Serie: Mit Schleusentoren und Mose
Rund ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt in Küstennähe und weniger als zehn Meter oberhalb des Meeresspiegels. Satellitenmessungen zeigen, dass der Pegel im globalen Durchschnitt derzeit pro Jahr um 3,1 Millimeter klettert. „Der Meeresspiegel steigt schneller als erwartet, und der Anstieg hat sich beschleunigt", warnt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In einer Serie erkundet das Nachrichtenmagazin wir-klimaretter.de, welche Strategien es dagegen gibt.
Heute Teil 5: Venedig
Moses, so berichtet die Bibel, brachte einst die Israeliten auf ihrer Flucht trockenen Fußes durch das Rote Meer. Trockene Füße und Gebäude verspricht auch das Projekt "Mose": Riesige Stahlwälle sollen die Bürger Venedigs bei Hochwasser vor den Fluten schützen. Was dringend nötig ist: Spanische Wissenschaftler ermittelten, dass sich das Mittelmeer zwischen 1993 und 2003 fünfmal schneller erwärmte als andere Meere. Dadurch stieg der mediterrane Meeresspiegel schneller als in anderen Regionen. "Die Perle an der Adria" versinkt immer öfter in den Fluten.
In den vergangenen hundert Jahren ist der Meeresspiegel der Adria bereits um zwölf Zentimeter gestiegen. Für die Stadt auf Stelzen ist das keine frohe Kunde. "Mose" soll nun zumindest die großen Überschwemmungen im Winter abwenden und Hochwassern von mehr als 110 Zentimetern über Normalnull Einhalt gebieten.
Das Kürzel Mose steht für "modulo sperimentale elettromeccanico" (experimentelles elektromechanisches Modul) und steht für 79 mobile Fluttore, die bei normalem Wasserstand auf dem Meeresboden liegen und bei dem gefürchteten "Acqua alta", dem Hochwasser, binnen einer Stunde hochgeklappt werden können. Auf über 100 Inseln liegt Venedig in der Lagune, die an drei Stellen mit der Adria verbunden ist. Der kühne Plan: Gelingt es, diesen Verbindungen das Wasser abzuschneiden, dann wäre Venedig gegen den Meeresspiegel-Anstieg für immer und ewig immun.
Bereits seit 2005 wird gebaut. Vier Milliarden Euro stehen bereit. Allein die Logistik ist eine Aufgabe der Superlative. Die für die Schleusen verwendeten Rohre sind 32 Tonnen schwer und 37 Meter lang bei anderthalb Metern Durchmesser. Damit bei geschlossenen Fluttoren Schiffe in die Lagune gelangen können, muss auch eine Schleuse an der mittleren Lagunenzufahrt gebaut werden. 2011 soll "Mose" betriebsbereit sein - und Venedig damit gerettet.
Venedig gerettet? Die Stadt "versinkt" auch ohne Meeresspiegel-Anstieg. 23 Zentimeter sackten die Pfahlbauten in den vergangenen hundert Jahren ab. Schuld daran sind auch die Venezier selbst: Seit 1930 pumpen sie vermehrt Grundwasser aus dem Boden, Hohlräume bleiben zurück, die langsam nachgeben. Und selbst wenn es „Mose" gelingen sollte, Venedig immun gegen den Meerespiegel-Anstieg zu machen, ist das Problem noch nicht gelöst. Müssten die Flut-Tore lange geschlossen bleiben, befürchten Wissenschaftler Schäden für die Lagune. Mangels Frischwasser könnte sie sich in eine faulige Kloake verwandeln. Viele Venezianer würden "Mose" deshalb - in diesem Fall - lieber nicht folgen.
Bisher erschienen:
Teil 1: Die Malediven - Ein Land plant den Umzug
Teil 2: Singapur verpflichtet holländische Deichbauer
Teil 3: Bangladesch - Überleben im Hochbunker
Teil 4: Pazifik - Das Paradies bittet um Asyl
Teil 5: Venedig - Mit Schleusentoren und Mose
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