Umwelt-Medienpreis 2008 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Der Sommer ist fast vorbei, die Arktis taut weiter

Hoch im Norden Kanadas öffnet sich derzeit der Perry-Kanal, jene Route, die eigentlich auch in den Sommermonaten nur mit Eisbrechern zu befahren ist. Damit ist vermutlich bald auch für normale Schiffe der Weg frei für die Fahrt vom Atlantik durch die Küstengewässers Alaskas in den Nordpazifik. Im 19. Jahrhundert waren wiederholt Expeditionen auf der Suche nach dieser Abkürzung tragisch gescheitert. Erst zwischen 1903 und 1906 gelang einem norwegischen Unternehmen unter Roald Amundson die Durchfahrt, wofür sie allerdings zweimal überwintern musste und eine südlichere Route wählte, die an der Festlandsküste entlag führte und nur für sehr flache Schiffe und Boote passierbar ist. Die Fahrrinne duch den Perry-Kanal hingegen ist, sofern sie nicht durch Eis blockiert wird, für große Ozean-Schiffe befahrbar. Im August letzten Jahres war dieser Weg erstmals seit Menschengedenken eisfrei (siehe erste Grafik). 

nw-passage.jpg

Diese historische Route war bereits Anfang letzter Woche frei, wie am Montag die Wissenschaftler des US-amerikanischen Snow and Ice Data Centers in Boulder, Colorado unter der Überschrift "Rückzug des Meereises beschleunigt, Amundsons Nordwestpassage öffnet sich" berichteten. Starke Stürme, die das Eis vor den Küsten Alaskas und Ostsibiriens aufgebrochen haben und warme Luftmassen aus dem Süden heranführten, haben den Schwund des Meereises deutlich beschleunigt. Ein Vergleich der unteren beiden Bilder veranschaulicht, wie rasant der Eisverlust derzeit vonstatten geht. Das erste zeigt den Zustand vom 16. August, das zweite den vom 10. August - der Abstand beträgt also bloße sechs Tage. 

Im Jahr 2007 taute mehr Eis ab, als je zuvor. Und dieses Jahr? 

Sommerliches Abtauen ist in der Arktis nichts Ungewöhnliches. Bis Mitte September zieht sich das Eis für gewöhnlich zurück, um dann mit Einsetzen der kalten Jahreszeit wieder zu wachsen. Nur sind die Ausmaße in den vergangenen Jahren immer extremer geworden. 2007 hat das Eis den bisherigen historischen Minusrekord gleich um 20 Prozent unterboten. Polar-Experten aus aller Welt schauen daher gebannt auf die Entwicklung in diesem Jahr, um zu sehen, ob sich der Negativ-Trend fortsetzt (siehe auch "Eisschwund am Nordpol"). 

Im Augenblick sieht es ganz danach aus. Der brüchige Eispanzer auf dem arktischen Ozean zieht sich im Rekordtempo zurück. Rund 100.000 Quadratkilometer Eis verschwinden täglich. Für gewöhnlich würde man einen derart schnellen Rückzug eher im Juli erwarten, kurz nach dem die Sonne ihren höchsten Punkt am Horizont erreicht hat. Insgesamt liegt die Bedeckung derzeit fast zwei Millionen Quadratkilometer unter dem Normalwert, wobei "normal" in diesem Fall der Mittelwert der Jahre 1979 bis 2000 heißt. Die Minderheit unter den Forschern, die auch in diesem Jahr wieder einen ähnlich extremen Rückgang wie im Vorjahr befürchten, könnte also die Wette gewinnen. 

arctis-16-0-08.jpg 

10-08-08-arktis.jpg

So oder so steht allerdings jetzt schon fest, dass sich hoch im Norden eine besorgniserregende Entwicklung fortsetzt. Einige Wissenschaftler meinen inzwischen, dass schon zum Ende des nächsten Jahrzehnts das Meereis im Sommer gänzlich verschwinden könnte. Das hätte weitreichende Auswirkungen auf den ganzen Planeten. Zum einen würden die Wetterverhältnisse auf der Nordhalbkugel verändert, weil im Sommer der arktische Kühlschrank fehlen würde. Bisher reflektiert das Meereis einen erheblichen Teil der Sonnenstrahlung direkt zurück in den Weltraum. 

