Smart Metering: "Big Brother" im Stromzähler?
Sie sollen den Energieverbrauch in Haushalten gezielter steuerbar machen und die Umstellung auf erneuerbare Energien voranbringen: Die Frage, wie die "intelligenten Stromzähler" es dabei mit der Privatsphäre des Verbrauchers halten, wurde in Berlin auf der Blogger-Konferenz re:publica diskutiert: Sollten Stromkonzerne tatsächlich detaillierte Informationen über den Stromverbrauch jedes Einzelnen in die Hand bekommen?
Aus Berlin Hanno Böck
Seit Jahresbeginn müssen in Neubauten sogenannte intelligente Stromzähler installiert werden. Wurde mit dem alten Drehstromzähler bisher lediglich der jährliche Verbrauch erfasst, sollen durch die digitalen Zähler bald deutlich detailliertere Daten zur Verfügung stehen. Übermittelt werden dieses Angaben dabei alle 15 Minuten oder gar in Echtzeit. Die modernen Stromzähler sollen es Verbrauchern ermöglichen, ihren Stromverbrauch selbst zu steuern – wenn die Sonne scheint und somit mehr Solarstrom im Netz verfügbar ist, könnten etwa Waschmaschinen durch ein Signal vom Stromnetz gezielt angeschaltet werden. Strom könnte billiger sein, wenn Überschüsse im Netz vorhanden sind.

Das Profil eines neuen und eines alten Kühlschranks. (Bild: flukso.net)
Zunächst liefern die neuen Zähler dem Verbraucher mehr Informationen über den eigenen Verbrauch – und können ihn damit zum Stromsparen animieren. Dagegen haben auch Datenschützer wenig einzuwenden – wenn die Daten ausschließlich beim Verbraucher selbst bleiben. Werden diese jedoch automatisch an die Stromkonzerne geliefert, entstehen große Datenbanken, die dem Stromanbieter genaue Auskunft über viele persönliche Verhaltensweisen geben. Der Stromverbrauch verrät zum Beispiel wann Menschen zu Bett gehen, frühstücken, fernsehen oder die Waschmaschine anstellen: "Es ist unerlässlich, dass die Verbraucher selbst die Hoheit über die Daten haben", forderte deshalb Frank Rieger vom Chaos Computer Club auf der re:publica, "wir müssen Datenschutz in diese Technologien mit einbauen."

Ein intelligenter Stromzähler. (Foto: J JMesserly, Wikipedia)
Wie schützt man bei der Rettung der Welt die Privatsphäre des Verbrauchers? Neu ist die Debatte um die intelligenten Zähler jedenfalls nicht: Bereits 2008 ging der Datenschutz-Negativpreis "Big Brother Award" an Yello Strom, weil sie intelligente Stromzähler installiert hatten, ohne den Kunden über die Datenschutzimplikationen aufzuklären. Nach Einschätzung des unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein ist die Erfassung des privaten Stromverbrauchs nur dann zulässig, wenn der Kunde explizit eingewilligt hat – ansonsten verstoße sie gegen das Bundesdatenschutzgesetz.
Aber nicht nur die großen Stromversorgern, auch eine ganze Reihe von Startup-Firmen und Projekten arbeitet bereits an "intelligenten" Alternativen für das Stromnetz. Am Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik in Kaiserslautern startet etwa gerade das Forschungsvorhaben mySmartGrid: Unnötige Datenerhebung soll dabei vermieden werden. Sämtliche Technologien sind zudem für den Verbraucher transparent dokumentiert und basieren auf "OpenSource"-Technologie – was bedeutet, dass auch andere Projekte die Entwicklungen kostenfrei nutzen können. Das System soll in einem ersten Testlauf zunächst in 1.000 Haushalten installiert werden. Das Projekt setzt dabei auf den Flukso, ein belgisches Projekt, welches Stromzähler zum Selbstkostenpreis vertreibt. Ein ähnliches Projekt ist der Volkszähler - Den kann man jedoch nirgends kaufen, sondern nach Anleitung selber bauen.

Der OpenSource-Stormzähler Flukso. (Foto: flukso.net)
Neben der Datenschutzproblematik sprechen jedoch auch andere Gründe dafür, den Aufbau des Smartgrids nicht den Energiekonzernen alleine zu überlassen. Diese betreiben vor allem Grundlastkraftwerke, also Atom- und Kohlekraftwerke, deren Verbrauch sich nicht flexibel regulieren lässt und die - wenn sie wirtschaftlich betrieben werden sollen - auch bei niedrigem Stromverbrauch in der Nacht auf Volllast laufen müssen. Intelligente Stromnetze könnten auch dazu dienen, den überschüssigen Grundlaststrom nachts besser zu verkaufen – ähnlich der schon lange bekannten Nachtspeicherheizungen, von denen vor allem Atomkraftwerksbetreiber profitieren. Ob ein intelligentes Stromnetz alte Grundlastkraftwerke oder erneuerbare Energien bevorzugt, hängt von vielen Details ab – und möglicherweise auch davon, wer sie aufbaut und konzipiert.
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