Herne: Kohlekraft ist unwirtschaftlich
Zwei Dutzend neue Kohlekraftwerke sind derzeit bundesweit geplant oder bereits im Bau. Allerdings wurden in den vergangenen anderhalb Jahren auch acht Projekte verhindert - zuletzt in Berlin. wir-klimaretter.de beleuchtet in Zusammenarbeit mit der Klima-Allianz in einer Serie die Hintergründe und jeweiligen Besonderheiten dieser Erfolgsgeschichten. Bei den Recherchen hat sich gezeigt: Die Projekte scheiterten vor allem dort, wo zum gesellschaftlichen Widerstand auch noch ökonomische Zweifel des Investors kamen. - Teil 6: Herne
Im Oktober 2006 hatte Evonik bei der nordrhein-westfälischen Stadt einen Vorentscheid beantragt. Für den Konzern war die Sache relativ einfach. Das Gelände gehörte ihm bereits, selbst der Bebauungsplan stand schon. Es hätten lediglich noch ein paar Ausgleichmaßnahmen beschlossen werden müssen, meint Rolf Ahrens, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Rat der Stadt Herne. Auch der politische Widerstand im Rathaus hielt sich sehr in Grenzen. Selbst die Grünen hatten sich noch 2004 in ihrem Kommunalwahl-Programm für einen Neubau ausgesprochen. "Wir gingen davon aus", so Ahrens, "dass es ein Ersatzbau würde." Heute würde man, betont er, ein solches Projekt nicht mehr befürworten.
Im Herbst 2007 gründete sich eine Bürgerinitiative "Saubere Luft für Herne", im Dezember organisierte man eine Demonstration. Aber auch anderswo regte sich Widerstand – in Orten, deren Stadtwerke sich an "Herne 5“ beteiligen wollten, wurden lokale Greenpeace-Gruppen aktiv: in Essen, Nürnberg, Augsburg und Regensburg. In München hatten die dort mit der SPD kooperierenden Grünen im Sommer 2007 dem Kohlekraftwerk zwar zugestimmt, aber ihren Partner darauf festgelegt, dass es keine weiteren Kohle-Beteiligungen mehr geben würde. Mehrere hundert Bürger hatten zuvor den Münchener SPD-Oberbürgermeister Christian Ude mit Protestmails eingedeckt.
Greenpeace-Aktivisten projizieren im Oktober 2007 per Dia auf den Kühlturm des bereits bestehenden Herner Kraftwerks: "Keine neuen Kohlekraftwerke! Klimaschutz geht anders!" (Foto: Ulrich Baatz/Greenpeace)
Ende Januar 2008 dann plötzlich die Kehrtwende: Der Investor legt – trotz erteilter Vorab-Genehmigung – das Projekt auf Eis. "Die Basis für eine wirtschaftliche Realisierung des Projekts ist aus Sicht von Evonik derzeit nicht gegeben", teilte das Unternehmen mit. Die Preise für den Anlagenbau seien zu hoch, hieß es, außerdem könnten die Kosten für die CO2-Emissionszertifikate ab 2013 den Betrieb unrentabel machen. Man werde aber "die Möglichkeiten für den Bau von Block fünf weiter offenhalten", zitiert am 30 Januar 2008 die Zeitung Der Westen eine Evonik-Sprecherin.
Die örtliche SPD reagierte betrübt, sie hatte immer wieder das Standardargument für Projekte wie dieses bemüht: Arbeitsplätze! Dabei wären im neuen Kraftwerk nur 50 Dauer-Jobs entstanden – die alten Blöcke hingegen geben noch 250 Menschen Arbeit. Trotz des offiziellen Stopps des Projekts legte der nordrhein-westfälische Landesverband des BUND vorsorglich Klage gegen die erteilte Genehmigung ein.
Der Grüne Ahrens betont, dass die Herner Stadtwerke nicht nur auf Kohle setzen, sondern sich auch um alternative Energien kümmern. So gebe es ein Grubengaskraftwerk, das Methan aus alten Kohleflözen verfeuert. Das Gas ist zwar nicht unbedingt regenerativ, steigt jedoch ohnehin aus den Bergwerken auf. Da ist es sinnvoll, ihn einzufangen und zu nutzen – es spart andere Brennstoffe, und das bei der Verbrennung entstehende CO2 ist als Treibhausgas viel weniger schädlich, als es das Methan gewesen wäre. Auch, so Ahrens weiter, gebe es in der Stadt inzwischen Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von etwa fast zwei MW. Über die Beteiligung an dem Gemeinschaftsunternehmen Trianel sind die Stadtwerke Herne schließlich auch im Bau von Offshore-Windparks engagiert, bei denen es aber nicht recht vorangeht.
"Wir haben Erfolg gehabt, aber ich würde das nicht so hoch hängen", meint unterdessen Fischöder, der auch für die Linkspartei als bürgerliches Mitglied im Umweltausschuss der Stadt sitzt. "Wenn sich Evonik wieder rührt, machen wir weiter."
![]()
Die Serie wird fortgesetzt.
Bisher erschienen:
Teil 1: Bremen - Wahlkämpfe sind schlechte Zeiten für Kohle
Teil 2: Kiel - Aufgeschoben ist nicht aufgehoben
Teil 3: Germersheim - Der Trick mit dem Bebauungsplan
Teil 4: Bielefeld: Plötzlich nicht mehr wirtschaftlich
Teil 5: Ensdorf: "Mündige Bürger statt Klimawürger
Weitere Informationen zu geplanten Kohlekraftwerken und zu Erfolgsrezepten des Widerstands gibt es in Kürze auf einer neuen Homepage der Klima-Allianz
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 13 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13








