Serie: Holland lässt die Häuser schwimmen
Rund ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt in Küstennähe und weniger als zehn Meter oberhalb des Meeresspiegels. Satellitenmessungen zeigen, dass der Pegel im globalen Durchschnitt derzeit pro Jahr um 3,1 Millimeter klettert. „Der Meeresspiegel steigt schneller als erwartet, und der Anstieg hat sich beschleunigt", warnt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In einer Serie erkundet das Nachrichtenmagazin klimaretter.info, welche Strategien es dagegen gibt. Heute Teil 7: Die Niederlande

VON NICK REIMER
In den Niederlanden hat gerade eine Expertengruppe Alarm geschlagen. Um mit den Folgen des Meeresspiegelanstiegs fertig zu werden, seien Milliardeninvestitionen für Gegenmaßnahmen erforderlich, erklärte die von der Regierung berufene Deltakommission.
Mehr als ein Viertel der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel. Zwölf Millionen Kubikmeter Sand läßt die mächtige Behörde Rijkswaterstaat heute jährlich zum Schutz für dieKüsten ins Meer schütten. Sie gebietet über einen höheren Etat als das Verteidigungsministerium.

Gebiete unter und über dem Meeresspiegel. (Foto: Wikipedia)
"Unsere Behörde versucht natürlich, mit einer ganzen Reihe von Flutbarrieren, Deichen und Pumpsystemen Unglück zu verhindern", erklärt Lucien van Hove von der Katatsrophen-Behörde. Aber auch 3.300 Kilometer Deiche und insgesamt 38 Deichringe könnten keinen hundertprozentigen Schutz geben.
Zumal der Meeresspiegel voraussichtlich noch schneller ansteigen werde, als bislang befürchtet, wie Cees Veerman, Ex-Agrarminister und Leiter der Deltakommission erklärt: Eine Langzeitstudie der Kommission prognostiziert den Niederlanden ein Meeres-Anstieg zwischen 65 und 130 Zentimetern bis zum Jahr 2100. Für lange Zeit seien im Kampf dagegen Investitionen von durchschnittlich 1,5 Milliarden Euro pro Jahr erforderlich, ein Teil des Bruttosozialproduktes sollte schon heute gegen die künftige Bedrohung eingesetzt werden.

Häuser auf Stelzen: Nur ein Beispiel für die neue Hochwasser-Architektur der Niederlande. (Foto: waterstudio-nl)
Die Niederländer wollen mit dem Geld nicht nur tausende Kilometer Deiche erhöhen. Sie wollen "intelligente Wasserbauten". Katastrophenschützer van Hove: "Wir müssen umdenken. Technischer Schutz gegen die Fluten wird nicht mehr ausreichen. Wir müssen mit dem Wasser leben und nicht versuchen, es auf jeden Fall aussperren zu wollen." Beispielsweise gibt es neuerdings Häuser, die auf Pontons schwimmen - notfalls bis fünf Meter.
37 Häuser sind am Ufer eines Seitenarms der Maas festgezurrt, ihr hohles Fundament verleiht den Häusern Auftrieb, um sie über Wasser zu halten. Das Büro Waterstudio.nl - eines der führenden auf dem noch jungen Gebiet maritimer Baukunst - gestaltete Wohnboote mit Parkdeck fürs Auto und Unterstand fürs Motorboot. Jetzt folgten schwimmende Türme von 100 Meter Höhe auf. Möglich macht das eine patentierte Technik: Als Fundament wird ein Schaumstoffkern mit Beton ummantelt.
Bisher erschienen:
Teil 1: Die Malediven - Ein Land plant den Umzug
Teil 2: Singapur verpflichtet holländische Deichbauer
Teil 3: Bangladesch - Überleben im Hochbunker
Teil 4: Pazifik - Das Paradies bittet um Asyl
Teil 5: Venedig - Mit Schleusentoren und Mose
Teil 6: New York - Die zukunftslose Stadt
Teil 7: Die Niederlande - Holland lässt die Häuser schwimmen
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