dass sich die Konzerne durch die starken Worte beeindrucken lassen. 

rwe_kraftwerk_neurath_viii__c__wwf_douglas_robertson.jpgZu hoffen ist aber, dass die Politiker immerhin in ihren Zukunftsplänen standhaft bleiben. Ab 2013 nämlich sollen die Energieunternehmen für alle Verschmutzungsrechte bezahlen. Erst dann würde das System sauberen Strom finanziell begünstigen und den Anreiz schaffen, mehr Strom aus erneuerbaren Quellen zu produzieren.

Der Einsatz von Kohle zur Stromerzeugung führt jährlich zu mehr als einer Milliarde Tonne Kohlendioxid-Emissionen in Europa. Das sind rund 20 Prozent des derzeitigen europäischen Ausstoßes an Treibhausgasen. Der WWF fordert deshalb, dass ab 2013 alle Sektoren - vor allem aber der Stromsektor - die gesamten Zertifikate in Auktionen ersteigern müssen. Nur so könne das eigentliche Ziel des Emissionshandels, nämlich die Umstellung auf eine nachhaltige und sparsame Energieproduktion, erreicht werden. "Preissteigerungen sind durch die Auktion nicht zu erwarten", erklärt Juliette de Grandpré. "Die Studie zeigt, dass die Preise für die CO2-Zertifikate bereits im Strompreis enthalten sind."

Der WWF fordert darüber hinaus, dass die Einnahmen aus der Auktion der Emissionszertifikate vollständig in Klimaschutzinstrumente in Europa und den Entwicklungsländern eingesetzt werden müssen. Nur so wird ein nachhaltiger Wandel zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft sichergestellt.

Hier finden Sie die Studie.

FOTOS: WWF/ Reimer

Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]
Dies könnte Sie auch interessieren:
Risiko Bohrinseln
Risiko Bohrinseln
Seit BPs "Deepwater Horizon"-Debakel im Golf von Mexiko sind die Zustände auf den Plattformen zum Glück wieder ins Interesse der Öffentlichkeit gerückt. Was dabei allerdings zu Tage kommt, ist erschreckend.
Aus Mexiko-Stadt Emilio Godoy (IPS)
 [mehr...]
„Es geht um die Interessen der Großen“
„Es geht um die Interessen der Großen“
Der BDI und die Atomlobby haben in einer Anzeigenkampagnie von der Bundesregierung gefordert, neue Kohlekraftwerke zu bauen, die Reaktorlaufzeiten zu verlängern und die Atomenergie möglichst gering zu besteuern. Dies seien zentrale Weichenstellungen für die Zukunft, suggeriert die Anzeige. klimaretter.info sprach mit Albert Filbert, Vorstandsvorsitzender der HEAG Südhessische Energie AG: Ist das Ansinnen der Kampagne tatsächlich im Interesse der deutschen Wirtschaft?
Interview: Felix Werdermann 
 [mehr...]
Holz, Fisch, Luft - ab heute ausverkauft
Holz, Fisch, Luft - ab heute ausverkauft
An diesem Samstag ist "World Overshoot Day". Alle erneuerbaren Rohstoffe, die ein intakter, sich selbst erneuernder Planet in diesem Jahr zur Verfügung stellen kann, sind bereits verwendet. Ab jetzt leidet die Erde unter der ökologischen Übernutzung: Mittlerweile sind 1,5 Planeten notwendig, um die Gier der Menschheit zu befriedigen.
Von Nick Reimer  [mehr...]
Kein Magma für Magma
Kein Magma für Magma
Um Islands defizitäre Staatskasse zu sanieren, will der Internationale Währungsfond, dass Island seine Naturresourcen an ausländische Investoren verkauft. Die Isländer wehren sich nun gegen den Verkauf ihrer geothermischen Energie. Sängerin Björk führt die Protestkampagne an.
Aus Stockholm Reinhard Wolff.  [mehr...]
Solarbranche: Exzellente Quartalszahlen
Solarbranche: Exzellente Quartalszahlen
Halbjahreszahlen sind immer ein Gradmesser dafür, wie es um eine Branche steht. Am heutigen Mittwoch stellten eine Reihe von Solarfirmen blendende Ergebnisse vor - und trotzdem reagieren Börse und Analysten ablehnend.
Aus Berlin Nick Reimer   [mehr...]

Meinungen: Kommentar

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

tagebau-lausitz-470_boeck Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]

Werbung

Aus der Redaktion

Was, bitte, sollen denn diese Aufkleber?

germanyIm Redaktionsalltag gibt es immer wieder Themen und Texte, die uns besonders auffallen. Die brisanter sind als andere. Oder spannender. Oder bewegender. Mit bunten Aufklebern werden unsere Redakteurinnen und Redakteure (und gelegentlich auch Gäste) Sie künftig auf solche Texte hinweisen
Aktion des Monats

Raus aus der Tiefsee!

Seit drei Monaten sprudelt Öl aus der havarierten Bohrinsel von BP. Nehmen Sie an der Petition von Greenpeace teil, um neue Tiefseebohrungen zu verhindern! [mehr...]
Aktuelles Dossier 

Von Kopenhagen nach Cancun

Im August trifft sich die Weltklimadiplomatie zum dritten Mal in diesem Jahr um den nächsten großen Klimagipfel in Mexiko vorzubereiten. Mehr zur Bonner Konferenz hier  [mehr...]
herne_gp_ulrichbaatz_teas
Serie

Wie Klimakiller kippen

Reihenweise planten Stromkonzerne in Deutschland neue Kohlekraftwerke - doch rund ein Dutzend davon ist bereits verhindert worden. Gibt es Erfolgsrezepte für den Widerstand? [mehr...]
logo-afrika
Serie

Die Welt schaut nach Afrika

Der etwas andere Blick zur Fußball-WM: Klimaretter.info beleuchtet verschiedene Aspekte der Erderwärmung, die in Afrika sichtbar sind wie auf keinem zweiten Kontinent [mehr...]

