Beim Biogas fehlt ein Einspeisegesetz
An einem heißen Sommertag des Jahres 2007 debattierte die Regierung Merkel auf einer Klausur im brandenburgischen Städtchen Meseberg ein „Integriertes Klima- und Energie-Paket“. Zwei Jahre danach ist der 30-Punkte-Plan von damals abgearbeitet. Oder doch nicht? Bis zur Bundestagswahl zieht wir-klimaretter.de Bilanz.
Teil 7: Einspeisung von Biogas ins Erdgasnetz
Gleich zwei Minister waren im Mai 2007 ins oberbayerische Pliening gereist, um an der Einweihung einer Biogas-Anlage teilzunehmen. Von einem "Quantensprung auf dem Bioenergiesektor" sprach der damalige bayerische Landwirtschaftsminister Josef Miller in seiner Rede. Werner Schnappauf, sein Kollege aus dem Umweltressort (der heute übrigens Hauptgeschäftsführer beim Industrieverband BDI ist) sah den "Quantensprung" gar für "den Klimaschutz in Bayern und Deutschland". Die beiden CSU-Politiker waren zur offiziellen Einweihung einer neuen Biogas-Anlage gekommen. Das Zehn-Millionen-Projekt war größer als alle anderen Biogas-Anlagen des Freistaats - aber dies war nicht der Grund für die hochtrabenden Reden: In Pliening wurde erstmals in Deutschland aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugtes Methan in das allgemeine Erdgasnetz eingespeist.
Merkels Klimabilanz
Lang, lang war im Sommer 2007 die Liste
der Klimaschutzmaßnahmen der schwarz-roten
Bundesregierung.
Zwei Jahre später fragt wir-klimaretter.de:
Was ist eigentlich daraus geworden?
1. Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung
2. Mehr Strom aus erneuerbaren Energien
3. Förderung der CCS-Technologie
4. Intelligente Stromzähler
5. Bessere Filter für (Kohle-)Kraftwerke
6. Energiesparen in der Industrie
7. Förderprogramme für Energieeffizienz
8. Mehr Energieeffiziente Produkte
11. Energiespar-Förderung durchs Mietrecht
12. CO2-Gebäudesanierungsprogramm
13. Sanierung von Schulen, Kitas etc.
14. Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz
15. Sanierung von bundeseigenen Gebäuden
16. CO2-Strategie für Pkw
17. Förderung von Agro-Kraftstoffen
18. CO2-Orientierung bei der Kfz-Steuer
19. Verbrauchskennzeichnung für Pkw
20. CO2-Orientierung bei Dienstwagensteuer
21. Bessere Lenkungswirkung der Lkw-Maut
22. Klimaschutz im Flugverkehr
23. Klimaschutz im Schiffsverkehr
24. Extrem schädliche, flourierte Klimagase
25. Der Staat als klimaschonender Einkäufer
26. Energieforschung und Innovation
27. Förderung der Elektromobilität
28. Internationale Klimaschutzprojekte
29. Klimapolitik in Botschaften/Konsulaten
30. Transatlantische Technologie-Initiative
Kurz danach fasste das Bundeskabinett auf seiner Klausurtagung im Brandenburgischen Meseberg den Beschluss, dass bis 2030 zehn Prozent des hierzulande verbrauchten Erdgases aus solchen Anlagen kommen soll. Im Moment werden in Deutschland jährlich fast 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas verbrannt - geht man von einem auch in Zukunft steigenden Gasverbrauch aus (denn dieser Brennstoff soll in großem Maßstab die klimaschädliche Kohle ersetzen), müssten demnach 2030 weit über zehn Milliarden Kubikmeter Biogas jährlich in das allgemeine Erdgasnetz fließen. Doch dem "Quantensprung" von Pliening ist bislang nicht viel gefolgt. Heute, zweieinhalb Jahre später, gibt es zwischen Flensburg und Konstanz erst knapp 20 ähnliche Anlagen. Gerade mal 42 Millionen Kubikmeter Biogas waren Ende 2008 laut Bundesnetzagentur im Erdgas-Netz. Um das Meseberg-Ziel zu erreichen, muss das Wachstum drastisch beschleunigt werden.