Zum anderen hätte die Erwärmung des Polarmeeres und der benachbarten Küstenregionen Eurasiens und Nordamerikas erhebliche Auswirkungen auf den Treibhausgas-Gehalt der Atmosphäre. Ein großes Fragezeichen steht zum Beispiel hinter den Methaneis-Lagerstätten vor den Küsten Alaskas und Sibiriens. Am und unter dem Boden der Küstengewässer liegen vermutlich große Mengen eines speziellen Eises, das nur bei hohem Wasserdruck und niedrigen Temperaturen gebildet wird. Eiskristalle schließen unter derlei Bedingung in ihrem Inneren Methanmoleküle (CH4) ein, ein Gas, das uns nicht nur als Energielieferant dient (Erdgas), sondern - wenn es in die Atmosphäre gelangt - den Treibhauseffekt deutlich verstärkt.

Diese Lager könnten nun destabilisiert werden, wenn sich das Polarmeer erwärmt. Bis die höheren Temperaturen in die entsprechenden Tiefen vordringen werden vermutlich noch einige Jahrzehnte vergehen. Außerdem könnte der Anstieg des Meeresspiegels durch Abtauen der Gletscher auf Grönland und anderswo eventuell die Lager eher stabilisieren, weil durch ihn der Meeresspiegel steigt, was den Druck auf das Methaneis erhöhen wird. Doch wie weit sich die einzelnen Faktoren ggf. gegenseitig aufheben, ist bisher ungewiss. Schlimmstenfalls würden größere Mengen Treibhausgas freigesetzt, die die globale Erwärmung verstärken. Wegen der großen Unsicherheiten bei der Abschätzungen der Vorgänge am Meeresboden sind diese Effekte allerdings bisher nicht in die Klimamodelle eingebaut. Mit anderen Worten: Wenn nicht schleunigst mit dem Klimaschutz ernst gemacht wird, kann es durchaus alles auch noch schlimmer kommen, als vorhergesagt. 

Eine andere bisher wenig beachtete Methanquelle stellen die gefrorenen Böden dar, der sogenannte Permafrost, von dem im Sommer lediglich ein paar obere Zentimeter auftauen. In ihm sind, zum Teil seit Hunderttausenden von Jahren, große Mengen organischen Materials eingefroren: Mammuts, Wollnashörner und Gräser und deren Wurzeln. 900 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, schätzen russische und US-amerikanische Wissenschaftler, sind im Permafrost gespeichert. Zum Vergleich: Derzeit befinden sich rund 730 Milliarden Tonnen Kohlenstoff hauptsächlich in der Form von Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre; vor dem Beginn der Industrialisierung waren es 560 Milliarden Tonnen. 

Taut der Permafrost, dann werden Bodenbakterien die gefrorenen Pflanzenreste und Kadaver zersetzen - und zwar entweder zu CO2, oder, was noch dramatischer wäre, zu Methan, wenn sich großflächige Sümpfe bilden sollten. Die großen Fragen werden also sein: Wieviel Auftauen kann noch verhindert werden? Wie schnell zieht sich der Permafrost zurück, und in welchem Tempo werden in den aufgetauten Gebieten Bakterien Treibhausgase produzieren? 

Wolfgang Pomrehn 

Bildquelle: Universität Bremen

Die Grafiken beruhen auf Satellitendaten aus der Polregion. Ganz oben ein Ausschnitt des kanadischen Archipels vom 16. August. Darunter ein Überblick übe den ganzen arktischen Ozean vom gleichen Tag. Das unterste Bild zeigt zum Vergleich die Daten vom 10. August. Die Schattierungen geben die Eiskonzentration wieder. Unten rechts befindet sich eine entsprechende Skala. Eine aktuellere Grafik findet sich hier. 

Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]
Dies könnte Sie auch interessieren:
Russlands Dürre war nur ein Warnschuss
Russlands Dürre war nur ein Warnschuss
Mehr Stürme, Starkregen, Hitzewellen - auf der Anpassungskonferenz von Umweltbundesamt und Deutschem Wetterdienst diskutieren Experten über Extremwetterereignisse und die Auswirkungen des Klimawandels. Russland hat das in diesem Sommer ganz deutlich zu spüren bekommen - nun spielen die Weizenpreise verrückt. Aus Bangkok Christian Mihatsch  [mehr...]
Der Jetstream und die Flut
Der Jetstream und die Flut
Großfeuer in Russland und Flutkatastrophe in Pakistan stehen nach Expertenmeinung in Zusammenhang. Meteorologen warnen vor einer Zunahme von Starkwetterereignissen als Folge des Klimawandels.
Aus Berlin Martin Sieber  [mehr...]
Greenpeace: Vollversorgung möglich
Greenpeace: Vollversorgung möglich
Konzept "Energie Revolution": Die Neuauflage dieser 2007 erstmals vorgestellten Studie soll zeigen, dass Erneuerbare Energien zur ausschließlichen Stromversorgung in der Lage sind. Modernste Anwendungen für mobile Telefone gab es dazu.
 Aus Berlin
MARTIN SIEBER  [mehr...]
Erderwärmung bedroht Meeres-Nahrungsquelle
Erderwärmung bedroht Meeres-Nahrungsquelle
Ein Rapport listet Folgen der Erwärmung in der Arktis auf. Nach Untersuchungen der Wissenschaftler vom norwegischen  Polarinstitut wird es bis zum Ende des Jahrhunderts auf Spitzbergen 8 Grad wärmer. Damit verschwindet der Zooplankton - eine zentrale Nahrungsquelle im Meer.
Aus Stockholm REINHARD WOLFF  [mehr...]
Hängen Klima und Naturkatastrophen zusammen?
Hängen Klima und Naturkatastrophen zusammen?
Britische Forscher spekulieren, ob der Klimawandel dazu beiträgt, geologische Katastrophen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche zu befördern. Die Erkenntnisse sind jedoch bislang gering. In Deutschland weiterhin Flugverbot: DLR-Forschungsflugzeug vermisst Größe und Konzentration der Vulkanasche in verschiedenen Flughöhen
Von HANNO BÖCK    [mehr...]

Meinungen: Kommentar

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

tagebau-lausitz-470_boeck Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]

Werbung

Aus der Redaktion

Was, bitte, sollen denn diese Aufkleber?

germanyIm Redaktionsalltag gibt es immer wieder Themen und Texte, die uns besonders auffallen. Die brisanter sind als andere. Oder spannender. Oder bewegender. Mit bunten Aufklebern werden unsere Redakteurinnen und Redakteure (und gelegentlich auch Gäste) Sie künftig auf solche Texte hinweisen
Aktion des Monats

Raus aus der Tiefsee!

Seit drei Monaten sprudelt Öl aus der havarierten Bohrinsel von BP. Nehmen Sie an der Petition von Greenpeace teil, um neue Tiefseebohrungen zu verhindern! [mehr...]
Aktuelles Dossier 

Von Kopenhagen nach Cancun

Im August trifft sich die Weltklimadiplomatie zum dritten Mal in diesem Jahr um den nächsten großen Klimagipfel in Mexiko vorzubereiten. Mehr zur Bonner Konferenz hier  [mehr...]
herne_gp_ulrichbaatz_teas
Serie

Wie Klimakiller kippen

Reihenweise planten Stromkonzerne in Deutschland neue Kohlekraftwerke - doch rund ein Dutzend davon ist bereits verhindert worden. Gibt es Erfolgsrezepte für den Widerstand? [mehr...]
logo-afrika
Serie

Die Welt schaut nach Afrika

Der etwas andere Blick zur Fußball-WM: Klimaretter.info beleuchtet verschiedene Aspekte der Erderwärmung, die in Afrika sichtbar sind wie auf keinem zweiten Kontinent [mehr...]

Werbung

Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Mitte Juli haben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte[…] [mehr...]

Aktuelle Blogs

Klimaretter-Dossiers

Bonn III - Die Sommerkonferenz der Klimadiplomaten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
1. Klimakonferenz 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel Cochbamba - Kopenhagen von unten
Kopenhagen 2009 - Wie der Mega-Gipfel scheiterte
Bundestagswahl - Das Klima war nur Nebensache
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung?

