"Keine Werbung für grünen Kapitalismus"
300 Freie Radios aus sieben EU-Ländern haben Ende Januar eine "Radiokampagne für eine klimagerechte Gesellschaft" gestartet. Bis zum Herbst werden in insgesamt 30 Sendungen der Klimawandel und "Wege in die Post-Erdöl-Gesellschaft" beleuchtet, wird nach zukunftsfähigen Konzepten gesucht und vor Schein-Lösungen gewarnt. wir-klimaretter.de sprach mit Luciano Ibarra von Radio Dreyeckland in Freiburg, der die Kampagne mitkonzipiert hat

wir-klimaretter.de: Braucht es wirklich noch eine Sendereihe von Alternativradios zum Klimaschutz? Ist das Thema nicht längst so etabliert, dass alle großen Medien darüber berichten?
Luciano Ibarra: Natürlich, unsere Radiokampagne ist nur ein weiterer Beitrag zum Thema. Aber wir haben schon etwas Besonderes versucht: den Best-Practice-Ansatz. Wir haben also geguckt, welche gesellschaftlichen oder technologischen Neuigkeiten es auf den verschiedenen Gebieten gibt – bei Ernährung, Mobilität, Wohnen und so weiter.
Wir wollten nach Lösungen suchen, haben aber immer auch gefragt, ob diese wirklich auf eine klimagerechte Welt hinarbeiten. Oder doch nur wieder alte Fehler reproduzieren, etwa die Ideologie vom Wachstum. Bei der Mobilität ist zum Beispiel die große Frage, ob da künftig nur Energieverbrauch von einer Ecke in die andere verlagert wird – Elektroautos bedienen im Kern ja doch wieder nur das unzeitgemäße Konzept von Individualverkehr.
Unsere Kampagne versucht jedenfalls nicht, Werbung für einen grünen Kapitalismus zu machen.
Sie sprechen von einer "klimagerechten" Welt und nicht von einer "klimaschonenden" – was ist der Unterschied?
Den Begriff versucht ja auch die Klimabewegung gerade zu etablieren. Klar ist, dass man auch soziale Aspekte beim Klimathema mitdenken muss: die Frage etwa, welche Verantwortung am Zustandekommen des Problems die industrialisierten Staaten tragen oder wie die Folgen der Erderwärmung weltweit verteilt sein werden. Und beim Klimawandel darf man nicht glauben, dass es für alle Probleme eine technologische Lösung gibt – es geht viel auch um gesellschaftliche oder ökonomische Strukturen.
Und was verstehen Sie unter einer "klimagerechten Gesellschaft" in Deutschland?
Naja, in allen Bereichen wie Mobilität, Wohnen, Ernährung, Konsum und so weiter muss soweit wie möglich frei von fossilen Brennstoffen operiert werden. Es darf nur noch so wenig wie möglich verbraucht werden, um dem Rest der Welt nicht die Ressourcen zu stehlen. Die gesamte Gesellschaft muss so organisiert sein, dass sie mit viel weniger auskommt und die Armen hierzulande weiter ein menschenwürdiges Leben führen können. Mit alledem stehen wir noch ziemlich am Anfang.

Studioatmosphäre bei Radio Dreyeckland in Freiburg. (Foto: Ingenieure ohne Grenzen)
Sie bezeichnen Ihre Sendreihe als "Radiokampagne", sind Sie eher Aktivisten als Journalisten?
Die Übergänge sind sicherlich fließend. Inhaltlich haben wir eine klare Positionierung: Wir wollen eine klimagerechte Welt – und deshalb gucken wir, wie sie aussehen kann. Wir machen Umfragen, suchen Experten und so weiter. Zu jeder Sendung bieten wir ergänzende Materialien an, haben gemeinsam mit Leuten aus Umweltverbänden Infoblätter mit den wichtigsten Fakten und Zahlen zusammengestellt.
"Kampagne" bedeutet auch, dass wir ein Netzwerk von fast 30 freien Radios in Deutschland geknüpft haben, die alle 30 Sendungen ausstrahlen – europaweit machen sogar Radios aus sechs weiteren Ländern mit, aus Frankreich, Irland, Italien, Österreich, Ungarn und Spanien.
Sie haben Positivbeispiele für Klimagerechtigkeit gesucht – welche haben Sie gefunden? Und welche verworfen?
Oft war es eine Summe von kleinen Ansätzen. Beim Wohnen zum Beispiel beschreiben wir Leute, die in einer Siedlung aus Passivhäusern wohnen, also in Gebäuden mit extrem niedrigen Energieverbrauch. Klimagerecht wird das Ganze dadurch, dass die Leute nach Konzepten gesucht haben, diese Häuser auch sozial zu finanzieren - sodass es nicht ein Luxus bleibt von irgendwelchen reichen Öko-Yuppies.
Wir haben Initiativen gefunden, die an einer Landwirtschaft ohne fossile Brennstoffe arbeiten. Gerade im Ernährungsbereich ist die Herausforderung ja riesig, weniger Energie zu verbrauchen und Treibhausgase zu emittieren. Da muss weitgehend auf Fleisch verzichtet werden und auf künstliche Düngemittel und lange Transportwege. Heute ist es ja so, dass für eine Kalorie auf dem Teller bis zu zehn Kalorien fossile Brennstoffe verbraucht wurden.
Oder bei Biomasse: Heizen mit Holz gilt fälschlicherweise als klimaneutral. Der Wald als intaktes Ökosystem speichert eine Menge Kohlenstoff, etwa im Boden – doch sobald man die Wälder ausfegt und alles mögliche an Holz herausholt, geht ein Gutteil der Speicherfähigkeit verloren. Man muss sehr aufpassen, wenn Energiepflanzen als Klimaretter gepriesen werden!
Wann kann man Ihre Sendungen hören?
Das ist in jedem der 30 angeschlossenen Radios unterschiedlich, sie haben jeweils eigene Sendepläne. Meist werden die Beiträge einmal pro Woche ausgestrahlt, also von jetzt an bis in den Herbst hinein.
Aber alle unsere Beiträge sind auch online, man kann sie kostenlos auf unserer Website www.dynamoeffect.org herunterladen. Ich hoffe sehr auf die Multiplikationskraft des Internets, also darauf, dass viele Leute die Podcasts auf dem mp3-Player hören, sie weitergeben, im Bekanntenkreis weiterempfehlen und so weiter.
Das ganze Projekt heißt "DynamoEffect" – was soll der Name eigentlich bedeuten?
Er sollte in den verschiedenen EU-Ländern verständlich sein und an "Domino-Effekt" erinnern. Denn spätestens nach der Weltklimakonferenz in Kopenhagen ist vielen klargeworden, dass die Wende in eine klimagerechte Welt eher nicht von Regierungen oder von der profitorientierten Industrie zu erwarten ist - sondern mehr von Initiativen und sozialen Bewegungen von unten, die genau wie bei einem Dynamo, aus der eigenen Kraft heraus Energie erzeugen.
INTERVIEW: TORALF STAUD
Die Liste der beteiligten Radios - von Bremen und Rostock über Hannover, Kassel, Leipzig, Jena, Dresden, Nürnberg bis Ulm und Stuttgart - unter www.dynamoeffect.org
Weitere Informationen und alle Audiodateien
stehen auch auf der Internetseite von Radio Dreyeckland
Abbildungen: dynamoeffect.org
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