Cebit - Stromfresser bleiben inkognito
Auf der wichtigsten Messe der digitalen Industrie ist auch in diesem Jahr die "Green IT" ein Schwerpunkt. Um als Verbraucher bei Computer & Co. einen Überblick über Stromfresser und Stromsparer zu haben, fehlt es jedoch noch immer an einer einheitlichen Kennzeichnung. Umweltverbände fordern ein EU-weites Verbrauchslabel
Von SARAH MESSINA
Bis Samstag dreht sich auf der Cebit in Hannover alles um High-Tech: Rund 4.150 Unternehmen aus 68 Ländern präsentieren auf einer Ausstellungsfläche von 180.000 Quadratmetern Produkte und Neuheiten der Informations- und Unterhaltungstechnologie. Dass die einst bestaunten Flachbildschirme, Notebooks und Mobiltelefone heute jedoch längst Alltag geworden sind, beweisen nicht zuletzt die sinkenden Besucherzahlen der Messe.

Für die "Grüne IT", die auch in diesem Jahr wieder ein Schwerpunktthema der Cebit ist, mausert sich die Technikbegeisterung der Deutschen nicht erst seit gestern zur größten "grünen Herausforderung" der Branche. Nach aktuellen Erhebungen des Fraunhofer Instituts fressen Computer & Co. jährlich bereichts mehr als zehn Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland – Tendenz steigend. Neu ist diese Entwicklung nicht: Schon im letzten Jahr gab das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) ähnliche Zahlen zur Cebit heraus: Die Informations- und Kommunikationstechnologie ist demnach für jährlich 33 Millionen Tonnen Kohlendioxid verantwortlich. Zehn Kraftwerke mittlerer Größe laufen heute allein für Computer und andere ITK-Geräte.
Während es in Sachen Energieeffizienz von Rechenzentren vorangeht und dadurch Strom und Kosten gespart werden, fehlt es noch immer an Informationen zu Effizienz und Stromverbrauch für Privathaushalte, kritisieren Umweltverbände der Kampagne "Energieeffizienz – jetzt!". Damit Verbraucher schon beim Kauf einen Überblick über Stromfresser und Stromsparer haben, fordern sie neben EU-weiten Effizienzstandards auch eine klare Effizienzkennzeichnung.

"Spiele-Computer verbrauchen mitunter 600 Kilowattstunden jährlich und damit soviel wie ein Haushaltsgroßgerät“, sagt etwa Effizienz-Experte Christian Noll vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Während es für solche "Haushaltsgroßgeräte" wie Kühlschränke, Waschmaschinen und auch Fernseher aber das bekannte EU-Effizienzlabel mit der bunten Skala A bis G (und mittlerweile einigen Zusatzklassen) gibt, sucht der Verbraucher eine solche Kennzeichnung beim Computerkauf vergeblich.
Gesiegelt und gelabelt wird bereits heute vom blauen Engel über den Energy Star bis hin zu einem Stromverbrauchsetikett der Computerbild, dass pünktlich zur Cebit vorgestellt wurde - jedoch meist auf freiwilliger Basis und damit oft nur, wenn es dem Hersteller gelegen kommt. Geht es um eine verpflichtende und einheitliche Kennzeichnung von Effizienz und Stromverbrauch, scheint die EU überfordert. Das liegt nicht nur daran, dass Computer nicht Computer ist und einzelne Komponenten wie Prozessoren entsprechend den Käuferwünschen variieren können, erklärt Noll. Die Branche entwickelt sich auch zu rasant: Die Debatte der EU zur Effizienzbilanz von Computer und Co. kommt dabei offenbar nicht hinterher.

Dass die Geräte auf dem Markt dabei noch längst nicht grün sind, zeigt auch der "Ratgeber zur Grünen Elektronik" der Umweltorganisation Greenpeace, der quartalsweise herausgegeben wird und die größten Hersteller zu Energieverbrauch, aber auch Chemikalien, Lebensdauer und Recyclingfähigkeit evaluiert. Nur zwei Hersteller haben es bei der letzten Erhebungen in den "grünen Bereich" geschafft, während andere sich hartnäckig auf den Letztplatzierungen des Ranking halten.
Ein Grund mehr für ein Pflichtlabel: "Klare Kennzeichnungen geben Verbrauchern eine Orientierung und motivieren die Hersteller, effizientere Produkte zu entwickeln", sagt Agnes Sauter, Leiterin Verbraucherschutz der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Um Verbraucher mit verlässlichen und vergleichbaren Informationen an die Hand zu nehmen, müsse es eine Kennzeichnung nach dem "Top Runner Standard" geben, der die Marktlage regelmäßig unter die Lupe nimmt und nur die besten Geräte mit der Effizienzklasse A kennzeichnet.

Besonders ineffiziente Geräte sollen dabei in jedem Überprüfungsturnus vom Markt genommen werden: "Sowohl die Verbraucher als auch das Klima profitieren, wenn die größten Stromfresser erst gar nicht in den Handel gelangen", so Noll. Die EU kommt im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie aber nur langsam voran: Ab Januar 2010 gelten etwa für neu auf den Markt gebrachte Computer und andere Geräte immerhin Höchstgrenzen für den Standby-Verbrauch.
Unter dem Blickwinkel "Greener through IT" hat in diesem Jahr auch das so genannte Smart Metering mit digitalen Stromzählern seinen Weg auf die Messe gefunden. Durch intelligente Stromzähler sollen Haushalte einen detaillierteren Überblick über ihren Energiekonsum bekommen und ihren Stromverbrauch besser steuern können - für Neubauten ist der intelligente Stromzäher in Deutschland seit 1. Januar 2010 bereits Pflicht. In Sachen Computer & Co. wird dem Verbraucher jedoch offenbar auch künftig erst beim Blick auf die Stromrechnung ersichtlich, wie Energiefresser im Haushalt zu umschiffen sind.
Kaufempfehlungen für effiziente Computer und Notebooks geben zum Beispiel die Ecotopten oder der blaue Engel
Die Cebit öffnet noch bis zum 6. März in Hannover ihre Pforten für Technik-Begeisterte. Mehr dazu HIER
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