Werbung

Preise .info-Award 2010 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009 Umwelt-Medienpreis 2008
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

"Keine Werbung für grünen Kapitalismus"

300 Freie Radios aus sieben EU-Ländern haben Ende Januar eine "Radiokampagne für eine klimagerechte Gesellschaft" gestartet. Bis zum Herbst werden in insgesamt 30 Sendungen der Klimawandel und "Wege in die Post-Erdöl-Gesellschaft" beleuchtet, wird nach zukunftsfähigen Konzepten gesucht und vor Schein-Lösungen gewarnt. wir-klimaretter.de sprach mit  Luciano Ibarra von Radio Dreyeckland in Freiburg, der die Kampagne mitkonzipiert hat

dynamoeffect_logogross

wir-klimaretter.de: Braucht es wirklich noch eine Sendereihe von Alternativradios zum Klimaschutz? Ist das Thema nicht längst so etabliert, dass alle großen Medien darüber berichten?

Luciano Ibarra: Natürlich, unsere Radiokampagne ist nur ein weiterer Beitrag zum Thema. Aber wir haben schon etwas Besonderes versucht: den Best-Practice-Ansatz. Wir haben also geguckt, welche gesellschaftlichen oder technologischen Neuigkeiten es auf den verschiedenen Gebieten gibt – bei Ernährung, Mobilität, Wohnen und so weiter.

Wir wollten nach Lösungen suchen, haben aber immer auch gefragt, ob diese wirklich auf eine klimagerechte Welt hinarbeiten. Oder doch nur wieder alte Fehler reproduzieren, etwa die Ideologie vom Wachstum. Bei der Mobilität ist zum Beispiel die große Frage, ob da künftig nur Energieverbrauch von einer Ecke in die andere verlagert wird – Elektroautos bedienen im Kern ja doch wieder nur das unzeitgemäße Konzept von Individualverkehr.

Unsere Kampagne versucht jedenfalls nicht, Werbung für einen grünen Kapitalismus zu machen.

Sie sprechen von einer "klimagerechten" Welt und nicht von einer "klimaschonenden" – was ist der Unterschied?

dynamoeffect_detail1Den Begriff versucht ja auch die Klimabewegung gerade zu etablieren. Klar ist, dass man auch soziale Aspekte beim Klimathema mitdenken muss: die Frage etwa, welche Verantwortung am Zustandekommen des Problems die industrialisierten Staaten tragen oder wie die Folgen der Erderwärmung weltweit verteilt sein werden. Und beim Klimawandel darf man nicht glauben, dass es für alle Probleme eine technologische Lösung gibt – es geht viel auch um gesellschaftliche oder ökonomische Strukturen.

Und was verstehen Sie unter einer "klimagerechten Gesellschaft" in Deutschland?

Naja, in allen Bereichen wie Mobilität, Wohnen, Ernährung, Konsum und so weiter muss soweit wie möglich frei von fossilen Brennstoffen operiert werden. Es darf nur noch so wenig wie möglich verbraucht werden, um dem Rest der Welt nicht die Ressourcen zu stehlen. Die gesamte Gesellschaft muss so organisiert sein, dass sie mit viel weniger auskommt und die Armen hierzulande weiter ein menschenwürdiges Leben führen können. Mit alledem stehen wir noch ziemlich am Anfang.

Radio-Dreyeckland_imagelarge

Studioatmosphäre bei Radio Dreyeckland in Freiburg. (Foto: Ingenieure ohne Grenzen)

Sie bezeichnen Ihre Sendreihe als "Radiokampagne", sind Sie eher Aktivisten als Journalisten?

Die Übergänge sind sicherlich fließend. Inhaltlich haben wir eine klare Positionierung: Wir wollen eine klimagerechte Welt – und deshalb gucken wir, wie sie aussehen kann. Wir machen Umfragen, suchen Experten und so weiter. Zu jeder Sendung bieten wir  ergänzende Materialien an, haben gemeinsam mit Leuten aus Umweltverbänden Infoblätter mit den wichtigsten Fakten und Zahlen zusammengestellt.

"Kampagne" bedeutet auch, dass wir ein Netzwerk von fast 30 freien Radios in Deutschland geknüpft haben, die alle 30 Sendungen ausstrahlen – europaweit machen sogar Radios aus sechs weiteren Ländern mit, aus Frankreich, Irland, Italien, Österreich, Ungarn und Spanien.

Sie haben Positivbeispiele für Klimagerechtigkeit gesucht – welche haben Sie gefunden? Und welche verworfen?

dynamoeffect_detail2Oft war es eine Summe von kleinen Ansätzen. Beim Wohnen zum Beispiel beschreiben wir Leute, die in einer Siedlung aus Passivhäusern wohnen, also in Gebäuden mit extrem niedrigen Energieverbrauch. Klimagerecht wird das Ganze dadurch, dass die Leute nach Konzepten gesucht haben, diese Häuser auch sozial zu finanzieren - sodass es nicht ein Luxus bleibt von irgendwelchen reichen Öko-Yuppies.

