Wüstenstrom statt Flüchtlingsboote
Ein Netz aus Windparks und Sonnenkraftwerken soll Nordafrika, den Nahen Osten und zu einem kleineren Teil auch Europa mit Strom versorgen. Das Projekt mit dem Namen Desertec ist aber nicht nur energiepolitisch interessant. Es bietet die Chance Europas südliche Nachbarländer zu stabilisieren. Am Mittwoch wird das Projekt als "Ausgewählter Ort" ausgezeichnet
Aus Bangkok Christian Mihatsch
"Um unsere Interessen zu schützen und unsere Werte zu verbreiten, müssen wir uns im Ausland engagieren. Niemand kann in einem Meer aus Unsicherheit und Ungerechtigkeit auf eine Insel der Stabilität und des Wohlstands hoffen." Mit diesen Worten hat Catherine Ashton, die neue EU-"Aussenministerin", letzte Woche vor dem EU Parlament erklärt, warum Europa eine starke Außenpolitik braucht. Und dazu gehört neuerdings auch eine gemeinsame Energie-Außenpolitik.

So könnte eine mögliche Infrastruktur einer nachhaltigen Stomversorgung in Europa, dem Nahen Osten und Nord-Afrika aussehen: Blau sind Windfarmen, rot die solarthermischen Sonnenkraftwerke, gelb die Photovoltaik, grün die Biomasse, hellblau die Wasserkraft und braun steht für die Geothermie. (Foto: Desertec Foundation)
Wer hier allerdings nur an die europäische Abhängigkeit von russischem Erdgas denkt, übersieht die für Europas Sicherheit wohl relevantere Region, die südlichen Mittelmeeranrainer in Nordafrika und im Nahen Osten. Auch kann es in Zeiten des Klimawandels bei der EU-Energie-Außenpolitik nicht allein um die Versorgungssicherheit Europas gehen. Ein mindestens gleichwertiges Ziel muss der klimafreundliche Umbau der Volkswirtschaften der Mittelmeeranrainer sein. Dies gilt umso mehr, als dass der Energiebedarf in diesen Ländern rasant wächst: Die Bevölkerung Nordafrikas wird sich bis 2050 im Vergleich zu 1995 auf 317 Millionen verdoppeln und diese Menschen brauchen alle Jobs, also Wirtschaftswachstum.
Gleichzeitig wird nicht zuletzt wegen des Klimawandels das Wasser knapp und die energieintensive Entsalzung von Meerwasser immer wichtiger. Wenn das Mittelmeer nicht zu einem "Meer aus Unsicherheit" werden soll, muss die europäische (Energie-) Außenpolitik daher auch auf die Versorgungssicherheit der südlichen Mittelmeeranrainer abzielen. Denn ohne eine stabile Energieversorgung werden sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Wasserversorgung unterminiert. Und dies beeinträchtigt schließlich Europas Sicherheit. Schon heute riskieren Tausende ihr Leben auf seeuntauglichen Booten, um über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.
Zum Glück beruht der Erfolg der europäischen Energie-Außenpolitik gegenüber den südlichen Mittelmeeranrainern aber nicht allein auf dem diplomatischen Geschick von Ashton. Im Gegenteil: Während die EU-Mittelmeerunion seit dem Gazakrieg keine nennenswerten Fortschritte zu vermelden hat, treibt derzeit die Industrie die EU-Energie-Außenpolitik in der Region voran. Die Rede ist von TREC, der Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation.
Gegründet wurde das Projekt 2003 vom Club of Rome, dem Hamburger Klimaschutz-Fonds und dem Jordanischen Nationalen Energieforschungszentrum (NERC). Gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) wurde daraus das DESERTEC-Konzept entwickelt: Nordafrika, Europa und der Nahe Osten soll mit einem Netz aus Windparks und solarthermischen Kraftwerken überzogen werden, um so nachhaltig Energie zu erzeugen. Später stiegen dann Firmen wie der deutsche Rückversicherer Munich Re oder Siemens mit ein.
Außerdem sollen die Länder untereinander und mit Europa durch ein leistungsfähiges Stromnetz, ein Supergrid, verbunden werden. Dieses Netz soll schließlich das Rückgrat für einen gemeinsamen Markt für erneuerbare Energien bilden. Bis 2050 sollen so ein Großteil des Strombedarfs Nordafrikas und des Nahen Ostens, sowie 15 Prozent des europäischen Strombedarfs mit "Wüstenstrom" gedeckt werden. Insgesamt aber ist das Potential viel gräßer. Eine Greenpeace-Studie hatte ergeben, dass ein Viertel des weltweiten Strombedarfs künftig aus solarthermischen Kraftwerken gedeckt werden könnte.
Als vor knapp einem Jahr erstmals ein Wirtschaftskonsortium sich hinter der Desertec-Idee schaarte, erschien das Projekt vielen Kommentatoren als Vision von übereifrigen Ingenieuren, die ein bischen zuviel Sonne abbekommen haben. Insbesondere die erforderlichen Investitionen von rund 400 Milliarden Euro hat viele verschreckt. Doch langsam kommen die ersten Puzzleteile zusammen: So hat die Weltbank erstens 750 Millionen Dollar für den Bau von elf solarthermischen Kraftwerken in Ägypten, Algerien, Jordanien, Marokko und Tunesien zur Verfügung gestellt. Das Weltbank-Geld soll Investitionen von insgesamt 5,5 Milliarden Dollar auslösen.
Besonders aggressiv treibt Marokko die Entwicklung einer solarthermischen Energiewirtschaft voran. Das einzige nordafrikanische Land, das schon heute an das europäische Stromnetz angeschlossen ist, will bis 2020 neun Milliarden Dollar in erneuerbare Energien investieren. Nach Angaben des Desertec-Chefs Paul van Son zeichnet sich denn auch ab, dass Marokko Standort der ersten Desertec-Kraftwerke sein wird.

