Die ungehörte Botschaft der Chesapeake Bay
Der Klimawandel beginnt 80 Kilometer östlich von Washington DC. Dort liegt die malerische Marschlandschaft des Chesapeake Bay, der größten Flussmündung der USA. Hier steigt der Meeresspiegel rund drei Zentimeter pro Jahr. Verzweifelt versuchen Umweltschützer zu retten, was noch zu retten ist. Mit "lebendigen Uferlandschaften" soll das Unaufhaltsame zumindest verzögert und die Natur wiederbelebt werden. Teil 11 der klimaretter.info-Serie: Strategien gegen den Anstieg des Meeresspiegels

Flach wie ein Teller: Ufer der Chesapeake Bay an der US-Ostküste - hier steigt das Meer schnell, mit fatalen Folgen
AUS WASHINGTON SUSANNE GÖTZE
Von der amerikanischen Hauptstadt fährt man mit dem Auto nur eine gute Stunde durch immer dünner besiedelte Ausläufer der Metropole, durch Wälder, die im Herbst buntgescheckt sind - und schon ist man an der Chesapeake Bay Brücke, einer überdimensionalen Auto-Überführung auf die Halbinsel Delmarva, an die die drei Bundesstaaten Delaware, Maryland und Virginia grenzen.
Die Ausmaße der Bucht sind immens: Er erstreckt sich auf über 150.000 Quadratkilometer, mehr als 150 Flüsse und Bäche münden in die Bay. Weit schweift der Blick von der Chesapeake-Brücke nach links und rechts in die Bucht. Ein diesiger Nebel hängt über dem Horizont, beschauliche Holzhäuser säumen die Ufer, Segel- und Ruderboote sind vertäut, weiter draußen gleitet ein riesiger Tanker. Kaum zu glauben, dass diese Bilderbuch-Landschaft in einigen Jahrzehnten verschwunden sein könnte.
Der Wasserspiegel in der Chesapeake-Bucht steigt, pro Jahr sind es mittlerweile drei Zentimeter. Wenige Kilometer vom Sitz des mächtigsten Mannes der Welt und von dem Senat, der die US-Klimaschutzgesetze bremst, ist längst "Land unter". Das Wasser kommt, unaufhaltsam, es gluckst, sickert, schwappt gegen die Ufer wie ein unheilvoller Bote.
Wenige Autominuten hinter der Brücke liegt in Grasonville das Chesapeake Bay Environmental Center, das seit Jahren versucht zu retten, was noch zu retten ist. Die Umweltschützerin Vicki Paulas und ihre Kollegen sind Don Quichottes des Klimaschutzes. Sie kämpfen gegen die Zeit. Und sie wissen, wie aussichtslos ihr Kampf ist. "Das Wasser stiegt und es wird immer wärmer", erklärt Paulas an einer einsamen Stelle des Haffs, dessen Ufer mit Seegras gesäumt sind. Das Wasser steht still, ist ohne Laut und Bewegung, nur ein Fischreiher kreist und stößt seine Schreie in den diesigen Abend. Bis zum Ende des Jahrhunderts rechnen Forscher damit, dass hier die Temperaturen um bis zu neun Grad steigen - jedenfalls viel stärker als im globalen Durchschnitt.
Das hat dramatische Folgen für Fauna und Flora: Zuerst stirbt das Seegras ab, das Nahrung und Unterschlupf für verschiedenste Tierarten ist. Das geschehe schon jetzt, in den zu warmen Sommern, erklärt Umweltschützerin Paulas. Zudem geht der Sauerstoffgehalt des Wassers zurück, was ebenfalls zum Sterben von Fisch- und Krabbenarten führt – die Nahrung für viele Vögel und andere Wildtiere sind.
Washington schließt die Augen vor der Chesapeake Bay
Die Klimaänderung trifft zuerst das Ökosystem, dann die Anwohner - denn ohne eine intakte Marschlandschaft kommen Fluten schneller, und das Wasser verdreckt weiter. Die Auen wirken wie ein Schwamm, so Paulas. Doch durch Industrialisierung und Bebauung seien sie bereits stark zerstört worden. Sisyphosarbeit sei es nun, Verlorenes wiederherzustellen und gleichzeitig schon mit den Herausforderungen der Klimaänderung konfrontiert zu sein. Um das "Unaufhaltsame aufzuhalten", wie Paulas es ausdrückt, bauen die Umweltschützer zusammen mit freiwilligen Helfern "lebendige Uferstreifen".