Wir haben Initiativen gefunden, die an einer Landwirtschaft ohne fossile Brennstoffe arbeiten. Gerade im Ernährungsbereich ist die Herausforderung ja riesig, weniger Energie zu verbrauchen und Treibhausgase zu emittieren. Da muss weitgehend auf Fleisch verzichtet werden und auf künstliche Düngemittel und lange Transportwege. Heute ist es ja so, dass für eine Kalorie auf dem Teller bis zu zehn Kalorien fossile Brennstoffe verbraucht wurden.

Oder bei Biomasse: Heizen mit Holz gilt fälschlicherweise als klimaneutral. Der Wald als intaktes Ökosystem speichert eine Menge Kohlenstoff, etwa im Boden – doch sobald man die Wälder ausfegt und alles mögliche an Holz herausholt, geht ein Gutteil der Speicherfähigkeit verloren. Man muss sehr aufpassen, wenn Energiepflanzen als Klimaretter gepriesen werden!

Wann kann man Ihre Sendungen hören?

Das ist in jedem der 30 angeschlossenen Radios unterschiedlich, sie haben jeweils eigene Sendepläne. Meist werden die Beiträge einmal pro Woche ausgestrahlt, also von jetzt an bis in den Herbst hinein.

Aber alle unsere Beiträge sind auch online, man kann sie kostenlos auf unserer Website www.dynamoeffect.org herunterladen. Ich hoffe sehr auf die Multiplikationskraft des Internets, also darauf, dass viele Leute die Podcasts auf dem mp3-Player hören, sie weitergeben, im Bekanntenkreis weiterempfehlen und so weiter.

Das ganze Projekt heißt "DynamoEffect" – was soll der Name eigentlich bedeuten?

dynamoeffect_detail3Er sollte in den verschiedenen EU-Ländern verständlich sein und an "Domino-Effekt" erinnern. Denn spätestens nach der Weltklimakonferenz in Kopenhagen ist vielen klargeworden, dass die Wende in eine klimagerechte Welt eher nicht von Regierungen oder von der profitorientierten Industrie zu erwarten ist - sondern mehr von Initiativen und sozialen Bewegungen von unten, die genau wie bei einem Dynamo, aus der eigenen Kraft heraus Energie erzeugen.

INTERVIEW: TORALF STAUD

Die Liste der beteiligten Radios - von Bremen und Rostock über Hannover, Kassel, Leipzig, Jena, Dresden, Nürnberg bis Ulm und Stuttgart - unter www.dynamoeffect.org
Weitere Informationen und alle Audiodateien
stehen auch auf der Internetseite von Radio Dreyeckland

 

Abbildungen: dynamoeffect.org

Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]

Werbung

Dies könnte Sie auch interessieren:

Mittwoch, 19. Oktober 2011, 15:01 Uhr
Der Herbst - ein Auslaufmodell
etscheidDer Klimawandel lässt den Herbst in Mitteleuropa zu einer Art graugrüner Einheitsjahreszeit werden. Und jetzt machen ihm die Werbeleute auch noch den semantischen Garaus. [mehr...]
Donnerstag, 06. Mai 2010, 07:08 Uhr
EU zeigt Permafrost in neuem Atlas
permafrost-euWenn die Kühltruhe der Erde taut: Mit einem Permafrost-Atlas will die EU-Kommission die Bedeutung der Dauerfrostböden des Nordens hervorheben [mehr...]
Dienstag, 07. Juni 2011, 11:01 Uhr
Erderwärmung: Das Interesse steigt
Die Zahl der Presseartikel zum Thema "Klimawandel" hat sich seit 1996 weltweit auf das vier- bis achtfache erhöht. Eine Studie der Universität Hamburg verweist auf Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern.
Von Nick Reimer [mehr...]
Donnerstag, 26. Januar 2012, 15:10 Uhr
Hochwassergefahr in Großbritannien steigt
Fünf Millionen Menschen sind von den Folgen der Erderwärmung bedroht, die Kosten könnten explodieren, so eine Studie [mehr...]
Sonntag, 04. September 2011, 07:11 Uhr
Hunger durch fehlende Klimaanpassung
Hungerkatastrophe in Ostafrika: FAO und Misereor kritisieren fehlende Maßnahmen zur Klimaanpassung [mehr...]
Samstag, 15. Oktober 2011, 18:41 Uhr
Klima wichtiger als Wirtschaftskrise
Europas Bürger sorgen sich mehr um den Klimawandel als um die Wirtschaftskrise. Laut dem aktuellen EU-Barometer sehen 51 Prozent die größte Gefahr in der Veränderung der Klimas [mehr...]
Dienstag, 01. März 2011, 13:08 Uhr
Klimawandel gefährdet Afrikas Ernten
Nach Kritik am IPCC: Potsdamer Forscher sehen "sehr großes" Schadenspotenzial durch Erderwärmung [mehr...]

