Jakobshavn: sonnig, mild, 18 Grad Celsius
Rund ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt in Küstennähe und weniger als zehn Meter oberhalb des Meeresspiegels. Satellitenmessungen zeigen, dass der Pegel im globalen Durchschnitt derzeit pro Jahr um 3,1 Millimeter klettert. „Der Meeresspiegel steigt schneller als erwartet, und der Anstieg hat sich beschleunigt", warnt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In einer Serie erkundet das Nachrichtenmagazin klimaretter.info, welche Strategien es dagegen gibt. Heute Teil 10: Jakobshavn
Ein vom Jakobshavn-Gletscher in Grönland abgebrochener Eisberg -wegen steigender Temperaturen rutscht der Gletscher immer schneller ins Meer. (Foto: Konrad Steffen/Univ. of Colorado at Boulder)
Am Sonntag wir es tauen in Frederikshåb. Der Wetterbericht sagt dem 2.000-Einwohner-Städtchen an der Westküste Grönlands am Abend 2 Grad plus voraus. Und das obwohl es doch eigentlich schon Winter ist in Grönland.
Im Sommer liest sich der Wetterbericht für Frederikshåb immer häufiger so: sonnig, mild, 18 Grad Celsius. Selbst für Jakobshavn sind solche Vorhersagen keine Seltenheit mehr. Dabei liegt die drittgrößten Stadt Grönlands weit über dem Polarkreis am Ilulissat-Gletscher, der sich täglich bis zu 20 Meter krachend Richtung Westen schiebt. Der Gletscher gilt als der "schnellste" der Welt: Keiner arbeitet sich so schnell vor.
Satellitenmessungen und ein Computermodell bestätigen nun: Der Wetterbericht bleibt für Grönlands Eisdecke nicht folgenlos. Die Berechnungen zeigten, dass sich der "Verlust des Grönlandeises seit Ende der 90er Jahre stark beschleunigt hat", schreibt Jonathan Bamber von der britischen Universität Bristol in der jüngsten Ausgabe des US-Fachmagazins "Science". Die Ursachen legten nahe, dass sich dieses Phänomen in der nahen Zukunft fortsetzen wird, so der Mitautor der Studie.
Zwischen 2006 und 2008 schmolzen demnach jährlich etwa 273 Kubikkilometer Grönlandeis . Seit 2000 verlor die Eiskappe so insgesamt 1500 Kubikkilometer. Um diese Menge zu verdeutlichen: Sie entspricht einem Würfel mit einer Kantenlänge mit der Strecke von Köln nach Dortmund - 15 Kilometer breit und ein Kilometer hoch.

Jakobshavn: Jetzt immer häufiger eisfrei
Was nicht ohne Folgen für den Meeresspiegel blieb: Allein das schmelzende Grönlandeis ist der Studie zu Folge für einen Anstieg des Meeresspiegel um etwa 0,75 Millimeter pro Jahr verantwortlich. Bedeutet einen Anstieg der Ozeane um fünf Millimeter seit 2000. Ein Teil des Schmelzwassers auf der Eisdecke gefriert unter der winterlichen Schneedecke wieder, sonst wäre der Eisverlust seit sogar doppelt so groß.
Würde das gesamte Grönlandeis abtauen, stiege der Meeresspiegel um sieben Meter. Mehr als 1,5 Milliarden Menschen leben in Städten an den Küsten, die dann komplett unbewohnbar sind.
Der dänische Polar- und Klimaforscher Sebastian Mernild legte in der grönländischen Hauptstadt Nuuk gerade eine neue Modellrechnungen vor, die an der Kopenhagener Universität und am Arctic Research Center der University of Alaska in Fairbanks vorgenommen worden sind. Danach drohe dem grönländischen Inlandeis der "tipping point" - der Punkt, von dem an eine ständig zunehmende Abschmelzung stattfindet - bereits bei einer Temperatursteigerung in dieser Region um 0,7 bis 1,2 Grad.
Im IPCC-Bericht von 2007 enthaltene Szenarien erwarten eine solche Erhöhung der globalen Temperaturen für das Jahr 2043.
Fischer allerdings freuen sich, dass die wärmeren Küstengewässer von Kabeljau, Hering und anderen einst seltenen Besuchern bevölkert werden. Derweil plant die autonome Inselregierung Kraftwerke , die mit dem Wasser der tauenden Gletscher angetrieben werden sollen, und hat bereits einen großen US-amerikanischen Aluminiumproduzenten angelockt, der mit dem billigen Strom 3500 Arbeitsplätze schaffen will. Auch Bergbau Unternehmen und Ölkonzerne sitzen schon in den Startlöchern, um das Gelände zu untersuchen, das vom Eis freigegeben wird.
Bisher erschienen:
Teil 1: Die Malediven - Ein Land plant den Umzug
Teil 2: Singapur verpflichtet holländische Deichbauer
Teil 3: Bangladesch - Überleben im Hochbunker
Teil 4: Pazifik - Das Paradies bittet um Asyl
Teil 5: Venedig - Mit Schleusentoren und Mose
Teil 6: New York - Die zukunftslose Stadt
Teil 7: Die Niederlande - Holland lässt die Häuser schwimmen
Teil 8: Shanghai - Die Last des Wirtschaftsbooms
Teil 9: Deutschland - Was die Schafe lehren
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