Kopenhagen könnte Seattle fürs Klima werden
Kopenhagen, so hofft die weltweite Klimabewegung, werde für sie ein genauso wichtiges Datum Der Klimaaktivist als solcher ist eine relativ junge Erfindung. Er ist mehr als ein Öko, aber weniger als ein linker Revolutionär. Er fliegt nicht gern, isst meist vegetarisch und ist global vernetzt. Am Rande des UN-Klimagipfels von Kopenhagen, der am Montag beginnt, wird er häufig zu sehen sein.
Sie versammeln sich spontan, dringen in Verhandlungsräume ein und machen Dampf im langwierigen diplomatischen Tauziehen. Mit ihren Flashmobs und Appellen sind Klimaaktivisten die Kassandriner des 21. Jahrhunderts. "Tut etwas", tönt es aus ihren Reihen, "sonst drohen Hunger, Vertreibung, Seuchen und Krieg." In hunderten Ländern gibt es sie mittlerweile: Traditionelle Umwelt- und linke Gruppen nehmen den Kampf gegen den Klimawandel genauso auf wie neugegründete Klima-Netzwerke, die Druck auf Politiker machen. Während vor kurzem noch alle Welt von "globalisierungskritischen Gipfelstürmern" sprach, macht nun die Klimabewegung von sich reden.
Doch wo ist die neue Bewegung? Wo sind Massendemonstrationen, Straßenschlachten, Sitzblockaden oder wenigstens eine mahnende, sichtbare Präsenz? Außer durch einzelne symbolische Straßenaktionen oder Demos mit nicht sehr berauschenden Teilnehmerzahlen ist die Klimabewegung kaum sichtbar, zumindest in Deutschland nicht. Der Eindruck täusche, behaupten die Sprecher der Szene. Kopenhagen werde das "Coming Out", ist der Politikwissenschaftler und Umweltaktivist Tadzio Müller überzeugt: "Die Klimabewegung ist heute da, wo die globalisierungskritische Bewegung vor Seattle war."
Mit teils rabiater Gewalt versuchte die Polizei 1999 in Seattle, die Proteste aufzulösen (Foto: Indymedia)
"Seattle" - die Stadt im Nordwesten der USA steht für die aufsehenerregenden Proteste, bei denen dort Anfang Dezember 1999, also vor exakt einem Jahrzehnt, Zehntausende von Demonstranten eine Tagung der Welthandelsorganisation WTO lahmlegten. Tadzio Müller ist seit mehr als einem Jahr im Netzwerk Climate Justice Action (CJA) organisiert, das gemeinsam mit Leuten aus aller Welt die Proteste in Kopenhagen vorbereitet. Die Klimabewegung sei keine komplett neue Erfindung, sagt Müller, sondern eine "Fortschreibung der globalen Kämpfe". Auch er selbst ist seit Seattle in der globalisierungskritischen Bewegung aktiv. So seien - auch wenn es jetzt um den Klimawandel geht - die Argumente der Bewegung gleich geblieben: Es gehe um Gerechtigkeit - nun eben um Klimagerechtigkeit. "Jetzt reicht es nicht mehr, einfach gegen Neoliberalismus zu sein, sondern wir stellen konkrete Forderungen", meint Müller. "Wir kämpfen gezielt gegen Intensivlandwirtschaft, Landraub, für Reparationszahlungen an den Süden und dafür, dass fossile Ressourcen im Boden gelassen werden."
Ähnlich sieht es die Ikone der Globalisierungskritik, Naomi Klein. Im britischen Guardian schrieb sie Mitte November, bei der Mobilisierung nach Kopenhagen gebe es eine "Seattle quality". Die globalisierungskritische Bewegung habe sich transformiert: Dieselben Leute, die vor zehn Jahren gegen WTO, Weltbank und IWF zu Felde zogen, bastelten heute am Gelingen der Kopenhagen-Proteste mit. Als Beispiel führt sie David Solnit an, der einst zum Showdown von Seattle beitrug.
Die Klimabewegung war bisher eher schwach, ein Klimacamp in Deutschland musste 2009 abgesagt werden
Doch selbst wenn sich die Szenen personell überschneiden, ist die Klimabewegung doch aus anderem Holz geschnitzt. In Deutschland haben zum Klimacamp 2008 erstmals so unterschiedliche Gruppen wie die BUNDjugend und attac , aber auch Teile der Interventionistischen Linken wie Avanti zusammengearbeitet.

Die traditionelle Klimabewegung demonstrierte am Samstag im Glashaus vor dem Reichstag - das sich langsam mit Wasser füllte, weil die Verhandler nix zu Wege brachten. (Foto: Klima-Allianz)
"Durch die bunte Mischung der Klimabewegung leben natürlich auch wieder traditionelle Differenzen zwischen Ökos und linken Gruppen auf", meint Müller, der im Sommer vergangenen Jahres einer der Mitorganisatoren des Klimacamps in Hamburg war. Allerdings schwächelt die Bewegung in Deutschland gerade – vielleicht auch wegen ideologischer Differenzen. Die 2009er Ausgabe des Klimacamps musste abgesagt werden. Und auch auf diversen Vorbereitungstreffen zu Kopenhagen wollte nicht wirklich Stimmung aufkommen. In linken Kreisen heißt es, man erwarte hierzulande keine Massenmobilisierung nach Kopenhagen.
