Vorerst kein Blauer Engel für Ökostrom
"o.k.power", "Grüner Strom Label", "RECS" - eine ganze Reihe von Siegeln, Labeln und Zertifikaten für Ökostrom soll dem Verbraucher eigentlich Vertrauen einflößen. Stattdessen ist ob der Vielfalt die Verunsicherung groß: Mit einem "Blauen Engel" für Ökostrom wollte das Umweltbundesamt Abhilfe schaffen. Jetzt setzt die Behörde das Projekt aus, weil sie sich mit offenbar unlösbaren Hürden konfrontiert sieht. Damit liegt nun der Ball wieder bei der "Jury Umweltzeichen", die vor zweieinhalb Jahren den Prüfauftrag ausgesprochen hatte. Im Juni findet das nächste Treffen statt
VON NICK REIMER
Gern und oft wird behauptet: Die Energiewende ist ganz einfach. Würden alle Verbraucher auf Ökostrom umsteigen, hätten die Kohle- und Atomstromproduzenten niemanden mehr, dem sie ihr Produkt verkaufen können. Die Kampagne "Atomausstieg selber machen" ruft beispielsweise ab Samstag wieder einmal zu einer bundesweiten Ökostrom-Wechselwoche auf. Die wichtigste Unterschrift gegen die Atomindustrie sei die unter dem Vertrag eines Ökostromanbieters, heißt es in dem am Dienstag in Berlin verbreiteten Aufruf. Wer weiterhin monatlich Geld für Strom an Eon, RWE, Vattenfall oder EnBW überweise, unterstütze damit deren Konzernpolitik.

Ganz einfach also, könnte man meinen - befindet sich in Wirklichkeit jedoch schon mitten im Schlamassel: Was bitte schön ist überhaupt richtiger Ökostrom? Und vor allem: Wer im undurchsichtigen Dschungel der bundesweit über 900 Stromlieferanten bietet solchen an?
Das Umweltbundesamt UBA untersucht diese Frage, seitdem die "Jury Umweltzeichen" vor zweieinhalb Jahren einen Prüfauftrag für einen Blauen Engel aussprach. Das heißt: Die Behörde wurde gebeten, Kriterien zu erarbeiten, an denen man korrekten Ökostrom erkennen könnte - diese Angebote sollten dann mit dem bekannten "Blauen Engel" markiert werden. Nun aber hat das UBA aufgegeben. "Die Arbeiten an den Vergabekriterien eines Blauen Engel für Ökostrom ruhen", bestätigt Hans Hermann Eggers vom Fachgebiet Ökodesign der Dessauer Behörde. Gegenüber wir-klimaretter.de erklärt der zuständige Umweltbeamte, es gebe eine Reihe von Problemen, die nicht zu überwinden seien.
EEG-Strom darf kein Ökostromzertifikat tragen
Die Liste der Schwierigkeiten ist aber auch wirklich lang: "Beispielsweise gibt es gemäß Erneuerbaren Energiengesetzes (EEG) ein so genanntes Doppelvermarktungverbot", erklärt Eggers. Der Strom aus all den Windrädern, Biogas-Anlagen und Solarparks, die mit der Einspeisevergütung nach EEG gefördert werden, dürfen nicht nochmal als Ökostrom vermarktet werden. Und folglich auch den Blauen Engel nicht tragen. Denn dieser soll ja Kunden dazu animieren, für besonders grünen Strom einen freiwilligen Aufpreis zu zahlen - bei EEG-Strom würden die Hersteller dann doppelt kassieren. Zu gut deutsch: Entweder Förderung nach dem EEG oder Förderung durch Ökostromzertifizierung.
Daraus folgt die paradoxe Lage, dass etwa 99 Prozent des in Deutschland produzierten Ökostroms gar kein "Ökostrom" im engeren Sinne sind, sondern sogenannter "EEG-Strom". Und EEG-Stromdarf darf eben kein Ökostromzertifikat tragen. Ein dem Verbraucher schwer zu vermittelndes, fast schon absurdes Problem.
Der Streit um den Blauen Engel für Ökostrom hat eine lange Geschichte. Zur Zuspitzung kam es im vergangenen November. Da hatten die Fachleute des Umweltbundesamtes bereits seit rund zwei Jahren Sitzungen veranstaltet, Prüfaufträge vergeben, Meinungsverschiedenheiten verschiedener Anbieter von Öko- und Normalstrom moderiert - und dann ging in Dessau ein Brief des Labels "Grüner Strom" ein. Darin wurde das Umweltbundesamt wegen der geplanten Vergabekriterien scharf angegriffen. "Nach diesen Richtlinien hätten die von uns zertifizierten Anbieter keine Chance gehabt, den Blauen Engel für Ökostrom zu bekommen", sagt Dietmar Oeliger - er ist stellvertretender Vorstand des Vereins und langjähriger Mitarbeiter des Naturschutzbundes.