In dem Marschland siedeln sich dann Schildkröten an, nisten Watvögel und Krabben. Durch die durchwachsenen, natürlichen Uferstreifen erhofft man sich auch eine abgeschwächte Wellenstärke, damit die Ufer nicht weiter erodieren. Um Austernarten wieder anzusiedeln, die längst in der Region marginalisiert sind, werden künstliche Betonbälle mit Löchern in die Bucht hinabgelassen - in der Hoffnung, die Tiere könnten sie als neues Heim annehmen. In diesen künstlichen Riffs sollen aber auch Fische laichen und Krebstiere eine neue Heimat finden. Was Jahrzehnte lang zerstört wurde, muss nun – schon aus Eigeninteresse des Menschen – wiederaufgebaut werden.

Künstliche Riffs für ein "lebendiges Ufer" - in Betonbällen sollen sich Krabben und Austern ansiedeln (Fotos: Götze)
Warum Politiker in Washington überhaupt noch zögert, sich sofort zu einem ambitionierten Klimaschutz zu bekennen und Geld für die Bekämpfung der desaströsen Folgen des Klimawandels einzusetzen - das verstehen Paulas und ihre Kollegen nicht. "Was sie nicht gesehen haben, glauben sie nicht - vielleicht wollen sie es aber auch nicht sehen", meint sie schulterzuckend. Sie und ihr Zentrum sind auf private Spenden angewiesen, der Staat hat bis jetzt noch keinen Penny lockergemacht.
Die Umweltschützer des Chesapeake Bay Environmental Center sind in den USA große Ausnahmen. Der Klimawandel ist für die meisten Amerikaner noch immer eine reichlich abstrakte Bedrohung. Auf der politischen Agenda rangiert wie weit nach den Sorgen um den ökonomischen Abschwung, nach dem Streit um eine Krankenversicherung und viele andere Dinge. Über die Chesapeake Bay wird von den großen Fernsehstationen des Landes nicht berichtet.
Ausflug für US-Senatoren zum Chesapeake Bay
Dennoch ist auch in der politischen Debatte der USA seit diesem Jahr einiges in Bewegung. Größter Brocken ist ein nationales Klimaschutzgesetz (American Clean Energy & Security Act), der aber noch immer nicht verabschiedet ist. Im Juni hatte das Repräsentantenhaus das Gesetz knapp angenommen. Ein leicht veränderter Entwurf wird nun unablässig vom Senat diskutiert. Die neue, so genannte Kerry-Boxer-Version des Gesetzes – benannt nach den Abgeordneten John Kerry und Barbara Boxer - hat die Klimaschutzziele sogar verschärft: So sollen statt der zuvor angepeilten 17 Prozent bis 2020 rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen reduziert werden. Allerdings ist das berechnete Basisjahr nicht 1990 wie seit dem Kyoto-Protokoll weltweit üblich, sondern 2005. Viele Europäer kritisieren deshalb, dass es sich bei dem Klimagesetz nur um eine läppische Reduktion von vier Prozent handelt, wenn man sie auf 1990 umrechnet.
Vielleicht würde es vielen Senatoren gut tun, einen Ausflug nach Grasonville zum Chesapeake-Bay zu machen. Dort könnten sie sich vorrechnen lassen, wie viel es kosten wird, die Küstenlandschaft so zu renaturieren, dass sie einen halbwegs natürlichen Schutz bietet: Rund 100 Meter neues Marschland kosten heute an die 400.000 Dollar. Und zu renaturieren sind hunderte Kilometer. Möglicherweise würden die Politiker dann anfangen zu rechnen, was es für ihre Region bedeutet, einfach ein "laissez-faire" walten zu lassen und die Folgekosten des Temperaturanstiegs und der Industrialisierung ihrem Nachwuchs zu überlassen. "Wir verlangsamen nur", meint Paulas nüchtern, "doch wir versuchen, unser ökologisches Wissen an die nächste Generation weiterzugeben – in der Hoffnung, dass die eine Lösung findet, unseren Planeten zu retten."
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