"Denkt nach über die anderen Teile der Welt!"
Es gibt kaum einen anderen Ort auf der Welt, der so weit entfernt ist vom Meer wie in Kirgisistan. Weil die Wassermassen der Ozeane Temperaturschwankungen hier am wenigsten abfedern, ist der Klimawandel bereits am stärksten zu spüren: Am See Issyk-Kul etwa stieg die durchschnittliche Jahrestemperatur in den vergangenen vierzig Jahren bereits um etwa zwei Grad Celsius - weltweit waren es laut Weltklimarat IPCC "nur" 0,5 Grad. "Wenn das so weiter geht", warnen kirgisische Wissenschaftler, "wird sie 2070 fünf Grad höher sein."
Die Gletscher im zentralasiatischen Tientschan-Gebirge schmelzen rasant. Mit dramatischen Folgen, etwa für den 700 Meter tiefen Issyk-Kul. Der Wasserstand in dem malerischen See, gelegen 1.600 Meter hoch im zentralasiatischen Tientschan-Gebirge, sank im letzten Jahrzehnt um 90 Zentimeter.
Trockene Äcker, verdorrte Weiden - und auch den Wasserkraftwerken fehlt das Nass
Flüsse des Landes fallen trocken. Das Wasser fehlt den Bauern, die ihre Felder kaum noch wässern können. Die Preise für Weizen und für Brot steigen. Äcker versalzen. Auf den Weiden wächst weniger Futter als früher. In den Rinder- und Schafherden treten neue, bisher unbekannte Krankheiten auf. Auch die Energieversorgung Kirgisistans ist bedroht, weil etwa 90 Prozent aller Elektrizität aus Wasserkraft stammen und die Stauseen immer leerer werden. "Sogar in der Hauptstadt Bischkek fällt immer häufiger der Strom aus", erzählt Nursat Abdyrasulowa. Was unter anderem dazu führe, dass Menschen und Institutionen von den häufigen Stromheizungen zurückwechseln auf Kohlefeuerung - was den Klimawandel bekanntlich nur noch weiter verschlimmern wird.
Angesichts solcher Probleme scheint es fast winzig, was die junge Frau tut: Vor sechs Jahren gründete sie den unabhängigen Umweltverband UNISON, in großer einem postsowjetischen Land, in dem es keine Tradition von Nichtregierungsorganisationen gibt. UNISON versucht, die Nutzung von erneuerbaren Energien zu fördern und für Energiesparen zu werben. Der Verband hat Pilotprojekte für sanften Tourismus gestartet, hunderte Freiwillige folgten Aufrufen, bei denen Parks oder Flüsse von Müll befreit werden.
"Für die meisten Kirgisen gibt es drängendere Alltagsprobleme als den Klimawandel", sagt sie, "wie man das Essen bezahlt beispielsweise oder wie das Haus in den harten Wintern geheizt werden soll." Etwa 40 Prozent der der gut fünf Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze, die Arbeitslosenquote ist hoch. Abdyrasulowas Eltern stammen selbst aus dem armen Hochland, wo das Leben besonders hart ist. In Bischkek und in der Slowakei hat sie Umweltbildung und Energiepolitik studiert. Als ihre Vision nennt sie - etwas sperrig - "ein umweltfreundliches Kirgisistan, das die Vorteile eines nachhaltig entwickelten modernisierten Landes in einer globalisierten Wirtschaft ausbalanciert und davon profitiert".
Seminare, Sonnenkollektoren, Sanfter Tourismus
"Tourismus zum Beispiel könnte eine hochprofitable Industrie in Kirgisistan sein", sagt Abdyrasulowa. UNISON half bei der Erarbeitung einer Entwicklungsstrategie, im Dörfchen Ton am Südufer des Issyk-Kul wurde eine Informationsstelle für sanften Tourismus eingerichtet. Der örtlichen Bevölkerung soll nahegebracht werden, dass Reisende (aus dem Westen) bereit wären, viel Geld zu zahlen für Wanderausflüge und Campingurlaub. Bisher verdienen nicht wenige Einheimische ihren Unterhalt durch Wilderei oder unkoordiniertes Waldroden.