Wenn es um die Klimabilanz geht, ist ein mit Biogas betriebenes Blockheizkraftwerk kaum zu schlagen. Schon eine mit Erdgas befeuerte Anlage stößt weniger als halb soviel Kohlendioxid aus als Kohlekraftwerke - wenn das verbrannte Gas aus Biomasse gewonnen wird, tendiert der Treibhausgas-Ausstoß gegen Null. Am größten ist der Klimanutzen, wenn aus dem Biogas nicht nur Strom erzeugt wird, sondern auch die dabei anfallende Wärme sinnvoll genutzt wird. Doch genau das ist bislang meist schwierig: Biogas nämlich wird in der Regel auf dem Land erzeugt, um die Transportwege für die Rohstoffe wie Mais oder Gülle kurz zu halten. Doch auf dem Lande gibt es selten genügend Abnehmer für die Wärme. Es liegt deshalb nahe, das Biogas einfach ins normale Erdgasnetz einzuspeisen und anderswo zu verbrauchen.
Biogas-Pioniere klagten über Blockadeversuche der Energiekonzerne
Theoretisch hatte die Bundesregierung die Voraussetzungen dafür schon 2005 durch die Gasnetzzugangsverordnung gelöst. Seitdem ist es erlaubt, Biogas in das Erdgasnetz einzuspeisen. Doch die Pioniere hatten mit Hindernissen zu kämpfen. So beklagten sich zum Beispiel die Stadtwerke Aachen, der Energiekonzern RWE blockiere die Biogas-Einspeisung ins eigene Netz, weil er die Qualitätsanforderungen für das Gas zu eng auslege. Seit März 2009 sind eventuelle Schikanierungen nicht mehr möglich: Eine neue Verordnung schreibt vor, dass jetzt der Netzbetreiber selbst für die Einhaltung der Vorgaben verantwortlich ist.
Infografik: Agentur für Erneuerbare Energie
Trotz aller Fortschritte reichen die bisherigen Regelungen nicht aus, das Gasnetzes wirklich zu öffnen. Nach wie vor wird der Markt von wenigen Netzbetreibern und Gasversorgern kontolliert. Biogas zur Einspeisung aber wird in sehr großen Anlagen produziert, die oft mehrere Millionen Euro kosten - Summen, die nur über Banken oder Fonds aufzubringen sind, die aber in der Regel eine Abnahmegarantie vom Netzbetreiber fordern.
Längst haben auch die Konzerne erkannt, dass man mit Biogas gutes Geld verdienen kann. E.on beispielsweise hat bereits eine eigene Tochtergesellschaft für das Geschäft gegründet. Sehr beliebt bei den großen Energieversorgern ist das Mischen von konventionellem Erdgas mit Biogas. "Bioerdgas" heißt dann das Produkt, zum Beispiel beim Berliner Versorger Gasag. Bei solchen Angeboten beträgt der Biogas-Anteil in der Regel nur zwischen fünf und 20 Prozent, reines Biogas dagegen wäre für Endkunden noch deutlich teurer.
Der Neubau von Biogas-Anlagen ist im vergangenen Jahr eingebrochen
Im vergangenen Jahr war der Markt regelrecht eingebrochen, auch weil die Förderung von Strom aus Biogas während der Verhandlungen zur Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) lange unklar war. Die Zukunftsprognose von Hendrik Becker, Sprecher des Firmenbeirates im Fachverband Biogas, klingt immer noch eher pessimistisch: "Wir erwarten, dass sich unser Geschäftsvolumen auf einem dem Jahr 2007 vergleichbaren Niveau einpendeln wird." Damals wurden etwa 200 Anlagen errichtet, gegenüber vergangenem Jahr würde dies immerhin wieder ein Aufwärtstrend bedeuten. Doch von den knapp 700 Neuanlagen, die 2006 ans Netz gingen, ist die Branche weit entfernt. Und nur eine Handvoll der geplanten Anlagen wird sein Gas ins Erdgasnetz einspeisen.
