Kohlendioxid jetzt schon zu 11.85 die Tonne

Vattenfalls Kraftwerk "Schwarze Pumpe". FOTO: Vattenfall
AUS FREIBURG Bernward Janzing
Und fällt und fällt und fällt: Der Preis für Emissionsrechte ist genauso auf Talfahrt wie die Börsen. Am Freitag betrug der Preis für ein Zertifikat 11.85 Euro. Dieses Zertifikat berechtigt den Inhaber eine Tonne Kohlendioxid in die Atmosphäre zu pusten. Alle großen Energieverbraucher in der EU müssen seit 2005 im Rahmen des Kyoto-Protokolls für jede Tonne Kohlendioxid, die sie in die Luft blasen, ein entsprechendes Zertifikat vorweisen.
Die Verschmutzung der Luft wird in Zeiten der Rezession für die Industrie immer billiger: Im Sommer hatte der Preis noch bei bis zu 30 Euro gelegen. Die Papiere werden unter anderem an der Energiebörse EEX in Leipzig gehandelt.
Der Hintergrund des aktuellen Preisverfalls liegt auf der Hand: Weil das energieintensive Gewerbe seine Produktion konjunkturbedingt gedrosselt hat, werden weniger Emissionszertifikate benötigt - ihr Preis sinkt. Hinzu kommt nach Einschätzung von Marktbeobachtern ein weiterer Effekt: Einige Unternehmen verkaufen ihre Zertifikate, die sie kostenlos zugeteilt bekamen, um sich kurzfristig Liquidität zu verschaffen. Sie tun das, weil sie aktuell von den Banken keine Kredite mehr bekommen. Allerdings ist das eine hochriskante, weil möglicherweise reichlich teure Art der Zwischenfinanzierung: Weil die Unternehmen die Zertifikate für ihre Produktion brauchen, werden sie diese in den nächsten Monaten oder Jahren am Markt wieder zurückkaufen müssen - womöglich zu deutlich höherem Preis.

Ist "nur" Wasser-Dampf: Kohlendioxid ist unsichtbar. FOTO REIMER
Analysten nämlich halten den Kohlendioxid-Preis aktuell für unterbewertet: "Gemessen an den fundamentalen Marktdaten sind die Zertifikate derzeit zu billig", sagt Ingo Ramming von Carbon Trade & Finance , einem Joint Venture von Dresdner Bank und Gazprombank. Ähnlich heißt es in einem Papier der Dresdner Kleinwort von Mitte Dezember, dass die Preise der Emissionszertifikate zuletzt einfach nur durch die Stimmung heruntergetrieben wurden; sie würden wieder emporschnellen, sobald "Fundamentalanalysen wieder die Oberhand gewinnen".
Kurzfristig könnten die Preise allerdings noch weiter fallen, schätzt Markus Kasten vom Beratungsunternehmen Gallehr + Partner. Bei 10 Euro je Tonne werde es jedoch "eine psychologische Grenze geben. Bis zum Ablauf der aktuellen Kyoto-Handelsperiode Ende 2012 werde der Preis sich wieder bei mindestens 20 Euro einpendeln.

Wo es brennt, wird immer auch Kohlendioxid frei. FOTO: Reimer
Auch aus politischer Sicht ist ein Tonnagepreis von mindestens 20 Euro wünschenswert. Denn etwa ab diesem Preis beginnt der Emissionshandel zu wirken, weil er klimafreundliche Technik für Unternehmen lukrativ macht. Und so passiert es bereits, dass Firmen angesichts des Preisverfalls der Emissionsrechte geplante Investitionen auf Eis legen: "Wir wissen, dass es Projekte gibt, die wegen der geringen Zertifikatepreise aufgeschoben werden", sagt Lena Kersten vom Stuttgarter Beratungsunternehmen Fichtner.
Ein wichtiger Aspekt für den Klimaschutz ist der Wechsel von Kohle zu Erdgas, "Fuel Switch" genannt. Auch dabei spielt der Kohlendioxid-Preis eine große Rolle, denn je teurer das Kohlendioxid ist, umso eher lohnt sich der Umstieg. Bei den aktuellen Brennstoffpreisen liegt der Referenzpreis bei etwa 25 Euro je Tonne. Der Ausstoß vonKohlendioxid ist derzeit also zu billig, um Firmen zum Fuel Switch zu motivieren. Somit ist der Zertifikatepreis immer ein Maßstab dafür, wie erfolgreich die Klimaschutzpolitik der EU ist. Wenn der Preis für Kohlendioxid-Zertifikate langfristig verfällt, hat die Politik versagt: Sie hat zu viele Kohlendioxid-Papiere auf den Markt gebracht.
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