Die Angst vor der Sanierung
In der energetischen Gebäudesanierung stecken große Klimaschutzpotenziale. Leider erweisen sich die Deutschen als Sanierungsmuffel - trotz Förderungsmöglichkeiten durch die KfW. Eine Studie weiß Rat: Potenziellen Sanierern müsste die Angst vor der Baumaßnahme genommen werden. Campact ruft zur Aktion gegen Kürzung bei Förderprogrammen auf
Aus Berlin Lars Dittmer
Wenn weiterhin in so geringen Raten energetisch saniert wird, dann lassen sich die deutschen Klimaschutzziele nie erreichen", urteilt Dietrich Rabenstein, emeritierter Professor für Bauphysik an der Universität Hamburg. In der Tat: Gerade einmal 1 Prozent des bundesdeutschen Gebäudebestands werden jährlich energetisch saniert - möglich wären aber mindestens 3 Prozent, schätzen Experten. Am Geld allein mangelt es nicht, zeigt nun eine Untersuchung des Instituts für ökologische Wirtschaftsförderung (IÖW) und des Instituts für sozio-ökologische Forschung (ISOE). Es müsste "passgenauer" auf die Sanierer zugegangen werden.

In der Studie "Handlungsmotive, -hemmnisse und Zielgruppen für eine energetische Gebäudesanierung" wurden rund 1.000 Ein- und Zweifamilienhausbesitzer befragt, die binnen der letzten vier Jahre ihre Häuser saniert hatten. 60 Prozent von ihnen antworteten, dass nun keine weiteren Maßnahmen von Nöten seien - obwohl viele von ihnen ihr Haus energetisch nicht anspruchsvoll hatten sanieren lassen. "Es ist dramatisch, wie viele Hausbesitzer ihre Lage verkennen", beklagte Dr. Immanuel Stieß vom ISOE. Auch für das Klima sei dies schlecht.
Um das Klimaschutzziel des Jahres 2050 zu schaffen - bis dato muss der deutsche Treibhausgasausstoß auf mindestens 80 Prozent unter das Niveau von 1990 gesenkt werden - ist notwendig, komplett auf fossile Heizenergie zu verzichten. Das geht aus der Studie "Modell Deutschland - Klimaschutz bis 2050" hervor. Technisch ist das heute mit den Passivhäusern schon machbar.
Man überlege sich: Drei Viertel des deutschen Wohnbestands sind vor 1978 gebaut worden. Viel Energie entschwindet hier durch ungedämmte Wände und zugige Fenster wieder in die freie Natur. Das Klimaschutzpotenzial ist gewaltig.
Um dieses Potential zu heben, gibt es Förderprogramme der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Sanierungswilligen greift die KfW mit zinsvergünstigten Krediten von bis zu 50.000 Euro oder Zuschüssen von bis zu 8.750 Euro pro Wohneinheit unter die Arme. Im Jahr 2009 waren so 8,9 Milliarden Euro für das Gebäudesanierungsprogramm verteilt worden - Emissionsreduktionen von 1,5 Millionen Tonnen standen dem als Erfolg entgegen, verkündete die Bank.
Dennoch liegen viele Energieeinsparpotenziale brach, behaupten die Autoren der Studie. Und trotz der hohen Kosten für eine energetische Rundumerneuerung - zwei Drittel der Befragten lehnen eine Kreditaufnahme für eine Sanierung ab - spielen nicht allein finanzielle Gründe bei der Verweigerung vieler Hausbesitzer eine Rolle.
So würden potenzielle Sanierer von den zahlreichen Fragen, die ein solcher Eingriff mit sich bringt, abgeschreckt. Sich plötzlich auftürmende Kosten, Überforderung bei Planung und Durchführung, unseriöse Anbieter - diese Ängste wurden in der Untersuchung häufig geäußert. Zwar gibt es in vielen Städten und Kommunen umfangreiche Energieberatungsangebote. Diese werden allerdings meist von Ingenieuren und Architekten aus der freien Wirtschaft durchgeführt und können teuer werden. Der Otto-Normal-Sanierer steht diesen Angeboten skeptisch gegenüber, vermerkt die Studie.
Energieberatung der Kommunen fühlte sich seriöser an
"Hier müssten Städte und Kommunen durch kostenfreie, persönlich zugeschnittene Angebote eingreifen," empfielt Experte Rabenstein. Das fühle sich seriöser und offizieller an - viele Ängste potenzieller Sanierer liessen sich so abbauen.
Es besteht Nachholbedarf: Nicht einmal eine (entgeltliche) Energieberatung erhält man in allen Kommunen. Manche Städte tun sich zwar durch mehr oder minder sinnvolle Pilotprojekte hervor. So können Münsteraner etwa ihr Haus termografisch untersuchen lassen - leider aber auch nicht gratis. Denn Fakt ist natürlich auch, dass viele Kommunen klamme Kassen beklagen.

Zeigt genau, wo's zieht - termografisches Bild eines Gebäudes in Münster (Foto: Münster.de)
"Das Land Berlin hatte lange Zeit ein Deluxe-Energieberatungsprogramm angeboten, völlig kostenfrei" erinnert sich Klaus Kist, Referent für Energiemanagement der Berliner Senatsverwaltung. Sowohl informell als auch projektbezogen sei Sanierungswilligen damals mit Rat und Tat beiseite gestanden worden. Doch Mitte der 1990er Jahre wurde das Programm eingestampft - eine Sparmaßnahme des damaligen großkoalitionären Senats.
Ob vielleicht im Rahmen des Berliner Energiekonzepts, das derzeit in Planung ist, wieder eine Gratis-Beratung eingeführt wird, wisse Kist noch nicht. "Ich glaube dem Senat erscheinen angesichts von 61 Milliarden Euro Schulden andere Probleme dringlicher." Dabei würden sich Energieberatungen, die zu einer Erhöhung der Sanierungstätigkeit führen, über höhere Gewerbesteuern für die Kommunen mehr als refinanzieren.
Angesichts leerer Kassen will auch die Bundesregierung die Mittel zur energetischen Gebäudesanierung kürzen. Am kommenden Mittwoch will der Bundestag den neuen Haushaltsplan beraten. Das online-Netzwerk campact hat deshalb eine Eilaktion gestartet. Mehr dazu erfahren Sie HIER.
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Nun ist es höchstamtlich: Zwar verkauften deutsche Stromkonzerne im ersten Halbjahr 2011 nicht einmal mehr halb soviel Strom ins Ausland wie im gleichen Zeitraum 2010. Deutschland ist aber nicht abhängig von tschechischem oder französischem Atomstrom. Umweltpolitiker von CDU und CSU wollen plötzlich sogar weltweit aus der Atomkraft aussteigen: Auf einer Tagung zur Energiewende in Hamburg beschließen sie eine Resolution zur Energiewende in Deutschland.
Wegen einer Überschwemmung des Marktes sind die Preise für CO2-Zertifikate im Keller. Das merkt nun auch der Finanzminister, er hat zuwenig Geld für den Energie- und Klimafonds der Regierung. Als Konsequenz gibts 2012 erstmal nur halb soviele Mittel für das erfolgreiche CO2-Gebäudesanierungsprogramm der KfW - ein weiterer Rückschlag für die Energiewende.
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