Biogasanlagen deckten im Jahr 2008 bereits 1,3 Prozent des deutschen Strombedarfs (Foto: Schmack Biogas)
Mit der Novelle des EEG versuchte die Bundesregierung, die schwächelnde Biogas-Branche aufzupäppeln. So gibt es neuerdings neben einem Bonus für nachwachsende Rohstoffe (Nawaro-Bonus) noch einen "Landschaftspflegebonus", einen "Emissionsminderungsbonus", Extra-Geld für Kraft-Wärme-Kopplung und einen Gülle-Bonus. Letzterer soll die Verwendung von Gülle fördern, doch könnte davon auch große Mastbetriebe profitieren. Sie sind unter Umwelt- und Tierschützern auch wegen der unklaren Entsorgung der Flüssigfäkalien umstritten - das neue EEG könnte nun dazu führen, die Massentierhaltung weiter zu fördern.
All diese Boni unterstützen die Produktion von Biogas und dessen Verstromung, doch für die Biogaseinspeisung ins allgemeine Netz ist dadurch noch nicht viel gewonnen. Bis 2020 müssten - als Meseberg-Zwischenziel - sechs Prozent Biogas durch die Erdgasrohre fließen, laut Bundesnetzagentur müssten dafür 16,2 Milliarden Euro in neue Anlagen investiert werden. Um dies zu erreichen, bräuchte es nach Meinung von Werner Rüberg, Chef des Branchenriesen Schmack AG, nicht Sonder-Boni im EEG oder weitere "Gasnetzzugangsverordnungen" - sondern ein ganz eigenes Gesetz nach Vorbild der Einspeiseregeln für Strom. So würde den Netzbetreibern wirklich eine Anschluss- und Abnahmepflicht auferlegt, außerdem bekämen die Erzeuger von Biogas feste Vergütungssätze.
"Eine derartiges Gesetz könnte hier eine ähnliche Dynamik wie beim Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen", ist sich auch Josef Pellmeyer, Präsident des Fachverbandes Biogas, sicher.
Und: Damit könnte Biogas auch verstärkt in der chemischen Industrie und als Kraftstoff in Erdgasfahrzeugen eingesetzt werden. Für die Idee will der Branchenverband ab Montag dieser Woche mit einer zehntägigen Biogas-Tour quer durch Deutschland werben.
Fazit: Die bisherigen Maßnahmen der Regierung werden kaum ausreichen, um bis 2030 wirklich ein Zehntel des deutschen Erdgasverbrauch durch CO2-neutrales Biogas zu ersetzen. Wie beim Ökostrom müsste sich die Regierung für ein Biogas-Einspeisegesetz mit Eon, RWE und Co. anlegen. Genau dazu ist man aber bislang nicht bereit gewesen. Ein weiteres Meseberg-Ziel dürfte damit verfehlt werden.
Kommende Woche: Teil 8 - Energieforschung und CCS
Bisher erschienen:
Teil 1: Das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz - Der schlafende Riese darf weiter schlafen
Teil 2: Die Energie-Einspar-Verordnung (EnEV) - Wenn die Ausnahme zur Regel wird
Teil 3: Der Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) - Mit schmutzigen Tricks gegen saubere Energie
Teil 4: Förderung von Agro-Treibstoffen - Vollbremsung bei Biosprit
Teil 5: Mehr Strom aus erneuerbaren Energien - Alle lieben Ökostrom? Nur nicht bei CDU und FDP
Teil 6: Senkung des CO2-Ausstoßes bei Pkw - "Die Autolobby ist immer noch stärker"
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