Das Parabolrinnen-Kraftwerk Andasol 1: Modell für die Energiezukunft aus der Sahara. (Foto: solarmillennium.de)
Der europäische Teil des Supergrids macht zweitens ebenfalls Fortschritte: Rund um die Nord- und womöglich die Ostsee soll ein Supergrid gebaut werden, das den Windstrom zu den Verbrauchern oder zu Energiespeichern wie den Pumpspeicherkraftwerken in Norwegen transportiert.
Und drittens schließlich hat Desertec seit Kurzem ein politisches Aushängeschild: Klaus Töpfer, der ehemalige deutsche Umweltminister und Chef der UN-Umweltbehörde UNEP, wird für Desertec die nötigen Kontakte zu den Regierungen der Mittelmeeranrainer knüpfen. Hilfreich dürfte dabei sein, dass die EU-Mittelmeerunion mittlerweile zumindest ein Büro und einen Chef hat. Von Barcelona aus wird der jordanische Diplomat Ahmed Massade versuchen, dem Bündnis aus 43 Ländern Leben einzuhauchen.
Und dann steigt auch hierzulande die Akzeptanz: "In Nordafrika gibt es beste Ressourcen für die Nutzung von Sonne und Wind", erklärte vorige Woche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Er sagte auch: "Darin steckt ein gewaltiges Potential zur Deckung der Stromnachfrage in der Region und für eine sichere und klimafreundliche Stromversorgung in der EU." Morgen nun zeichnet die Initiative "Deutschland - Land der Ideen" Desertec als "Ausgewählter Ort" in der Kategorie "Umwelt und Energie" aus. Begründung: Der Foundation sei es vorbildlich und erfolgreich gelungen, politische, ökonomische und zivilgesellschaftliche Interessen in Fragen der Energie- und Klimasicherheit zu bündeln. Die Preisverleihung findet in der Heinrich-Böll-Stiftung statt.
Dennoch ist es noch ein langer Weg, bis Desertec ein wichtiger Pfeiler der europäischen Außen-, Energie- und Sicherheitspolitik werden kann. Kritik kommt dabei aus verschiedenen Richtungen: Einige fürchten eine Art von Energie-Imperialismus. Anderen missfällt, dass Desertec von der Großindustrie getragen wird und verlangen, dass sich Europa auf die dezentrale Energieerzeugung in Europa konzentriert. Und wieder andere befürchten, dass Europa von Stromimporten aus unsicheren Lieferländern abhängig wird.

Das weltweit größte solarthermische Kraftwerk Andasol in Spanien: 312 Solarkollektoren auf einer Gesamtlänge von rund 90 Quadrat-Kilometern. (Foto: Solar Millennium)
Die größten Hürden dürften aber die Finanzierung und die Streitigkeiten zwischen den Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens sein. Um die gigantischen Investitionen stemmen zu können braucht die Industrie eine Abnahmegarantie für den Wüstenstrom. Doch bislang verfügt Europa noch nicht mal über einen funktionierenden Binnenmarkt für Energie, geschweige denn über die Möglichkeit, eine Einspeisevergütung für erneuerbare Energien aus Drittländern zu vereinbaren.
Noch schwieriger dürfte es allerdings sein, die südlichen Mittelmeeranrainer zur Zusammenarbeit zu bewegen: Auch wenn man von Israel absieht, ist hier Streit zwischen Nachbarstaaten eher die Regel denn die Ausnahme. Die europäische Industrie kann somit Desertec nicht im Alleingang umsetzen, sondern ist auf politische Schützenhilfe angewiesen. Da trifft es sich gut, dass die EU-"Außenministerin" für eine starke EU-Außenpolitik plädiert. Und dazu gehört eben auch eine gemeinsame Energie-Außenpolitik für den Mittelmeerraum, denn Europas Sicherheit hängt nicht zuletzt von der Entwicklung dieser Region ab. Die Industrieinitiative Desertec könnte so für Europa strategische Bedeutung erlangen.
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