Umwelt-Medienpreis 2008 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Palmöl-Plantagen: Ein Segen für Borneo

 Derzeit wird viel über Palmöl gewettert. Zum Beispiel in der Anhörung des Bundestages heute: Deutschland könne seine Agrardiesel-Strategie nur durch Importe realisieren. Begehrt, weil billig, ist das Öl der Palme. Zwar wird für die Plantagen der Regenwald abgefackelt. Für die einfachen Menschen ist der Boom vor Ort aber oft die einzigste Entwicklungschance. Eine Fahrt durch West- und Zentralborneo


Aus West- und Zentralborneo Nick Reimer 

 

Öl-Palmen rechts, Öl-Palmen links, Plantage an Plantage. Seit Stunden fährt der Bus nun schon durch eine eintönige Plantagen-Landschaft. Besonders häßlich ist die fahrt, wenn es durch frisch gerodete Regenwälder oder durch Plantagen geht, deren Ölpalmen ihr Lebensalter erreicht haben - und absterben.

palm-alt-besser.jpg

"Das ist natürlich eine riesige Chance für uns", sagt Teluk Bogam, ein 20jähriger Student aus Pontianak im Westen Borneos. Früher gab es hier, in der indonesischen Provinz Kalimantan, keine Straße. "Seit die aber bis hinüber nach Malaysia führt, haben wir hier dank der Palmöl-Nachfrage einen richtigen Wirtschaftsboom", sagt Bogam. Mit der Straße kamen Arbeitsplätze, und mit den Arbeitsplätzen ein bescheidener Wohlstand. 

oben3-1.jpg
Eine junge Ölplantage im Herzen Borneos aus der Luft: In wenigen Jahren wird sie erste Früchte tragen

Eine halbe Million Hektar Ölpalmplantagen gibt es schon in der Provinz Kalimantan, fünfmal so viel sollen es nach dem Willen des Gouverneurs werden. Hauptabnehmer waren bis in die 90er Jahre die Lebensmittel- und Kosmetikindustrien. Seit aber Europa und Amerika Agro-Treibstoffe als Alternative zum Erdöl entdeckt haben, läuft das Geschäft auf Hochtouren. Binnen der letzten zehn Jahren hat sich der weltweite Palmölverbrauch auf über 30 Millionen Tonnen im Jahr mehr als verdoppelt. 

Nur langsam kommt der Bus auf der Piste vorwärts, immer wieder muss er Laster überholen, die die kindskopfgroßen Fruchtstände der Ölpalme transportieren. "Die Arbeiter tragen die Früchte an die Straße, 100 Stück sind Soll am Tag", erzählt Teluk Bogam. Wer mehr schafft bekommt Extrageld - und momentan kann es gar nicht genug "Mehr" sein. Die Nachfrage ist zuletzt geradezu explodiert, vor allem China versucht, sich neue Ressorcenquellen zu erschließen. Auch palm-laster.jpgEuropa ist wie ein gieriger Ölschlund: Die EU- Kommission hat beschlossen, bis 2020 den Anteil von Agrodiesel im Dieseltreibstoff auf 10 Prozent zu erhöhen. Europa hat aber nicht genug Ackerflächen, um ausreichend Raps anzubauen. Deshalb wird überall in Indonesien Regenwald gerodet, um statt dessen die ursprünglich aus Afrika stammende Ölpalmen zu pflanzen. 

Teluk Bogam, der in Westkalimantans Hauptstadt Pontianak lebt, war gerade eine Woche in Malaysia. "Urlaub machen", wie er sagt. "Meine Eltern konnten sich sowas früher nie leisten", so der Student. 10 Euro kostete die Busfahrt in die Glitzerwelt Malaysias und Bogam ist begeistert vom Reichtum des Nachbarlandes. "So zu leben - ein Traum". Den er aber nicht nur träumen will: auf Öltechnik will sich der 20jährige spezialisieren, "denn das wird hier absehbar ein Boomsektor bleiben". 

b5.jpg
Wirklich sicher sind die Orang Utans nur noch in den Reservaten - hier im Süden Borneos nahe Camp Leakey

Das fürchtet auch der World Wide Fund for Nature (WWF). "Die Europäer wollen umweltfreundlicher werden, aber viele machen sich nicht klar, dass damit die Natur in Indonesien zerstört wird", sagt der indonesische WWF-Experte Iwan Wibisono. Für Palmölplantagen werde überall im Inselstaat Regenwald abgeholzt, der Regenwald sei vom Aussterben bedroht.

