Umweltengel landet in Solarstadt Gelsenkirchen
Sigmar Gabriel in Gelsenkirchen: 300 Bürgerinnen und Bürger werden Zeuge, wie der Umweltminister erklärt, dass Deutschland neue Kohlekraftwerke braucht. Deshalb nennt er sich ja auch Umweltminister und nicht UmweltSCHUTZminister. Schnell wird klar: Ja! Hier hat der Umweltengel seine Bühne!
Die vielen Gelsenkirchener, die wegen Gabriels Zugeständnissen an die deutsche Wirtschaft gekommen sind, fühlen sich gut unterhalten und bei den wenigen, die wegen brennender Umweltschutzfragen da sind, verziehen sich die Mundwinkel zu bitteren Grimassen. Soll man lachen oder heulen, wenn der Umweltminister die Türen aufmacht für die Atomindustrie? "Zweifelsohne drückt jedes nicht gebaute Kohlekraftwerk auf den Atomausstieg", sagt der Bundesumweltminister. Wie lange die Sozis den Atomausstieg in der Koalition verteidigen können, sei fraglich.
Unter den Zuschauern wird getuschelt: „Vor allem angesichts eines Umweltministers der vorschlägt, deutschen Firmen auch zukünftig kostenlose Verschmutzungsrechte zu geben.“ Dies und viele andere Versprechungen hörte man gestern Abend von Gabriel. Die deutschen Firmen müssten schließlich gegen chinesische Firmen konkurrenzfähig sein und da müsse man durch und schließlich verstehe ja sowieso kaum jemand die „Geschichte mit den CO²-Zertifikaten“.

Gabriel läuft bei seinen Auftritten "an der Basis" - hier auf Bali - oft zu komödiantischer Höchstform auf
Gabriel ganz nah, lässt tief in seine Seele und in sein Haus blicken. Da erfährt man nämlich, dass die Gabriels zuhause auch keinen Kill-Schalter für den stand-by am Fernseher haben. Er bevorzuge nämlich die „sportliche Variante“: Stecker ziehen. Und Gabriel lässt durchblicken, was er von den Leuten im Ruhrgebiet hält: „Wenn ihr in Gelsenkirchen hört, dass es auf der Erde 2 Grad wärmer werden soll, dann sagt ihr doch: prima, letzten Sommer hätten’s ruhig auch 5 oder 6 Grad mehr sein dürfen.“
Als der Umweltengel Gabriel nach zweistündiger comedyreifer Unterhaltung weiter fliegt, hat man das Gefühl – der Mann weiß, wovon er redet und er weiß, wie man redet. Kurzum: er hat Zeug zu mehr.
Schon sägt er auch an Merkels Stühlchen: er mag sie ja und er wolle sie stützen, sie habe ja genügend Feinde in den eigenen Reihen. Deshalb sei es ja auch so wichtig, dass es mehr sozialdemokratische Ministerpräsidenten gäbe. Und 2009 wolle er sie gar von der Last ihres Amtes befreien. Ein wahrer Engel.
SABINE ZIMPEL
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