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Ein Gouverneur der Menschen und Bäume

logo_countdown8a.pngNoch drei Tage bis zum Beginn des Klimagipfels - in einer Serie erklärt wir-klimaretter.de die Knackpunkte des Gipfels. Heute: "Reducing Emissions from Deforestation and Degradation" - kurz: REDD. Ein Fünftel der menschgemachten Treibhausgase stammt aus dem Abbrennen von Regenwäldern. Wie dies künftig verhindert werden kann, ist heftig umstritten. Eine Idee ist die Einbeziehung der Wälder in ein Emissionshandelssystem

  Von SABINE ZIMPEL 

Vor gut einer Woche diskutierten Hunderte Papuas in einem Kongresszentrum in Port Numbay, Papua Neu-Guinea, über die Zukunft ihres Waldes. Der drittgrößte Inselstaat der Welt liegt im Pazifik und bietet beeindruckende Landschaften: Gletscher und Vulkane, Mangrovenwälder und Regenwald. Dazu bringen regelmäßige Passat- und Monsunwinde tropische Regenschauer. Ein Paradies. Das verästelte Hauptgebirge mit steilen Bergen und schwer zugänglichen Tälern hat eine isolierte Stammesbildung zur Folge, die westliche Zivilisation ist weit entfernt.

Die wenigsten der Menschen hier dürften sich mit der großen Politik auskennen, und von REDD haben sie bestimmt noch nie gehört. Aber auf dem Klimagipfel von Kopenhagen geht es auch: um sie, um ihr Land, um ihren Wald. Es geht darum, wie viel ihr Wald wert ist. Beziehungsweise wieviel Geld die Regierung bekommen könnte, falls sie für den Schutz dieses Regenwaldes sorgt, statt seiner Zerstörung zuzustimmen.

Das Kürzel REDD steht für "Reducing Emissions from Deforestation and Degradation" - zu deutsch: Reduzierung der Emissionen aus Entwaldung und Bodenschädigung. In jeder Sekunde werden auf der Welt derzeit Waldflächen so groß wie zwei Fußballfelder abgeholzt. Jährlich summieren sich so 13 Millionen Hektar verlorener Wald - ein Gebiet viermal so groß wie Belgien. Riesige Kraterlandschaften entstehen, der Wasserhaushalt gerät durcheinander, und natürlich werden gigantische Mengen Kohlendioxid frei. Der Weltklimarat IPCC hat ermittelt, dass 20 Prozent der jährlich vom Menschen freigesetzten Treibhausgase allein aus der Entwaldung stammen.

Nach der Energiewirtschaft ist das die zweitgrößte Kohlendioxidquelle der Welt, weit vor der Landwirtschaft, dem Verkehr der Industrie. Und: Durch das Trockenlegen und Abfackeln der Wälder, beispielsweise auf Borneo, wird Kohlendioxid frei, das über Jahrtausende in Mooren gebunden war. Und die Mengen, die diese Moorböden aus Bäumen speichern, aus denen sie entstanden, sind wahrlich gigantisch.

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Barnabas Suebu, Gouverneur von Westpapua, sagt, dass er auch Gouverneur der Bäume ist 

Der Badeort Nusa Dua auf Bali, im Dezember vor zwei Jahren: "Ich bin der Gouverneur von Papua", ruft ein kleiner beleibter Mann vor dem Eingang des Konferenzzentrums, "ich bin verantwortlich für die Bäume!" Irritiert bleiben eilige Delegierte der Weltklimakonferenz 2007 stehen. "Ich bin zuständig für den Wald. Und für die Tiere, die in ihm leben", ruft Barnabas Suebu. "Ich bin Gouverneur, und wäre ich nur Gouverneur für die Menschen, wäre das ein einfacher Job. Aber ich bin auch für die Bäume Gouverneur. Ihr müsst mir helfen!"

In den vergangenen Jahren haben chinesische und indonesische Firmen Pläne vorgelegt, nach denen sie für mehrere Milliarden Dollar Palmölplantagen in Papua aufbauen wollen - meist dort, wo bislang noch Regenwald steht. Die Nachfrage nach Kraftstoffen aus Biomasse ist enorm. Papua befindet sich am Beginn seines ersten Investitionsrausches. "Natürlich braucht meine verarmte Provinz einen Entwicklungsschub", sagt Suebu. "Aber doch nicht so!" Er möchte, dass der Regenwald Papuas in den weltweiten Handel mit CO2-Zertifkaten einbezogen wird. Pro Einheit Waldfläche sollen Zertifikate ausgegeben werden für die darin gebundene Menge Kohlendioxid. Diese Papiere könnte Papua dann an den Börsen zu Geld machen. Industrieunternehmen aus Deutschland etwa könnten die Zertifikate kaufen und die damit verbriefte Menge Kohlendioxid daheim ausstoßen. Im Gegenzug verpflichtet sich West-Papua, die Wälder zu schützen. Per Satellit, so Barnabas Suebu Vorschlag, würde die Einhaltung der Vorgaben überprüft. 