Werbung


Ressorts

Politik

merkel-kabinett

Regierung beschließt Sparpaket

Kürzen, kürzen, kürzen - jetzt gibt es über das Wie und Wo einen Regierungsbeschluss. Vor allem die sozial Schwachen müssen Einschnitte verkraften. Mehreinnahmen will die Regierung aber auch durch das Streichen von umweltschädlichen Subventionen erreichen. Zudem wurde die Luftverkehrs-Steuer beschlossen. Nur die Brennelementesteuer bleibt weiter offen - und wird erst mit dem Energiekonzept verhandelt. Von Johanna Treblin
[mehr...]
Energie

strommasten-nick

Bürgernetz Nordhessen will kommunale Stromnetze

In Grebenstein hat sich die Bürgernetz Nordhessen KG gegründet. Die Firma strebt eine Rekommunalisierung der Energieversorgung an und bietet Bürgern die Möglichkeit finanzieller Beteiligung [mehr...]
Protest

facebook-datacenter

Greepeace fordert Öko-Facebook

Facebook richtet ein neues Rechenzentrum ein, welches mit Kohlestrom versorgt wird - Greenpeace und 280.000 andere Facebook-Mitglieder protestieren [mehr...]
Wirtschaft

agrosprit-madera-pacificethanol

Kalifornien unterstützt Agrotreibstoffe

Der US-Bundesstaat Kalifornien will die angeschlagene Agrospritfirma Pacific Ethanol mit mehreren Millionen Dollar unterstützen. Der Gründer ist politischer Verbündeter des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger [mehr...]
Mobilität

landnahme-foe

Illegale Landnahme für Agrosprit

In Afrika nimmt die illegale Landnahme zu. Genutzt wird das Land vor allem von ausländischen Firmen, die Agrotreibstoffe für den europäischen Markt herstellen. Einer neuen Studie zufolge sind mindestens fünf Millionen Hektar Land betroffen [mehr...]
Forschung

Korallen-Konstanzestaud

Massives Korallensterben in Indonesien

Die dramatische Erwärmung der Oberflächentemperatur in den Gewässern um Indonesien hat für eine massive Korallenbleiche und das Absterben vieler Korallenriffe gesorgt   [mehr...]
Umwelt

wolken-indo

Millionenschäden durch Extremwetter in Hessen

Tornado auf Usedom, Tornado in Mittelhessen: An gleich zwei Orten in Deutschland wütete am Montagabend starker Sturm [mehr...]
Konsum

kuhlschrank_innen_sima

100 Euro für einen neuen Kühlschrank

Aktionsmonat zur Internationalen Funkausstellung: Kampagne "Energieeffizienz - jetzt" fordert das Aus für stromfressende Kühlschränke und bietet für den Kauf von A++ Geräten Zuschuss-Gutscheine [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar

tagebau-lausitz-470_boeck

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]
Standpunkte

atom-traktor-campact

Energiekonzept: Die Trickserei der schwarz-gelben Bundesregierung

Heute übergeben die Bietergemeinschaft Prognos, das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) und die Gesellschaft für Strukturforschung (GWS) der Bundesregierung die Energieszenarien, die als Grundlage für das angekündigte nationale Energiekonzept dienen sollen. Es geht nicht darum, den Umstieg in eine solare Zukunft aufzuzeigen, sondern die Vorteile einer Laufzeitverlängerung deutlich zu machen, sagt Michael Müller, Staatssekretär a.D. und Mitherausgeber von klimaretter.info in seinem Standpunkt.
[mehr...]
Rezension

MKG_Klimakapseln_HausRucker_EnvironmentTransformer_cr
Klimakapseln: Überleben in der Katastrophe

Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der es längst nicht mehr um Klimaschutz geht, sondern vor allem um die Anpassung an das Unvermeidliche? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet heute die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe". Ein Rundgang
Von SARAH MESSINA
[mehr...]
Kolumnen

etscheid

Sehnsucht nach dem Hochglanzmorgen

Nur ein dünner Strahl warmes Wasser, Hände werden kalt gewaschen, die Dusche dauert zwei Minuten - beim Einseifen wird das Wasser ausgeschaltet. Der Morgenritus ist für einen sich umweltbewusst dünkenden Menschen nicht einfach. [mehr...]
Überraschung der Woche

Matthias-Willenbacher-klein-juwi

Erdgas, Merkels Gegenbewegung und Oliver Bierhoff

Kalenderwoche 34: Erdgas ist nicht Brückentechnologie, sondern eine Ergänzung des Strommixes auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren, sagt Matthias Willenbacher, Gründer von juwi und Mit-Herausgeber von Klimaretter.info. Und Oliver Bierhoffs Vater war im Vorstand von RWE – wie überraschend.
[mehr...]