Meinungen: Etscheits Alltagsstress

Danke, lieber Fritz Vahrenholt!

etscheid Energiekonzerne können bohren, fracken und teersanden so viel sie wollen, ohne dass ihnen linksradikale Umweltschützer noch in die ölige Suppe spucken können. Alles wird gut. Vielen Dank, liebe Sonne! Vielen Dank, Fritz Vahrenholt! [mehr...]

Meinungen: Kommentar

Keine Blackout-Angst

Der Winter ist kalt und das Stromnetz bleibt stabil - die Energiewende führt nicht zum befürchteten Blackout.Ein Kommentar von Joachim Wille [mehr...]

mehr...

Werbung

Jahresrückblick
2011: Das Jahr der Rekorde

Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, Bundeskanzlerin Angela Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Hamburger Mucken auf. Neuer Schmelzrekord in der Aktis, neuer Emissionsrekord in der Atmosphäre und so viel Flugpassagiere wie noch nie - der Jahresrückblick 2011. [mehr]


Aktion des Monats

US-Waldgesetz retten

In den USA formieren sich Lobbyisten nachdem US-Behörden dem Gitarrenbauer Gibson die Einfuhr von illegalen Tropenhölzern nachweisen konnten. Vorn dabei: Die rechtskonservative Tea Party. Gemeinsam wollen diese das Lacey-Gesetz, dass den Import der Tropenhölzer für illegal erklärt, kippen. [mehr]

Durban 2011

Klimakonferenz Durban

Was war die 17. UN-Klimakonferenz - eine weitere Pleite der Diplomatie oder der Startschuss für das bitter nötige globale Klimaabkommen? Alle Berichte unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Südafrika können Sie im Durban-Dossier nachlesen.  [mehr]

Neue Klimaretter-Serie 
Die Gesetze der Energiewende

Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit  Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist.


Lexikon

Das ABC der Klimaretter

Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr]

In eigener Sache

Klimaretter abonnieren!

Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann unterstützen Sie uns, denn unabhängiger Journalismus kostet Geld. Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...]

Werbung

Bild & Vahrenholt: Die Lüge von der CO2-Lüge

Der Chef des Springer-Verlags, Matthias Döpfner, hat vor Jahren mal über sein Boulevardblatt Bild gesagt: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Das betrifft offenbar nicht nur Promis, sondern auch[…] [mehr...]

Klimaretter-Dossiers

Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs

Klimakonferenz-Specials

Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13


Werbung


Ressorts

Politik


Kanzlerin auf Rohstoffsuche

Angela Merkel (CDU) trifft sich heute mit dem Präsidenten von Kasachstan, um über die Lieferung von seltenen Erden zu verhandeln [mehr...]
Protest


Facebook: Sonne gegen Rösler

Wegen Solarkürzungen: Facebook-Nutzer wetten gegen Wirtschaftsminister [mehr...]
Mobilität


Kalifornien erzwingt mehr saubere Autos

Neue Abgasregeln sollen CO2-Ausstoß im Verkehr bis 2025 um 52 Millionen Tonnen senken [mehr...]
Forschung

mann3_cr
Rechtshilfefonds für US-Klimaforscher

Organisation will Wissenschaftler wie Michael Mann beim Kampf gegen juristische Angriffe von "Klimaskeptikern" unterstützen [mehr...]
Wohnen


Heizkosten kosten nach Verbrauch

Urteil des Bundesgerichtshof: Eine pauschale Abrechnung ist "ungerecht" - und deshalb verboten [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar


Keine Blackout-Angst

Der Winter ist kalt und das Stromnetz bleibt stabil - die Energiewende führt nicht zum befürchteten Blackout.
Ein Kommentar von Joachim Wille
[mehr...]
Standpunkte


Biogas: unverzichtbar für die Energiewende

Die pauschale Kritik an der "Vermaisung" der Landschaft ist falsch, meint der Geschäftsführer des Fachverband Biogas, Claudius da Costa Gomez, in einem Gastbeitrag. Zukünftig würden auch alternative Energiepflanzen wie Rüben für die Stromerzeugung verwendet werden. Auch auf den Humus-Haushalt habe der Biomasseanbau keine negativen Auswirkungen. Teil fünf unserer Debattenserie zu den Folgen des Atomausstiegs.
Von Claudius da Costa Gomez
[mehr...]
Rezension


Ruht der Wind sich jemals aus?

Warum sind die Wolken flauschig? Wieso ist die Erde nicht tiefgefroren? Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf präsentiert Wetter und Klima als Abenteuer für Kinder.
Eine Rezension
von Toralf Staud
[mehr...]
Kolumnen

nick3
Wie die FDP Ihr Geld klaut

Der Wirtschaftsminister will 250 Großkunden die EEG-Umlage von deren Strompreis abziehen. Das kostet Sie vielmehr Geld als der Ausbau der erneuerbaren Energien! [mehr...]
Überraschung der Woche


Transparenz, EEG und die Ananas des Herrn Großmann

Kalenderwoche 5: Was steckt hinter dem Solarbashing des Wirtschaftsministers?, fragt sich Matthias Willenbacher, Gründer des Unternehmens juwi und Mit-Herausgeber von klimaretter.info [mehr...]