"Die Klimadebatte ist in Togo angekommen"
König Fußball macht es möglich: Die ganze Welt schaut nach Afrika. Einen ganzen Monat lang bestimmt ab 11. Juni das runde Leder den Takt der Welt – und die Zeiten, in denen der Ball mal ruht, werden garantiert mit Reportagen oder Interviews aus dem Alltagsleben überbrückt. Afrika einmal nicht als Katastrophe, sondern als stolzer, selbstbewusster Gastgeber.
Auch wir-klimaretter.de schaut nach Afrika: In einer Serie betrachten wir den Kontinent im Klimawandel. Denn der Fußballzirkus wird bald weiter ziehen. Aber die Klimaprobleme bleiben. Keine anderer Region der Welt hat so unter der Erderwärmung zu leiden - und das ist erst der Anfang. Teil 5 unserer Serie : "Die Klimadebatte ist in Togo angekommen"

Der Klimawandel wird in Togo immer häufiger diskutiert. Das eindringlichste Problem ist nach Ansicht Pablo Agbogans der Schutz der Wälder und der Biodiversität. Die Naturfreunde von Togo, dessen Präsident Agbogan ist, setzen sich aktiv für die Wiederaufforstung ein und engagieren sich in der Umweltbildung.
wir-klimaretter.de sprach mit Pablo Agbogan über die Rolle des Klimaschutzes in der togoischen Gesellschaft und die Erwartungen, die er an die Europäische Union hat.
wir-klimaretter.de: Alle reden hierzulande vom Klimawandel und der Erderwärmung. Gilt das auch für Afrika beziehungsweise für Togo?
Pablo Agbogan: In Afrika und speziell in Togo sind die Eliten und die Studierenden der Hochschulen gut über das Phänomen der Klimaerwärmung informiert. Nicht nur das: Sie prangern auch die entwickelten Länder und deren Unersättlichkeit beim Energieverbrauch an.
Kann man also sagen, dass die Klimadebatte in der togoischen Gesellschaft angekommen ist?
Eindeutig: ja. Die Klimadebatte ist in der Gesellschaft Togos angekommen. Togoische Landwirte zum Beispiel stellen fest, dass der Wechsel der Jahreszeiten nicht mehr so abläuft wie früher und gehen zurecht davon aus, dass das auf unkontrollierte Holzeinschläge zurückzuführen ist. Nichtregierungsorganisationen und Medien veranstalten Meetings, bei denen es darum geht, sämtliche Bevölkerungskreise für die Schwere des Phänomens zu sensibilisieren. Allerdings hilft das nicht viel: Holz ist und bleibt wichtigste Energiequelle in Togo.
In Europa gehen wir davon aus, dass das Klimaproblem weltweit am wichtigsten ist. Was sind die dringlichsten Probleme afrikanischer Länder?
In Afrika ist das dringlichste Problem der Schutz der Wälder und der Biodiversität. Hier sind die Naturfreunde Togos besonders aktiv und veranstalten Aufforstungs- und Sensibilisierungskampagnen für die breite Landbevölkerung.
Und die erneuerbaren Energien? Spielen die eine Rolle für Togo oder für Afrika?
Die Nutzung der Sonnenenergie wäre eine Alternative zum Holz. Aber gegenwärtig haben die afrikanischen Regierungen noch keine flächendeckenden Programme für die Nutzung dieser Energie zur Verfügung, vor allem weil auch die Mittel dazu fehlen. Sie erwarten Unterstützung und Technologietransfer von den entwickelten Ländern.
In Deutschland gibt es viele politische und finanzielle Initiativen für eine nachhaltige Zukunft – insbesondere in Bezug auf erneuerbare Energien. Und Deutschland sieht sich gerne als Weltmeister im Klimaschutz und in der energetischen Entwicklung ärmerer Länder. Ist das eine Einschätzung, die afrikanische Länder mehr oder weniger teilen können?
Die Tatsache, dass Deutschland eine führende Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel beansprucht, ist zu begrüßen. Aber natürlich produziert jeder Deutsche dutzendfach mehr Treibhausgas als ein Afrikaner. Deutschland könnte noch ein Übriges tun und die tropischen Länder an seinem technologischen Vorsprung im Bereich Solarenergie teilhaben lassen. Wir sitzen alle im selben Boot, und es führt zu nichts, dass ein Land "Weltmeister" beim Klimaschutz ist – wir müssen alle Champions werden.
Was fordern die afrikanischen Länder von Europa, von den industrialisierten Ländern?