Werbung

Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Mitte Juli haben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte[…] [mehr...]

Aktuelle Blogs

Klimaretter-Dossiers

Bonn III - Die Sommerkonferenz der Klimadiplomaten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
1. Klimakonferenz 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel Cochbamba - Kopenhagen von unten
Kopenhagen 2009 - Wie der Mega-Gipfel scheiterte
Bundestagswahl - Das Klima war nur Nebensache
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung?

Werbung


Ressorts

Politik

merkel-kabinett

Regierung beschließt Sparpaket

Kürzen, kürzen, kürzen - jetzt gibt es über das Wie und Wo einen Regierungsbeschluss. Vor allem die sozial Schwachen müssen Einschnitte verkraften. Mehreinnahmen will die Regierung aber auch durch das Streichen von umweltschädlichen Subventionen erreichen. Zudem wurde die Luftverkehrs-Steuer beschlossen. Nur die Brennelementesteuer bleibt weiter offen - und wird erst mit dem Energiekonzept verhandelt. Von Johanna Treblin
[mehr...]
Energie

strommasten-nick

Bürgernetz Nordhessen will kommunale Stromnetze

In Grebenstein hat sich die Bürgernetz Nordhessen KG gegründet. Die Firma strebt eine Rekommunalisierung der Energieversorgung an und bietet Bürgern die Möglichkeit finanzieller Beteiligung [mehr...]
Protest

facebook-datacenter

Greepeace fordert Öko-Facebook

Facebook richtet ein neues Rechenzentrum ein, welches mit Kohlestrom versorgt wird - Greenpeace und 280.000 andere Facebook-Mitglieder protestieren [mehr...]
Wirtschaft

agrosprit-madera-pacificethanol

Kalifornien unterstützt Agrotreibstoffe

Der US-Bundesstaat Kalifornien will die angeschlagene Agrospritfirma Pacific Ethanol mit mehreren Millionen Dollar unterstützen. Der Gründer ist politischer Verbündeter des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger [mehr...]
Mobilität

landnahme-foe

Illegale Landnahme für Agrosprit

In Afrika nimmt die illegale Landnahme zu. Genutzt wird das Land vor allem von ausländischen Firmen, die Agrotreibstoffe für den europäischen Markt herstellen. Einer neuen Studie zufolge sind mindestens fünf Millionen Hektar Land betroffen [mehr...]
Forschung

Korallen-Konstanzestaud

Massives Korallensterben in Indonesien

Die dramatische Erwärmung der Oberflächentemperatur in den Gewässern um Indonesien hat für eine massive Korallenbleiche und das Absterben vieler Korallenriffe gesorgt   [mehr...]
Umwelt

wolken-indo

Millionenschäden durch Extremwetter in Hessen

Tornado auf Usedom, Tornado in Mittelhessen: An gleich zwei Orten in Deutschland wütete am Montagabend starker Sturm [mehr...]
Konsum

kuhlschrank_innen_sima

100 Euro für einen neuen Kühlschrank

Aktionsmonat zur Internationalen Funkausstellung: Kampagne "Energieeffizienz - jetzt" fordert das Aus für stromfressende Kühlschränke und bietet für den Kauf von A++ Geräten Zuschuss-Gutscheine [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar

tagebau-lausitz-470_boeck

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]
Standpunkte

atom-traktor-campact

Energiekonzept: Die Trickserei der schwarz-gelben Bundesregierung

Heute übergeben die Bietergemeinschaft Prognos, das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) und die Gesellschaft für Strukturforschung (GWS) der Bundesregierung die Energieszenarien, die als Grundlage für das angekündigte nationale Energiekonzept dienen sollen. Es geht nicht darum, den Umstieg in eine solare Zukunft aufzuzeigen, sondern die Vorteile einer Laufzeitverlängerung deutlich zu machen, sagt Michael Müller, Staatssekretär a.D. und Mitherausgeber von klimaretter.info in seinem Standpunkt.
[mehr...]
Rezension

MKG_Klimakapseln_HausRucker_EnvironmentTransformer_cr
Klimakapseln: Überleben in der Katastrophe

Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der es längst nicht mehr um Klimaschutz geht, sondern vor allem um die Anpassung an das Unvermeidliche? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet heute die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe". Ein Rundgang
Von SARAH MESSINA
[mehr...]
Kolumnen

etscheid

Sehnsucht nach dem Hochglanzmorgen

Nur ein dünner Strahl warmes Wasser, Hände werden kalt gewaschen, die Dusche dauert zwei Minuten - beim Einseifen wird das Wasser ausgeschaltet. Der Morgenritus ist für einen sich umweltbewusst dünkenden Menschen nicht einfach. [mehr...]
Überraschung der Woche

Matthias-Willenbacher-klein-juwi

Erdgas, Merkels Gegenbewegung und Oliver Bierhoff

Kalenderwoche 34: Erdgas ist nicht Brückentechnologie, sondern eine Ergänzung des Strommixes auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren, sagt Matthias Willenbacher, Gründer von juwi und Mit-Herausgeber von Klimaretter.info. Und Oliver Bierhoffs Vater war im Vorstand von RWE – wie überraschend.
[mehr...]