Es mangelt nicht an Labeln, sondern an Klarheit
Es gibt bereits verschiedene Verbraucherkennzeichen, die ökologisch korrekten Strom kennzeichnen sollen. Daran erkennt man das Problem: Viele Verbraucherkennzeichen verunsichern den Verbraucher mehr, als das sie ihn versichern. Da ist zunächst das "o.k. power"-Label, das unter anderem vom Ökoinstitut und vom Umweltverband WWF getragen wird. Anbieter mit diesem Siegel müssen beispielsweise nachweisen, dass ein Drittel ihres Ökostroms aus Anlagen stammt, die nicht älter als sechs Jahre sind. Erstaunlicherweise tragen gleich sechs Vattenfall-Produkte das o.k.power-Siegel.
"Das Grüne-Strom-Label garantiert, dass die Energiewende vorangetragen wird", sagt Daniel Craffonara, Geschäftsstellenleiter des Grüner-Strom-Labels (GSL), dem zweiten
Verbraucherkennzeichen. Klingt fast so, als wenn das o.k.-power-Label dies nicht tut. Jedenfalls erklärt Craffonara den Unterschied so: GSL arbeite nach dem Fonds-Modell. "Je Kilowattstunde zertifiziertem Strom wird 1 Cent in einen Fonds eingezahlt, der dann in neue grüne Erzeugungsanlagen geht." Damit sei das GSL das wahre Label der Energiewende: Wer solchen Strom bezieht, der finanziere tatsächlich den Neubau von Anlagen für Erneuerbare Energien.
Im vergangenen Jahr hat GSL etwa 230 Gigawattstunden Strom zertifiziert. Weil Großkunden Rabatte erhalten, kommen dabei aber nicht automatisch 2,3 Millionen Euro zusammen. Und um ein Gefühl für diese Summe zu bekommen: Für 2,3 Millionen Euro kann man zwei mittelgroße Windräder aufstellen.

Um die Verwirrung perfekt zu machen, gibt es ein drittes Ökostromzertifikat - das Renewable Energy Certificates System, kurz RECS. In Deutschland wurde die Trägerorganisation unter anderem von den Energiekonzernen Eon, RWE und Vattenfall gegründet. RECS funktioniert so: Ökostromerzeuger erhalten Zertifikate pro Kilowattstunde produzierten Stroms. Diese Zertifikate können sie frei handeln - RECS zertifiziert also lediglich, dass eine bestimmte Menge Ökostrom irgendwo tatsächlich produziert und ins Netz eingespeist wurde. Wer ein Zertifikat kauft, hat damit das Recht, die entsprechende Menge eigenen Stroms als Ökostrom zu verkaufen. Durch die Zertifizierung soll sichergestellt werden, dass keine Doppelvermarktung von Ökostrom stattfindet.
Ein "Blauer Engel" auch für Vattenfall?
"RECS-Zertifikate erlauben es somit, fossil erzeugten Strom in Ökostrom umzuwandeln", sagt Hans Hermann Eggers vom Umweltbundesamt. Aber natürlich hätten im Streit um den "Blauen Engel" für Ökostrom die RECS-Zertifizierer darauf gedrungen, dass auch ihr Strom "grün" ist. Daneben gab es bei den Sitzungen der verschiedenen Ökostrom-Anbieter immer wieder auch Streit um scheinbare Detailfragen: Wie genau müssen Wasserkraftwerke aussehen, damit sie keine Gefahr für die Fische im Wasser darstellen? Ist nur das Produkt relevant für die Vergabe des Gütesiegels - oder auch andere Aktivitäten der Anbieterfirma? Dürfe beispielsweise Vattenfall sich mit dem "Blauen Engel" schmücken, nur weil es auch ein bisschen Ökostrom erzeugt - wo doch der weitaus größte Anteil des Vattenfall-Stromes hierzulande aus dreckigen oder riskanten Braunkohle- oder Atomkraftwerken stammt...
Die Suche nach einem Kriterienkatalog für eine Vergaberichtlinie sei ein "anspruchsvoller Prozess gewesen", formuliert Hans Hermann Eggers diplomatisch. Die Verhandlungen wurden nun vorerst gestoppt.
Was aber nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass ein "Blauer Engel" für Ökostrom damit gestorben ist: Die Jury Umweltzeichen, das Aufsichtsgremium des Blauen Engels, muss nun auf ihrer nächsten Sitzung im Juni entscheiden, wie mit dem misslungenen Verfahren weiter umgegangen wird. Eggers: "Das es ein großes Interesse an mehr Klarheit für Ökostrom gibt, dass zeigt sich an den Anfragen, die immer wieder bei uns einlaufen."
Sichere Bank: Die vier von Umweltverbänden empfohlenen Anbieter
Gültig bleibt somit einstweilen: Vier bundesweite und unabhängige Ökostromanbieter werden von einem Bündnis aus 21 Umweltverbänden empfohlen - sie liefern nicht nur sauberen Strom und halten sich fern von jeglichen klimaschädlichen Geschäften, sie fordern auch politisch immer wieder eine Energiewende. Wer sicher sein will, der Umwelt etwas gutes zu tun, der solle zu Lichtblick, Greenpeace Energy, Energiewerke Schönau oder Naturstrom wechseln.
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