Papua Neu-Guinea, Brasilien, der Kongo oder Indonesien - die Länder mit dem meisten Regenwald sind auch Länder, die Geld brauchen. Daraus soll REDD eine Win-Win-Situation schaffen: Gäbe man dem Wald einen Geldwert, wäre Abholzen wie das Verbrenen von Geldscheinen.

Der Emissionshandelsmarkt treibt Blüten

Kritiker halten den Emissionshandel für eine perverse Sache, und REDD ist eine weitere Blüte. Wie so oft im globalen Klimaschutz bleibt die moralische Frage: Darf man Natur in Wert setzen? Wieviel Geld soll es kosten, unsere Welt zu verschmutzen - oder sie zu erhalten?

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Tänzerinnen aus Papua begleiteten Gouvaneur Suebu ...

Der afrikanische Ausschuss der Ureinwohner, IPACC, warnt, dass ein auf dem Zertifikatehandel beruhender Mechanismus REED "die Kommerzialisierung der Natur“ vorantreibt. Weil allzuoft die Interessen des Zentralstaates vor denen örtlicher Gemeinden stehen, fürchten sie, dass von eventuellen Einnahmen kaum etwas bei der lokalen Bevölkerung ankommen wird. Wird REDD ihnen helfen im täglichen Kampf um Essen, um Bildung, um ein Dach über dem Kopf? Der IPACC mahnt deshalb bei den Planern des weltweiten Emissionshandels dringend die Kooperation mit den afrikanischen und den indigenen Völkern an. So fordern auch die Papuas auf der Konferenz "Save the people and Forest of Papua" das Ende der Diskussionen um ihren Wald, solange die Bevölkerung nicht einbezogen wird. Lautstark machen sie klar, dass sie frei sein wollen von "intellektueller Prostitution" und "Bevormundung".

Den Gegenentwurf zum Zertifikate-Wald startete vor zwei Jahren ausgerechnet die Weltbank: mit einem Fonds namens "Forest Carbon Partnership". Allerdings erstmal nur auf Probe. "Mit diesem Fonds wird es finanziell wertvoll, Wald zu erhalten, statt ihn abzuholzen", erklärt Weltbankpräsident Robert Zoellick. Nach seinen Angaben will der Fonds 200 Millionen Euro bis zum Jahr 2012 umverteilen. Aufbringen sollen diese Summe willige Geberländer - Australien, Japan, Großbritannien und die Niederlande haben bereits zweistellige Millionenbeträge zugesagt.  

Tatsächlich hat nun Norwegen das Fondsmodell offiziell in den Bali-Kopenhagen-Prozess eingebracht: einen Waldfonds, der aus Einnahmen aus dem bereit bestehenden Emissionshandel finanziert werden soll - und zwar ohne die Kohlendioxid-Vorräte in das große Handelskarrussell einzubeziehen. Mit dem Fonds sollen Wälder aufgekauft werden, um sie vor der Rodung zu bewahren. Interessanterweise wird dieser Vorschlag von Teilen der Industrie unterstützt: Würde Wald nämlich - Option 1 - in den globalen Kohlenstoff-Markt einbezogen, brächen dort die Preise wegen der großen Menge hinzukommender Zertifikate plötzlich ein. Dann könnten sich Stromkonzerne wie RWE oder Vattenfall bequem mit Waldzertifikaten eindecken, der Strom aus ihren klimaschädlichen Kohlekraftwerken bliebe weiter billig. Doch genau daran haben mittlerweile Firmen wie Siemens, Bosch & Co. kein Interesse mehr, weil sie auf dem Markt der Energie-Effizienztechnologien längst gutes Geld verdienen.

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... denn schließlich geht es darum - so dessen Argument - dem Häßlichen das Schöne entgegen zu setzen. (Fotos: Reimer, Greenpeace)

REDD hat noch viele offene Strukturfragen: Was etwa passiert bei illegalem Holzeinschlag? Ab welcher Menge ist das relevant, und wer soll das kontrollieren? Urwald bringt es naturgemäß mit sich, dass man hier von kaum kontrollierbaren Verhältnissen sprechen muss. Vielen beteiligten Experten ist noch völlig schleierhaft, wie die Zertifikate berechnet werden sollen (also wie die im Wald gebundene Menge CO2 präzise zu ermitteln wäre).

Nicht einmal die einfachste Frage ist geklärt: Was ist überhaupt "Wald"? Etliche Unternehmen und Regierung nämlich wollen auch künstliche Plantagen dazuzählen, obwohl der ökologische Nutzen solcher Monokulturen mehr als fragwürdig ist. Selbst innerhalb der EU ist man uneins über solche Fragen. REDD wird deshalb in Kopenhagen aus Sicht des Südens eines der wichtigsten Themen sein.

Der Mechanismus ist ein roher Stein, der noch geschliffen wird. Ob es dadurch ein wertvoller Edelstein wird, muss sich noch zeigen. Zuvor müssten sich die vielen, vielen Edelsteinschleifer erstmal einig werden, welcher Schliff es werden soll.


Lesen Sie auch die bereits erschienenen Teile des Kopenhagen-Countdown:
Teil 1: Warum Kopenhagen so wichtig ist

Teil 2: Anpassungsfonds

Teil 3: Clean Development Mechanismus
Teil 4: Technologietransfer  

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