Aufgeschoben ist nicht aufgehoben
Zwei
Dutzend neue Kohlekraftwerke sind derzeit bundesweit geplant oder
bereits im Bau. Allerdings wurden in den vergangenen anderhalb Jahren
auch acht Projekte verhindert - zuletzt in Berlin. wir-klimaretter.de
beleuchtet in einer Serie die Hintergründe und jeweiligen
Besonderheiten dieser Erfolgsgeschichten. Bei den Recherchen hat sich
gezeigt: Die Projekte scheiterten vor allem dort, wo zum
gesellschaftlichen Widerstand auch noch ökonomische Zweifel des
Investors kamen. - Teil 2: Kiel
VON WOLFGANG POMREHN
Die Erleichterung war groß, damals vor einem Jahr in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt: Anfang Februar 2008 gab Stefan Grützmacher, Vorstandsvorsitzender der Kieler Stadtwerke (49 Prozent in Kommunalbesitz, 51 Prozent MVV Mannheim) bekannt, dass die Pläne für ein neues Kohlekraftwerk auf Eis gelegt würden. Drei bis fünf Jahre sollen sie ruhen. Vertreter von Stadt, Stadtwerken und E.on (Partner der Stadtwerke bei dem Projekt) hatten sich auf ein "Moratorium" verständigt.
Greenpeace protestierte mit der "Rainbow Warrior" vor dem bestehenden Alt-Kraftwerk gegen die Kieler Kohlepläne
Das war ein schneller Erfolg für die nur ein halbes Jahr zuvor gegründete "BürgerInneninitiative umweltfreundliche Energieversorgung für die Region Kiel".
Erst wenige Tage vor dem Rückzieher hatte es eine Demonstration mit 400
Teilnehmern im ansonsten eher beschaulichen Stadtteil Dietrichsdorf
gegeben. Bei den dortigen potenziellen Kraftwerks-Nachbarn war das
Vorhaben besonders unbeliebt.
Die Gründe liegen auf der Hand: Der geplante 800-Megawatt-Klotz soll
neben das bestehende "Gemeinschaftskraftwerk Kiel" gesetzt werden, das
– ebenfalls mit Kohle befeuert – seit 1970 von E.on (bzw. dessen
Vorläufern) und den Stadtwerken betrieben wird. Allerdings ist es mit
354 MW elektrischer Leistung deutlich kleiner. Die neue Anlage würde es
erheblich überragen und den Anwohnern außerdem den Zugang zu ihrem
neuen Strand versperren. Hinzu kommen Ängste vor den wesentlich
größeren Kohlehalden, die die Nachbarschaft einstauben könnten. Der
Stadtteil liegt nämlich im Windschatten des Kraftwerks. Und nicht
zuletzt hat sich bei den Anwohnern herumgesprochen, dass auch moderne
Kraftwerke nicht nur reine Luft ausscheiden. Die Bürgerinitiative
führte Informationsveranstaltungen durch, auf denen Ärzte
und andere Fachleute über Gesundheitsgefahren durch die zu erwartenden
Feinstaub- und Schwermetallemissionen aufklärten. Bei Vollastbetrieb
wäre pro Jahr mit je 3000 Tonnen Stickoxiden und Schwefeldioxid, 300
Tonnen Feinstäuben, 2,4 Tonnen Blei, 0,4 Tonnen Arsen und je etwa
einer halben Tonne Quecksilber und Cadmium zu rechnen gewesen.
Die Gewerkschaft ver.di machte sich für die - dreckigen - Arbeitsplätze stark
Unterstützung für die Neubaupläne war hingegen vom Betriebsrat der Stadtwerke und von der Gewerkschaft ver.di gekommen, die als Gewerkschaft des Öffentlichen Dienstes traditionell im einst städtischen Betrieb stark vertreten ist. Das Argument: Arbeitsplätze müssten erhalten bleiben. Das alte Kraftwerk, das auch einen Teil der Wärmeversorgung der Landeshauptstadt abdeckt, laufe bald 40 Jahre und müsse daher irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft entweder generalüberholt oder vom Netz genommen werden. Gewerkschaftsintern gibt es allerdings heftigen Widerspruch gegen die Pro-Kohle-Position.
