Klimabilanz 08: Kühler - aber trotzdem zu warm
Das Jahr ist noch nicht ganz vorbei, aber die Meteorologen ziehen schon einmal Bilanz. Anfang der Woche veröffentlichte die Weltmeteorologieorganisation (WMO) in Genf einen ersten Rückblick auf das Jahr 2008. Eine endgültige Auswertung wird wie gewöhnlich im Frühjahr nachgereicht.
Nach dieser ersten Abschätzung wird 2008 mit vermutlich 14,31 Grad wahrscheinlich das zehntwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahre 1850 sein. (Es gibt auch ältere Aufzeichnungen, aber erst seit dieser Zeit sind sie hinreichend gut über den ganzen Globus verteilt, sodass eine Abschätzung der globalen Mitteltemperatur möglich wurde.) Damit fällt 2008 etwas kühler aus, als die vorhergehende Jahre.
Für die Meteorologen kommt das allerdings nicht überraschend. Aufgrund einer großflächigen Abkühlung über dem tropischen Pazifik, einem so genannten La Niña-Ereignis, hatten sie schon damit gerechnet. La Niña ist das Gegenstück zum El Niño. Beide sind Bestandteil einer quasi-periodischen Klimaschwankungen die sich quer durch die Tropen von Indonesien bis Südamerika erstreckt, aber auch weit darüber hinaus noch Auswirkungen hat. Mit El Niño werden die warmen Episoden bezeichnet, mit La Niña die kalten.
Diese Schwankungen überlagern den langfristigen Trend zur Erwärmung, der von den Treibhausgasen hervorgerufen wird. Eine andere großräumige Schwankung gibt es mit der Nordatlantischen Oszillation vor unserer Haustür. Kieler Wisssenschaftler vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften/GEOMAR haben im Frühjahr vorausgesagt, dass diese sich in den nächsten Jahren in einer kühlen Phase befinden wird, weshalb es in nächster Zeit so aussehen könnte, als würde die globale Erwärmung ein Pause machen. Andere Wissenschaftler hatten allerdings widersprochen.

Verlauf der globalen Temperatur 1850 bis 2007, der Wert für 2008 ist noch nicht eingetragen. Die roten Säulen bezeichnen jeweils die über den ganzen Globus und das ganze Jahr gemittelte Temperatur, die hier als so genannte Anomalie, das heißt, Abweichung von einer (willkürlichen) Norm, dargestellt wird. Die Null Grad an der senkrechten Achse entsprechen dem Mittelwert der Jahre 1961 bis 1990, der bei 14 Grad Celsius lag. Die blaue Kurve stellt einen geglätteten Mittelwert da, der die längerfristige Entwicklung deutlicher hervorheben soll. Wer es genau wissen will: Es handelt sich um einen gewichtetes Mittel über 21 Jahre. Näheres hat das Headley Center des britischen Wetterdienstes hier beschrieben. Da in dieses Mittel auch die zehn nachfolgenden Jahre einfließen, ist die blaue Kurve ab 1998 nur noch eine Extrapolation und daher lediglich gestrichelt eingezeichnet.
Grafik: Hadley Center
Jedenfalls haben die Kieler Forscher nicht gemeint, der globale Erwärmungstrend sei gebrochen, und eine solche Annahme, wie sie in den kommenden Wochen sicherlich auf den einschlägigen Internetseiten der Klima-Trolle mal wieder rauf und runter gebetet werden wird, wäre auch ziemlich unsinnig. An der obigen Grafik lässt sich ganz gut ablesen, dass die globale Temperatur von Jahr zu Jahr quasi-zufälligen Schwankungen unterworfen ist. Die Naturwissenschaftler und Statistiker nennen dies "Rauschen". Ein längerfristiger Trend lässt sich nur bestimmen, wenn man über deutlich mehr als zehn Jahre mittelt. Aus Jahr-zu-Jahr-Variationen lässt sich hingegen wenig über die Richtung der Entwicklung ableiten.