International, so scheint es, tut sich viel mehr. Dort sind auch radikale Aktionsformen an der Tagesordnung: Aktivisten ketten sich etwa an Kohleförderbänder - so etwas ist hierzulande allenfalls in der Anti-Atom-Szene üblich.
"Die weltweite Bewegung zur Rettung des Klimas wächst unglaublich schnell", sagt Ben Wikler, US-Kampagnenkoordinator des Netzwerkes Avaaz. Dieses Jahr gelang es der Bewegung immerhin, zwei weltweit koordinierte Aktionstage auf die Beine zu stellen: Beim "Weckruf für Kopenhagen" klingelten im September an hunderten Plätzen auf der Erde symbolisch die Wecker, um die Verhandlungsführer des Weltklimaabkommens aus ihren "Dornröschenschlaf" zu reißen. Und am sogenannten "Global-Action- Day" im Oktober formten Aktivisten in über 180 Ländern mit Menschenketten die Zahl 350. Bilder von beiden Aktionen schafften es tatsächlich in die Medien, trotz der ziemlich komplexen Botschaft wurde die Aktion zum ersten öffentlichkeitswirksamen Massenevent.

Eher brav: So sehen bislang die weltweiten Klimaproteste aus (Foto: 350.org)
Die neue Bewegung ist sehr bunt: In ihr sind alle Generationen, Linke, Mainstream-Leute, Wissenschaftler und Ökos organisiert", beschreibt Avaaz-Mann Wikler seine Gefolgschaft. Überraschen viele Menschen seien dabei, die zuvor nie politisch engagiert waren. "Anders als die globalisierungskritische und die Friedensbewegung ist die Klimabewegung nicht plötzlich als Reaktion auf etwas entstanden", meint Wikler. Sie sei langsam gewachsen und sehr lange kaum wahrnehmbar gewesen. "Durch die weltweiten Aktionstage und die geplanten Proteste in Kopenhagen wird sie nun erst sichtbar." Immer mehr Menschen hätten einfach das Gefühl, "etwas tun zu müssen".
Doch über das "etwas tun" hinaus herrscht Unklarheit in der Bewegung. Während radikale Linke die internationalen Verhandlungen schlicht ablehnen, wollen andere nur "mehr Druck" auf die Verhandlungsführer machen. Bei Strategie und Taktik ist die Szene tief gespalten: Da gibt es die etablierten Umwelt- oder Entwicklungsorganisationen, die auf klassischen Lobbyismus setzen und durch fachliche Detailarbeit auf Einzelheiten eines neuen Klimaabkommens Einfluss nehmen wollen - am anderen Ende der Protestskala rangieren fundamentale Gegner, die den regierungsamtlichen Klimaschutzweg rundheraus ablehnen. Hinzu kommt, dass sich die großen Umweltverbände mit einer Zusammenarbeit schwertun - auf dem Markt der Medienaufmerksamkeit und des Spendensammelns sind sie schließlich Konkurrenten. Den Spagat der Klimabewegung zeigt auch der linke Aufruf "Never trust a Cop" - ein Wortspiel mit dem englischen Kürzel für die UN-Klimakonferenzen und dem Kurzwort für Polizist.
Mit einem "Lümmelpaket" heizen Politik und Sicherheitsbehörden in Dänemark die Atmosphäre auf
Sicherheitsbehörden und Politik heizen - wie regelmäßig vor Anti-G8-Protesten - bereits die Stimmung auf. Bei den Klimaaktivisten gebe es ebenso einen "Schwarzen Block" und gewaltbereite Elemente, Kopenhagen werde womöglich in Brand gesetzt und das Gipfeltreffen massiv gestört. Die dänische Polizei und Justiz rüstet schon seit Monaten auf, ein "Lümmelpaket" genanntes Bündel von Gesetzesverschärfungen soll Protestierer einschüchtern.
In der Tat soll es am 12. Dezember eine Großdemonstration geben, für den Tag darauf ist eine Blockade des Kopenhagener Hafens geplant. Am 16. Dezember, so die Ankündigung einiger Protestler, werde das Konferenz-Zentrum gestürmt. Stören ja, zerstören nein - lautet bei den offiziellen Klimaaktivisten die Devise. Avaaz-Kampaigner Wikler meint, gewaltbereite Gruppen seien klar in der Minderheit. Auch Müller sagt - in bekannter attac-Manier - man wolle zivilen Ungehorsam und keine Gewalt. Naomi Klein erklärt in ihrem Artikel, dass es den Klimaaktivisten nicht um die Erstürmung des Gipfels gehe, sondern die "Öffnung des Verhandlungsraumes" - um "wirklichen" Lösungen des Klimaproblems einen Raum zu geben.
Das klang vor Seattle so ähnlich.
Lesen Sie auch die bereits erschienenen Teile des Kopenhagen-Countdown:
Teil 1: Warum Kopenhagen so wichtig ist
Teil 2: Anpassungsfonds
Teil 3: Clean Development Mechanismus
Teil 4: Technologietransfer
Teil 5: Schutz der Wälder und Böden (REDD)
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