Um auf den öffentlichen Druck zu reagieren, hatten die Stadtwerke ein externes Gutachten
in Auftrag gegeben. Das Öko-Institut und eine Beratungsfirma prüften
sechs Ersatzvarianten für das Altkraftwerk: ein
800-MW-Steinkohlekraftwerk, einen kleineren
360-MW-Neubau, ein Erdgaskraftwerk mit 400 MW Leistung, eine
Kombination aus Gas- und Steinkohlekraftwerk mit etwa 760 MW, ein
kombiniertes Gas-, Kohle- und Biomassekraftwerk mit dezentralen
Blockheizkraftwerken (Gesamtleistung 360 MW) sowie eine komplett
dezentrale Variante mit Heizkraftwerken an verschiedenen Orten im
Stadtgebiet. Aus technischer Sicht, so die Gutachter, seien alle
Varianten möglich. Wegen Unsicherheiten bei den ökonomischen
Rahmenbedingungen (sprich: künftige Kosten für den CO2-Ausstoß
aufgrund des verschärften Emissionshandels) lautete aber die
Empfehlung: "Wenn die Investitionsentscheidung noch um drei, möglichst
fünf Jahre
verschoben werden kann, sollte diese Option genutzt werden." Man darf
annehmen, dass die Politiker kurz vor der Wahl diesem Ratschlag sehr
gern folgten.
Denn für Mai 2008, also drei Monate nach der Verkündung des Moratoriums, stand die Neuwahl der Kieler Ratsversammlung an. Und mit einem neuen Kraftwerk, das ganz offensichtlich sowohl für die Strom- als auch für die Wärmeversorgung der Stadt und ihrer Umlandgemeinden viel zu groß ist, ließ sich bei den Bürgern wenig punkten. Grüne, Linke, FDP und die Partei der dänischen Minderheit, der Südschleswigsche Wählerverband SSW, sprachen sich eindeutig gegen den Neubau. Die "Kleinparteien" erhielten bei der Wahl zusammengenommen denn auch beachtliche 37,5 Prozent der Stimmen.
Die Kohlefraktion in der SPD ist nach der Wahl auf Tauchstation gegangen
Sozial- und Christdemokraten taten sich schwerer. Die SPD versuchte den Spagat zwischen einer parteiinternen Kohlefraktion und der breiten Ablehnung der Pläne in ihrer Hochburg Dietrichsdorf. Entscheidungen über die Energieversorgung müssen "vor dem Hintergrund der Ökologie, der Ökonomie und den Interessen der Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmern getroffen werden", hieß es nebulös im Wahlprogramm. Nur die CDU sprach sich für ein "möglichst klimaneutrales Kraftwerk nach neuestem Stand der Technik" aus. Bei der Wahl verlor sie mehr als 16 Prozentpunkte ihrer Stimmen.
Mit der Wahl ergaben sich in der Ratsversammlung jedenfalls neue Mehrheiten. SPD und Grüne gingen eine Kooperation ein und werden vom SSW toleriert. Diese Mehrheit hat mit Unterstützung der Linken bald nach der Sommerpause 2008 einen expliziten Beschluss gefasst, dass in Kiel kein Kohlekraftwerk gebaut werden soll. Die Kraftwerkfreunde in der SPD sind auf Tauchstation gegangen.
Statt eines neuen Kraftwerks soll nun ein alternativer Energieplan für die
Stadt aufgestellt werden. Ziel: Die Strom- und Wärmeversorgung
möglichst dezentral und mit Ressourcen aus der Region zu decken.
Außerdem soll das Nein zum Kohlekraftwerk abgesichert werden. Im Januar
2009 hat die Ratsversammlung einen Beschluss zur Aufstellung eines
neuen Bebauungsplans für das fragliche Gelände (im Foto das alte Kraftwerk) gefasst, der den Bau
eines Großkraftwerks ausschließen wird. Demnächst starten die
öffentlichen Anhörungen, mit einer Verabschiedung ist im Herbst zu
rechnen.
Die Absage der Ratsversammlung an den Kraftwerksbau von Mitte September 2008 hat jedoch inzwischen E.on und die Stadtwerke auf den Plan gerufen. Obwohl die Stadt Kiel bei den Stadtwerken mit 49 Prozent eine Sperrminorität besitzt, will das Unternehmen es offensichtlich auf einen Konflikt ankommen lassen. Die Möglichkeit, irgendwann einmal doch ein Kohlekraftwerk zu errichten, will man sich keinesfalls versperren lassen. Man sehe sich nicht mehr an das Planungsmoratorium gebunden, heißt es inzwischen bei den Stadtwerken. Bei den Grünen geht man davon aus, dass E.on gegen den Bebauungsplan klagen wird. Vermutlich warten die Unternehmen darauf, dass die umstrittene CCS-Technologie zur Abscheidung von Kohlendioxid näherrückt - um dann einen neuen Anlauf für das Kraftwerk zu starten.
Anscheinend haben die Gegner des Kieler Kohlekraftwerks nur eine Runde gewonnen, aber noch längst nicht das ganze Spiel.
Teil 3 der Serie folgt in der nächsten Woche
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