Sein Kollege Purwo Susanto ergänzt: "Auf Sumatra ist der meiste Wald schon abgeholzt, und alle Flächen sind mit Plantagen zugepflastert. Jetzt richtet sich das Augenmerk auf Kalimantan."  Und überall dort, wo die Ölbarone am Wald zündeln, sind die bedrohten Arten noch mehr bedroht: Orang Utans etwa gibt es nur noch auf Sumatra und Borneo (von einer kleinen Population im Kongo-Becken abgesehen). 

oben1.jpg
Nach der Brandrodung muss sich der Boden erst erholen, bevor - schachbrettartig aufgeteilt - die Plantagen angelegt werden können

Indonesiens Pläne sind tatsächlich gigantisch: 5,4 Millionen Hektar waren 2004 im Inselreich mit Ölpalmen bepflanzt. Laut Regierungsbeschluss sollen in diesem Jahr 8,4 Millionen Hektar erreicht werden - der größte Teil des Zuwachses soll in Kalimantan erreicht werden. Auf Satellitenaufnahmen sieht die Landschaft schon jetzt aus wie ein Flickenteppich - kleine Waldstücke stehen wie einsame Inseln in teils riesigen Öden. Für mindestens 20 Millionen Hektar Ölpalmplantagen soll es in Indonesien Verträge geben - eine Fläche fünfmal so groß wie die Schweiz.

Der UN-Klimarat IPCC hat ermittelt, das 20 Prozent des Kohlendioxids weltweit durch die Entwaldung verursacht werden. Damit ist das Abbrennen oder Roden der Wälder die zweitgrößte Emissionsquelle auf der Welt - nach der Energiewirtschaft. Zwar hat sich auf Antrag der Regenwaldländer Brasilien, Indonesien oder Papua-Neuguinea die Klimakonferenz auf Bali auch mit der Entwaldung befasst - ohne aber irgendwelche nennenswerte Beschlüsse zu erzielen.

In das Herz Borneos - nach Zentralkalimantan - gelangt man aus Pontianak nur mit dem Flugzeug. Flüsse, traditionell die Verkehrswege auf Borneo, fließen nicht von West nach Ost (sondern von Nord nach Süd) und Straßen gibt es noch nicht. Trotzdem gleicht Borneo aus der Luft einem Schachbrett: Tausende Palmölplantagen reihen sich aneinander und mit den Plantagen kommen auch die Straßen.

oben2.jpg
Traum jedes Ölbarons: Schachbrettartig ist die einstige Regenwaldinsel in Ertragsabwurfplantagen aufgeteilt.

Kumai ist eine kleine Hafenstadt in Südkalimantan. An der Tankstelle stehen dutzende Autos in der Warteschlange - verlassen. Diesel gibt es erst in der nächsten Woche und es ist wichtig, einen guten Ausgangsplatz in der Schlange zu haben: Niemand weiß, wie viel Diesel geliefert wird. Auf der Reede vor Kumai liegen etliche vollbeladene Palmöl-Tanker. Könnten die Autofahrer von Kalimantan sich nicht selbst helfen, zum Beispiel mit Palmöl?

"Nein", sagt Danny, der als Fremdenführer in Kumai arbeitet, "das Palmöl ist dreimal teurer als unser Diesel". Leisten könnten sich das nur die reichen Europäer. Aber für Danny sind reiche Europäer ein Segen: Er verdient sein Geld mit Tripps ins nahe gelegene Orang Utan Reservat Camp Leakey. Der Palmölboom hat die "Waldmenschen", wie die Orang Utans in der Sprache Ureinwohner Borneos heißen, fast ausgerottet. Danny verdient an den Touren ins Resservat so gut, dass er sich auch mal Diesel auf dem Schwarzmarkt kaufen kann. 

Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]
Dies könnte Sie auch interessieren:
Bundeswehr befürchtet Peak Oil
Bundeswehr befürchtet Peak Oil
Eine interne Studie der Bundeswehr malt ein düsteres Szenario für die Zeit nach dem Ölfördermaximum. Deutschland könne gezwungen sein, verstärkt mit autoritären Regimes zu kooperieren. Die Ölknappheit werde in einigen Weltregionen zur Destabilisierung führen und könne rechte und nationalistische Parteien stärken.
Von Hanno Böck  [mehr...]
RWE legt sich mit Bagdad an
RWE legt sich mit Bagdad an
Der deutsche Energieriese hat einen Kooperationsvertrag mit der kurdischen Regionalregierung im Nordirak über die Lieferung von Erdgas abgeschlossen. Das bringt das irakische Ölministerium in Rage: Schließlich unterstütze RWE so die seperatistischen Bemühungen der Kurden.
Von Nick Reimer  [mehr...]
Atomriese Frankreich kürzt Solarförderung
Atomriese Frankreich kürzt Solarförderung
Auch die französische Regierung kürzt nach Deutschland und Spanien nun die Vergütungen für Solarstrom. Dennoch bleibt der Markt im Nachbarland attraktiv – auch für deutsche Firmen. Im Gegensatz zu Deutschland hat Frankreich aber noch einiges nachzuholen. Aus Paris Susanne Götze  [mehr...]
Moorburg ist jetzt durch
Moorburg ist jetzt durch
Noch eine außergerichtliche Einigung nach der Beilegung des Schiedsgerichts-Verfahrens zwischen Vattenfall und Bundesregierung vor der Weltbank. Diesmal legen Vattenfall und die Stadt Hamburg den Rechtsstreit um die wasserrechtlichen Auflagen bei. Einigungsgrund ist der Hybridkühlturm
Von Nick Reimer  [mehr...]
Frauen starten Anti-Atom-Appell
Frauen starten Anti-Atom-Appell
Vor einer Woche haben 40 Wirtschaftsmanager per Zeitungsanzeige einen "energiepolitischen Appell" pro Atomkraft an die Bundesregierung gerichtet. Es waren ausschließlich Männer. Nun melden sich Politikerinnen zu Wort – gegen Atomkraft.
Von Felix Werdermann  [mehr...]

Meinungen: Kommentar

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

tagebau-lausitz-470_boeck Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]

Werbung

Aus der Redaktion

Was, bitte, sollen denn diese Aufkleber?

germanyIm Redaktionsalltag gibt es immer wieder Themen und Texte, die uns besonders auffallen. Die brisanter sind als andere. Oder spannender. Oder bewegender. Mit bunten Aufklebern werden unsere Redakteurinnen und Redakteure (und gelegentlich auch Gäste) Sie künftig auf solche Texte hinweisen
Aktion des Monats

Raus aus der Tiefsee!

Seit drei Monaten sprudelt Öl aus der havarierten Bohrinsel von BP. Nehmen Sie an der Petition von Greenpeace teil, um neue Tiefseebohrungen zu verhindern! [mehr...]
Aktuelles Dossier 

Von Kopenhagen nach Cancun

Im August trifft sich die Weltklimadiplomatie zum dritten Mal in diesem Jahr um den nächsten großen Klimagipfel in Mexiko vorzubereiten. Mehr zur Bonner Konferenz hier  [mehr...]
herne_gp_ulrichbaatz_teas
Serie

Wie Klimakiller kippen

Reihenweise planten Stromkonzerne in Deutschland neue Kohlekraftwerke - doch rund ein Dutzend davon ist bereits verhindert worden. Gibt es Erfolgsrezepte für den Widerstand? [mehr...]
logo-afrika
Serie

Die Welt schaut nach Afrika

Der etwas andere Blick zur Fußball-WM: Klimaretter.info beleuchtet verschiedene Aspekte der Erderwärmung, die in Afrika sichtbar sind wie auf keinem zweiten Kontinent [mehr...]

Werbung

Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Mitte Juli haben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte[…] [mehr...]

Aktuelle Blogs

Klimaretter-Dossiers

Bonn III - Die Sommerkonferenz der Klimadiplomaten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
1. Klimakonferenz 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel Cochbamba - Kopenhagen von unten
Kopenhagen 2009 - Wie der Mega-Gipfel scheiterte
Bundestagswahl - Das Klima war nur Nebensache
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung?

