Serie: New York, die zukunftslose Stadt
Rund ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt in Küstennähe und weniger als zehn Meter oberhalb des Meeresspiegels. Satellitenmessungen zeigen, dass der Pegel im globalen Durchschnitt derzeit pro Jahr um 3,1 Millimeter klettert. „Der Meeresspiegel steigt schneller als erwartet, und der Anstieg hat sich beschleunigt", warnt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In einer Serie erkundet das Nachrichtenmagazin klimaretter.info, welche Strategien es dagegen gibt.
Heute Teil 6: New York

VON NICK REIMER
Um mit einem Missverständnis aufzuräumen: Entscheidend für die Folgen des Meeresspiegelanstiegs ist weniger, wieviel höher der mittlere Wasserstand liegt. Entscheidend ist, wie häufig bestimmte Höchststände während Sturmfluten erreicht werden. Zum Beispiel in New York, das typisch ist für die Atlantikküste der USA: Flaches Land, soweit das Auge reicht.
New York City besteht aus mehreren Inseln und Halbinseln und hat etwa 1.000 Kilometer Küstenlinie. Würde heute eine drei Meter hohe Sturmflut auf die Stadt zu rollen, wäre dies eine „Jahrhundertflut". Für Manhattan bedeutet dies: Batery Park City stünde genauso komplett unter Wasser wie die Börse auf der Wall-Street und das World Financial Centre, das Bellevue-Hospital-Centre wäre genauso im Wasser versunken wie das New York Univercity Medical Center, sämtliche Häfen genauso unpassierbar wie diverse Brückenköpfe und natürlich die U-Bahn-Schächte, die schon im normalen Zustand mit Riesenaufwand leergepumpt werden müssen, weil ständig Wasser hereinläuft.

Auch das Fliegen dürfte schwieriger werden: Die Landebahnen von New Yorks Flughafen La Guardia werden nur noch für Wasserflugzeuge infrage kommen und auch der größte Flughafen, John F. Kennedy, liegt nahe am Atlantik. Kurz: Manhattan wäre komplett von der Außenwelt abgeriegelt.
Aber so etwas passiert ja „nur" aller einhundert Jahre. Zumindest wenn die Welt so bleibt wie sie ist. Deshalb warnt der Wissenschaftliche Beirat für Umweltfragen der Bundesregierung (WBGU): Bei einem Meeresspiegelanstieg um 1 Meter würde diese Sturmfluthöhe statistisch nicht mehr nur einmal im Jahrhundert, sondern alle vier Jahre auftreten. Eine Jahrhundertflut würde dann entsprechend weiter in die Straßen von Manhattan vordringen. Sie hätte deutlich größere Zerstörungskraft. Und es würde sich dann nicht mehr lohnen, die zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen. Kurz gesagt: New York müsste aufgegeben werden.

„Es wird ein Meter sein und es gibt nichts, was wir dagegen tun können. Die Frage ist nur, wann", sagt der Klimatologe Andrew Weaver von der Universität Victoria, einer der führenden Autoren des jüngsten Berichts des Weltklimarats (IPCC). Dass New York besonders gefährdet ist, zeigt eine Untersuchung des Potsdam Institutes für Klimafolgenforschung: Sollte sich der Golfstrom abschwächen, würde der Meeresspiegel im nördlichen Atlantik stärker steigen als anderswo. Ganz nebenbei hätten dann London, Dublin oder Rotterdam ganz ähnliche Probleme.
Immerhin: Die New Yorker scheinen sich der Gefahr bewußt. Sie unterschrieben die Seouler Erklärung, in der Bürgermeister von 80 Großstäden von den Staatsregierungen fordern, die führende Rolle der Städte in den weltweiten Anstrengungen gegen den Klimawandel anzuerkennen und mehr Gelder für den Klimaschutz bereit zu stellen. "Klimaschutzt steht und fällt mir den Städten", begründete David Miller, Bürgermeister Torontos und Initiator der Seouler Erklärung, die Initiative.
(Fotos: Courtesy of Nadine Söll)
Bisher erschienen:
Teil 1: Die Malediven - Ein Land plant den Umzug
Teil 2: Singapur verpflichtet holländische Deichbauer
Teil 3: Bangladesch - Überleben im Hochbunker
Teil 4: Pazifik - Das Paradies bittet um Asyl
Teil 5: Venedig - Mit Schleusentoren und Mose
Teil 6: New York - Die zukunftslose Stadt
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