Das Umdenken in den Schaltzentralen
Zwei Dutzend neue Kohlekraftwerke sind derzeit bundesweit geplant oder bereits im Bau. Allerdings wurden in den vergangenen Jahren auch viele Projekte verhindert - zuletzt in Düsseldorf, Stade, Wilhelmshafen und Mainz. wir-klimaretter.de beleuchtet in einer Serie die Hintergründe und jeweiligen Besonderheiten dieser Erfolgsgeschichten. Bei den Recherchen hat sich gezeigt: Die Projekte scheiterten vor allem dort, wo zum gesellschaftlichen Widerstand auch noch ökonomische Zweifel des Investors kamen. Teil 7: Energie-Dienstleistung
Mit dem schlichten Absatz von möglichst viel Strom und Gas werden die Energiekonzerne auf Dauer nicht mehr erfolgreich sein - "Energiedienstleistung" und "Effizienzmarkt" sind die neuen Schlagworte in den fossilen Schaltzentralen. "Beim Strom- und Gasvertrieb werden wir in Zukunft geordnet schrumpfen", sagt beispielsweise Thorsten Radensleben, Chef des Freiburger Regionalversorgers Badenova.
Zwar hört man so deutliche Worte von einem Manager der fossilen Energiewirtschaft bislang öffentlich noch selten. Doch die Zeichen der Zeit sprechen eine deutliche Sprache: Energierohstoffe werden knapper und damit teurer, die Herausforderungen des Klimaschutzes immer größer - Wirtschaft und Gesellschaft dürsten folglich nach verbesserter Energieeffizienz. Radensleben ist sich deshalb sicher: Ein Energieversorger, der sich noch immer darauf konzentriert, möglichst viel Strom und Gas zu verkaufen, der wird perspektivisch zwangsläufig verlieren.

Besonders am Erdgasmarkt wird das derzeit deutlich: Mit jedem sanierten gasversorgten Altbau bricht den Energiekonzernen durch verminderten Heizenergiebedarf ein kleines Stück ihres Geschäftes weg. In der Vergangenheit konnten die Konzerne die Einsparung noch auffangen, indem sie ihre Gasnetze ausbauten und somit neue Kunden akquirierten. Doch mittlerweile ist der Markt aufgeteilt. Der Energieversorger der Zukunft, davon ist Radensleben überzeugt, werde deshalb ein Dienstleister sein: "Wir müssen wahrgenommen werden als unabhängiger Berater - als jemand, der die Bedürfnisse der Energieverbraucher stillt, unabhängig von Brennstoff."
Solches empfielt auch die Managementberatung A. T. Kearney: "Die Unternehmen sollten sich von der alten Maxime lösen, dass mehr Energieabsatz mehr Gewinn bringt", sagt Martin Handschuh, Energieexperte bei A. T. Kearney. In der Energiewelt von morgen könnte es mehr Gewinn bringen, dem Kunden dabei zu helfen, weniger Strom und Gas zu verbrauchen.
Diese Sichtweise findet auch im Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) langsam Unterstützer. "Neue Geschäftsfelder und Anwendungstechniken werden die Branche verändern", urteilt etwa die Verbandsvorsitzende Hildegard Müller. Energieversorger müssten zunehmend zum Energielotsen im Förderdschungel werden, zum Energiecoach bei der Gebäudeenergieversorgung, zum Serviceberater für die Anlagenfinanzierung, die Erzeugung und Abrechnung von Wärme und Strom sowie zum Kompetenzmanager für vernetzte, intelligente Haustechnik. So beginnt sich in der Branche der Begriff "Energieeffizienzmarkt" zu etablieren.

In Berlin zum Beispiel hat die Stadt bereits mehr als 1.300 Gebäude in solchen "Energiesparpartnerschaften" unter Vertrag. Es sind Schwimmbäder, Schulen, Hochschulgebäude, aber auch andere Einrichtungen, wie etwa eine Justizvollzugsanstalt. Mitunter lässt sich der Energieverbrauch der Objekte um 30 Prozent senken - und für alle Beteiligten dadurch Geld verdienen.
Mit dem Ausbau solcher Geschäfte wird der Neubau fossiler Kohlekraftwerke zunehmend unattraktiver. Und so ist es kein Zufall, dass in diesen Umbruchzeiten der Energiewirtschaft die Neubaupläne für Kohlekraftwerke kippen wie die Dominosteine: In den letzten Monaten wurde das Kraftwerk in Düsseldorf, Stade, Wilhelmshafen Ingelheimer Aue in Mainz gestoppt, ein Kohlekraftwerk in Dörpen im Emsland, eines in Lubmin bei Greifswald, weitere in Stade und Emden. RWE-Vorstand Leonhard Birnbaum hatte beispielsweise Mitte Juni bekannt gegeben, dass RWE keine neue Kohlekraftwerke mehr in Angriff nehmen will. Tatsächlich führte letztlich immer wieder die unsichere Rentabilität der Projekte zum Rückzug.
"Das ist natürlich auch ein Erfolg der Anti-Kohle-Bewegung", urteilt Elias Perabo von der Klima-Allianz. Weil sich die Aktiven vor Ort auch in die ökonomische Rechenmodelle der Investoren hineingefuchst hätten, weil sie dort Widersprüche aufgezeigt und die Konzernspitzen damit konfrontiert hätten, deshalb habe es auch innerhalb der Entscheidungsebenen zunehmend Vorbehalte gegen die neuen Kraftwerke gegeben. Perabo: "Die Gegenrechnung des Protestes hat nicht selten das Umdenken der Entscheider beschleunigt".

Dass Stromsparen eher ein Geschäftsmodell der Zukunft sein wird, zeigt auch eine andere Zahl: 2009 wurde in Deutschland 5,3 Prozent weniger Strom als im Vorjahr verbraucht - der größte Rückgang in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Experten von A. T. Kearney glauben, dass dieser Rückgang kein einmaliger, etwa als Folge der Finanzkrise, ist: "Die ,Delle' im deutschen und europäischen Energieverbrauch wird auch nach dem Ende der Krise nicht vollständig ausgeglichen sein, sondern bis 2020 zu einem geringeren Verbrauch führen als vor der Krise angenommen."
Kein Wunder, dass da mancher Investor im Sektor der Stromerzeugung auf die Bremse tritt. Zumal den Großkraftwerken inzwischen auch durch den Ausbau der erneuerbaren Energien Jahr für Jahr weitere Absatzmengen wegbrechen. Für das Jahr 2013 rechnen selbst die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber mit einem Zuwachs an Ökostrom von 20 Milliarden Kilowattstunden gegenüber 2009. Und die sind nicht der grünen Euphorie verdächtig.
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Die Serie wird fortgesetzt.
Bisher erschienen:
Teil 1: Bremen - Wahlkämpfe sind schlechte Zeiten für Kohle
Teil 2: Kiel - Aufgeschoben ist nicht aufgehoben
Teil 3: Germersheim - Der Trick mit dem Bebauungsplan
Teil 4: Bielefeld: Plötzlich nicht mehr wirtschaftlich
Teil 5: Ensdorf: "Mündige Bürger statt Klimawürger
Teil 6: Herne: Kohlekraft ist unwirtschaftlich
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