Wir möchten, dass die industrialisierten Länder sich anstrengen, um ihre Treibgasemissionen stärker zu reduzieren und dass sie auch ihren Verpflichtungen gegenüber den armen Ländern nachkommen, insbesondere was den Technologietransfer auf dem Gebiet der alternativen Energien und die Finanzierung von Aufforstungs- und Schutzprogrammen für Tropenwälder betrifft.
Die Naturfreunde Togo - die in der Landessprache CASE TOGO heißen - ist besonders aktiv in der Umweltbildung. Ist das ihre Hauptaufgabe?
CASE Togo ist eine der fünf wichtigsten Umweltschutzorganisationen des Landes. Selbstverständlich nehmen Klima und Energie einen bedeutenden Platz in unserer Arbeit ein. Das gilt auch für das Netzwerk der afrikanischen Naturfreundeverbände. Wir sehen unsere Aufgabe darin, unsere Regierungen und die entwickelten Länder dazu zu bringen, dass sie Programme für den Kampf gegen die Erderwärmung unterstützen.
Wie ist das Verhältnis von CASE Togo zur Regierung Togos?
Die togoische Regierung unterstützt Aufforstungsprogramme und trifft auch immer wieder Maßnahmen, die illegalen Holzeinschlag untersagen. Aber die Korruption des Forstpersonals ist ein Problem. CASE legt einen Schwerpunkt auf die Sensibilisierung und damit einhergehend die Wiederherstellung der Pflanzendecke.
Was macht CASE Togo nun ganz konkret?
Die Naturfreunde von CASE Togo setzen sich in erster Linie für Umweltschutz ein. Konkret heißt das: umfangreiche Aufforstungskampagnen mit Freiweilligen, Förderung eines umweltfreundlichen Tourismus und Umweltbildung an Schulen. Ganz praktisch heißt das, dass wir im jeweiligen Schulgelände Mülleimer aufstellen, Diskussionsrunden über Umweltthemen veranstalten und die Schüler für das Anlegen von Baumschulen ausbilden.
Gibt es Projekte, für die Sie Hilfe der europäischen Naturfreundebewegung genießen?
Die europäischen Naturfreunde unterstützen das Projekt „Bäume pflanzen – Flüsse retten“. Mit dieser Unterstützung können wir jährlich ungefähr 15.000 Setzlinge an Flussufern in Togo auspflanzen. Wir haben der Naturfreunde-Internationale auch einen Projektentwurf für ein Umweltbildungsprogramm vorgelegt, das zum Ziel hat, unsere Sensibilisierungsarbeit angesichts der Umweltherausforderungen des 21. Jahrhunderts für die Schuljugend auf eine breitere Basis zu stellen. Im Moment ist die Finanzierung dieses Projektes noch nicht gesichert und wir warten also ab. Das gleiche gilt noch für ein weiteres groß angelegtes Projekt zur Bepflanzung von Flussufern. Jede Hilfe vonseiten deutscher Naturfreunde für unsere Projekte ist also höchst willkommen.
INTERVIEW: NINA WETTERN
Infokasten: Naturfreunde
Die Naturfreunde-Bewegung wurden im September 1895 von dem sozialistischen Lehrer Georg Schmiedl in Wien ins Leben gerufen. Die Idee war, Arbeiter aus der damals dreckigen Stadt in die Natur zu bringen. Weil das oft mit einer Übernachtung verbunden war, entstanden die ersten Naturfreunde-Häuser. Und weil es wichtig war, die Wege dahin zu pflegen und den ersten Müll aus der Natur wieder einzusammeln, wurden die Naturfreunde zum ersten Umweltschutzverband.
Von Österreich aus schwappte die Idee nach München und verbreitete sich dann in ganz Europa. 1933 hatten die Naturfreunde rund 200.000 Mitglieder in 22 Ländern. Während der nationalsozialistischen Herrschaft war die Organisation in Deutschland verboten, die Mitglieder wurden verfolgt, die Naturfreundehäuser beschlagnahmt.
Heutzutage zählen die Naturfreunde unter dem Dachverband Naturfreunde Internationale (NFI), 500.000 Mitglieder in 21 Ländern, darunter fast 100.000 in Deutschland.
Bislang in unserer Afrika-Serie erschienen:
Teil 1: Afrika im Klimastress: Die Flucht vor dem Klimawandel
Teil 2: Burkina Faso: Sahelpflanzen wandern gen Süden
Teil 3: Ich hatte 150 Kühe. Eine Reportage aus dem Süden Kenias
Teil 4: Begehrlichkeiten am Okawango - Afrikas Wasser-Probleme
Teil 5: Umweltbildung: "Die Klimadebatte ist in Togo angekommen"
Teil 6: Fußball sehen mit der Sonne
Teil 7: Kongo: Wenn Bauern zu Köhlern werden
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