Werbung


Ressorts

Politik

merkel-kabinett

Regierung beschließt Sparpaket

Kürzen, kürzen, kürzen - jetzt gibt es über das Wie und Wo einen Regierungsbeschluss. Vor allem die sozial Schwachen müssen Einschnitte verkraften. Mehreinnahmen will die Regierung aber auch durch das Streichen von umweltschädlichen Subventionen erreichen. Zudem wurde die Luftverkehrs-Steuer beschlossen. Nur die Brennelementesteuer bleibt weiter offen - und wird erst mit dem Energiekonzept verhandelt. Von Johanna Treblin
[mehr...]
Energie

strommasten-nick

Bürgernetz Nordhessen will kommunale Stromnetze

In Grebenstein hat sich die Bürgernetz Nordhessen KG gegründet. Die Firma strebt eine Rekommunalisierung der Energieversorgung an und bietet Bürgern die Möglichkeit finanzieller Beteiligung [mehr...]
Protest

facebook-datacenter

Greepeace fordert Öko-Facebook

Facebook richtet ein neues Rechenzentrum ein, welches mit Kohlestrom versorgt wird - Greenpeace und 280.000 andere Facebook-Mitglieder protestieren [mehr...]
Wirtschaft

agrosprit-madera-pacificethanol

Kalifornien unterstützt Agrotreibstoffe

Der US-Bundesstaat Kalifornien will die angeschlagene Agrospritfirma Pacific Ethanol mit mehreren Millionen Dollar unterstützen. Der Gründer ist politischer Verbündeter des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger [mehr...]
Mobilität

landnahme-foe

Illegale Landnahme für Agrosprit

In Afrika nimmt die illegale Landnahme zu. Genutzt wird das Land vor allem von ausländischen Firmen, die Agrotreibstoffe für den europäischen Markt herstellen. Einer neuen Studie zufolge sind mindestens fünf Millionen Hektar Land betroffen [mehr...]
Forschung

Korallen-Konstanzestaud

Massives Korallensterben in Indonesien

Die dramatische Erwärmung der Oberflächentemperatur in den Gewässern um Indonesien hat für eine massive Korallenbleiche und das Absterben vieler Korallenriffe gesorgt   [mehr...]
Umwelt

wolken-indo

Millionenschäden durch Extremwetter in Hessen

Tornado auf Usedom, Tornado in Mittelhessen: An gleich zwei Orten in Deutschland wütete am Montagabend starker Sturm [mehr...]
Konsum

kuhlschrank_innen_sima

100 Euro für einen neuen Kühlschrank

Aktionsmonat zur Internationalen Funkausstellung: Kampagne "Energieeffizienz - jetzt" fordert das Aus für stromfressende Kühlschränke und bietet für den Kauf von A++ Geräten Zuschuss-Gutscheine [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar

tagebau-lausitz-470_boeck

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]
Standpunkte

atom-traktor-campact

Energiekonzept: Die Trickserei der schwarz-gelben Bundesregierung

Heute übergeben die Bietergemeinschaft Prognos, das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) und die Gesellschaft für Strukturforschung (GWS) der Bundesregierung die Energieszenarien, die als Grundlage für das angekündigte nationale Energiekonzept dienen sollen. Es geht nicht darum, den Umstieg in eine solare Zukunft aufzuzeigen, sondern die Vorteile einer Laufzeitverlängerung deutlich zu machen, sagt Michael Müller, Staatssekretär a.D. und Mitherausgeber von klimaretter.info in seinem Standpunkt.
[mehr...]
Rezension

MKG_Klimakapseln_HausRucker_EnvironmentTransformer_cr
Klimakapseln: Überleben in der Katastrophe

Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der es längst nicht mehr um Klimaschutz geht, sondern vor allem um die Anpassung an das Unvermeidliche? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet heute die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe". Ein Rundgang
Von SARAH MESSINA
[mehr...]
Kolumnen

etscheid

Sehnsucht nach dem Hochglanzmorgen

Nur ein dünner Strahl warmes Wasser, Hände werden kalt gewaschen, die Dusche dauert zwei Minuten - beim Einseifen wird das Wasser ausgeschaltet. Der Morgenritus ist für einen sich umweltbewusst dünkenden Menschen nicht einfach. [mehr...]
Überraschung der Woche

Matthias-Willenbacher-klein-juwi

Erdgas, Merkels Gegenbewegung und Oliver Bierhoff

Kalenderwoche 34: Erdgas ist nicht Brückentechnologie, sondern eine Ergänzung des Strommixes auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren, sagt Matthias Willenbacher, Gründer von juwi und Mit-Herausgeber von Klimaretter.info. Und Oliver Bierhoffs Vater war im Vorstand von RWE – wie überraschend.
[mehr...]