Weniger als eine Tonne beträgt der Pro-Kopf-Ausstoß an Kohlendioxid in Kirgisien - ein Zehntel des deutschen. Trotzdem ist eine der Hauptaktivitäten von UNISON das Energiesparen: Fast alle Gebäude in Kirgisistan stammen noch aus Sowjet-Zeiten, die Wärmedämmung ist miserabel. Nach Angaben von UNISON ist der Heizenergiebedarf drei bis fünf Mal so hoch wie im EU-Durchschnitt.
Mit slowakischer Hilfe initiierte die Organisation ein Modellprojekt in einem Kindergarten - durch einfache Renovierungsmaßnahmen wie neue Fenster, Thermostate an den Heizkörpern oder die Isolierung der Rohre sank der Energieverbrauch um zwei Drittel. Dem Pilotprojekt sollen weitere folgen. Ein landesweites Zertifizierungs- und Beratungsprogramm zum Energiesparen in Gebäuden nennt Abdyrasulowa als "eines unserer erfolgreichsten Projekte". Der Energiekrise in ihrem Land kann sie sogar noch etwas positives abgewinnen: "Die Einsicht, dass alternative Energien notwendig sind, setzt sich dadurch schneller durch."
Studien zur stärkeren Nutzung von Biomasse, Solarkollektoren für Bergdörfer, Seminare zum Klimawandel an der Universität in der Hauptstadt Bischkek - neun hauptamtliche Mitarbeiter hat UNISON derzeit. Die Organisation erhält Fördermittel von Institutionen und Stiftungen aus der EU, der Schweiz oder den USA, ist Mitglied im europäischen Frauen-Netzwerk WECF. Im Frühjahr 2008 nahm Nursat Abdyrasulowa im Europäischen Parlament einen Energy Globe Award für die Arbeit von UNISON entgegen. "Wir hoffen wirklich, dass wir es schaffen, die negativen Folgen des Klimawandels zu begrenzen", sagt sie, "auch wenn es nicht einfach ist, das Thema in einem Entwicklungsland unter die Leute zu bringen."
"Lasst nicht zu, dass neue Kohlekraftwerke entstehen!"
Was sie von den Menschen und Regierungen in den Industriestaaten erwarte? "Sie sollten sich verantwortungsvoller verhalten", lautet Abdyrasulowas schlichte Antwort, "sie sollten mal nachdenken über andere Teile der Welt, wo die Leute unter Armut leiden und unter Wasser- und Energieknappheit." Länder wie das ihre sollten nicht bloß als Lieferant von billigen Rohstoffen und Arbeitskräften angesehen werden. "Und ich würde fordern, dass Ihr und Eure Regierungen es nicht zulasst, dass weitere Quellen für Kohlendioxid gebaut werden - Kohlekraftwerke etwa."
Im Dezember wird die kirgisische Umweltschützerin zum Weltklimagipfel nach Poznan reisen. Doch zuvor kommt sie auf Einladung der Klima-Allianz, einem Zusammenschluss von etwa hundert umwelt- und entwicklungspolitischen Gruppen, für eine Woche nach Deutschland. In Berlin und weiteren Städten wird sie über die Situation in ihrem Land berichten - und am 13. September auf einer Kundgebung im brandenburgischen Jänschwalde sprechen. Vattenfall betreibt dort ein Braunkohlekraftwerk, eines der dreckigsten Europas. Etwa 25 Millionen Tonnen Kohlendioxid bläst es pro Jahr in die Atmosphäre - das Fünffache dessen, was alle Einwohner Kirgisistans zusammengenommen verursachen.
Weitere Informationen zu den Demonstrationen der Klima-Allianz am 13. September finden Sie hier
In den kommenden beiden Wochen werden wir an dieser Stelle zwei weitere KlimazeugInnen vorstellen
Fotos: Reimer, UNISON (3)
>> Lesetipp:
"Nirgendwo erwärmt sich die Erde schneller" - Auf seiner klimaschonenden Reise zum letztjährige Klimagipfel kam Nick Reimer auch durch Kirgisistan. Hier sein Text aus dem Bali-Reise-Blog
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