Unterm Strich lässt sich jedenfalls festhalten, das 2008 noch immer fast ein Drittel Grad wärmer war, als der Mittelwert der Jahre 1961 bis 1990. Schaut man sich die einzelnen Monatswerte an, so kann man sehen, dass die Abweichungen von der Norm von Monat zu Monat noch stärker schwanken, als von Jahr zu Jahr. Aber selbst da lag schon lange kein einziger Monat mehr unter dem "Normalwert", das heißt dem Mittel für den jeweiligen Monat in den Jahren 1961 bis 1990. Zuletzt wurde diese Norm im Dezember 1992 unterboten.
Größere Schwankungen findet auch, wer sich einzelne Regionen anschaut. So fiel der letzte Winter zum Beispiel in Skandinavien und Teilen Sibiriens ganz ungewöhnlich milde aus. In einigen Teilen Skandinaviens war es im Januar und Februar um sieben Grad zu warm. Die sonst zugefrorenen Bottnischen und Finnischen Meerbusen waren den größten Teil des Winters eisfrei.
Auch der Norden Argentiniens, Paraguay, das südliche Bolivien und der Süden Brasiliens erlebten einen ganz ungewöhnlich milden Juli, der in diesen Ländern südlich des Äquators ein Wintermonat ist. In der Türkei verzeichneten hingegen einige Landesteile die tiefsten Wintertemperaturen seit annähernd 50 Jahren; und der Süden Chinas erlebte im Frühjahr eine verheerende Kältewelle, die in der subtropischen Region große Schäden an der Ernte anrichtete.
Schwere Schäden gab es in verschiedenen Weltgegenden auch durch anhaltende Trockenheit. Auf der iberischen Halbinsel war der vergangene Winter so regenarm, wie seit Jahrzehnten nicht. Das ist dort besonders problematisch, weil viele Stauseen ohne hin zu wenig Wasser führten. In den USA waren ebenfalls einige Bundesstaaten betroffen. Der Südwesten Australiens leidet nunmehr schon seit vielen Jahren an einer langanhaltenden Dürre.
Später im Jahr gab es dafür in West- und Nordafrika, sowie an der spanischen Mittelmeerküste ungewöhnlich extreme Niederschläge. Überdurchschnittlich heftige oder häufige Unwetter wurden auch aus vielen anderen Ländern gemeldet: Den USA, Zimbabwe, Australien, Deutschland und zuletzt aus dem brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina. In Indien, Pakistan und Vietnam wurden durch schwere Regenfälle 2.600 Menschen getötet.

Die Küstengebiete Myanmars (Burma) am 5. Mai nach dem Durchzug des tropischen Sturms "Nargis". Die Grafik wurde von der NASA aus Satellitendaten zusammengestellt. Überflutete Gebiete sind dunkel eigezeichnet. Yangon = Rangun, die ehemalige Hauptstadt des Landes.
Über dem südlichen Nordatlantik fiel die Hurrikan-Saison in diesem Jahr deutlich stärker als sonst aus. Vor allem in Haiti gab es viele Todesopfer. Am schlimmsten wütete 2008 aber der Tropensturm "Nargis", der in Myanmar (Burma) nach den konservativen WMO-Angaben 78.000 Menschen tötete. Der Schweizer Versicherungskonzern Swiss Re geht gar von 138.400 Toten aus . So oder so: Viele davon hätten sicherlich überleben können, wenn nicht ein korruptes und unfähiges Regime der Hilfe für die Notleidenden im Wege gestanden hätte.
Aus der Arktis wurde schließlich berichtet, dass dort das Meereis beinahe einen neuen Rekord aufgestellt hätte: Auf 4,62 Millionen Quadratkilometer zog sich das Eis im September zurück. Das waren nur rund 300.000 Quadratkilometer mehr als im Vorjahr, als der bisherige Minusrekord erreicht wurde. Allerdings war in diesem Jahr das Eis noch dünner. Inzwischen ist nur noch ein sehr kleiner Teil des arktischen Ozean von dickerem mehrjährigen Eis bedeckt. Mit anderen Worten: Der Eisdeckel, der bisher im Sommer, wenn die Sonne hoch im Norden ganztägig scheint, die Erwärmung der Arktis stark dämpft, wird immer labiler. Der Tag, an dem er in den Sommermonaten gänzlich verschwindet, scheint schon ziemlich nah zu sein. Dazu demnächst mehr an dieser Stelle.
Näheres über das vergangene Jahr in Deutschland gibt es beim Deutschen Wetterdienst.
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